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Aus: Ausgabe vom 26.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Ein Grüner schämt sich

Chronik eines Überfalls (Teil 8), 26.3.1999: Ein Exmilitär, ein Grüner und die Helden des Herbstes 1989
Von Rüdiger Göbel
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»Militärisch wertlos«: Trümmer eines von NATO-Raketen zerstörten Einkaufszentrums in Pristina, 26. März 1999

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. JW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Das »Mordkommando bombt weiter«, titelt jW am 26. März 1999. Die Ankündigungen nach dem zweiten Kriegstag sind monothematisch: Krieg. Folgen den Bomben bald Bodentruppen, wollen wir von dem früheren Flottillenadmiral und Chef des Militärischen Abschirmdienstes Elmar Schmähling wissen, der zum wichtigen Kämpfer der Friedensbewegung wird. Er ist glaubhaft froh, »nicht mal mehr Angehöriger der Reserve dieser Armee« zu sein. »Selbst als Reservist oder Ruheständler wollte ich nicht in einer Armee dienen, die wieder anknüpft an alte militärische Traditionen. Ich war unter der Voraussetzung Soldat geworden, ausschließlich der Landesverteidigung zu dienen. Jetzt aber wird Militär wieder eingesetzt, um mit militärischer Gewalt Interessen durchzusetzen – auf der Grundlage des Rechts des Stärkeren. Damit möchte ich nichts zu tun haben.« Die Luftattacken auf Ziele in Jugoslawien seien »eine Mischung zwischen Feigheit und Abenteurertum«, so der Exmilitär, und »militärisch wertlos«. Sie hätten ausdrücklich nur das Ziel, moralische Wirkung zu erzielen. »Ohne die Bereitschaft, Bodentruppen einzusetzen, ist der Beginn mit einem Luftangriff militärisch unsinnig.« Schmähling hat Anzeige erstattet gegen die Regierungsspitze wegen Vorbereitung eines Angriffskrieges. »Ich erwarte nicht, dass Scharping, Schröder oder Fischer in den Knast gehen, was ich ihnen wünschen würde.« Er schätzt richtig ein: »Das wird natürlich abgeschmettert.«

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Auch Willy Wimmer, CDU-Bundestagsabgeordneter und Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der OSZE, kritisiert das Vorgehen der NATO als »sehr großen Fehler«. »Und ich stehe in Übereinstimmung mit der Parlamentarischen Versammlung der OSZE, die mit fast 90prozentiger Mehrheit immer wieder zum Ausdruck gebracht hat: Wenn man sich militärisch engagiert, dann kann das nur mit einem Mandat des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen gehen.«

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»Ich finde diesen Krieg entsetzlich«, erklärt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele gegenüber jW. Während seine Fraktionskollegin Angelika Beer »unseren Soldaten« wünscht, »dass sie gesund wiederkommen«, schämt er sich für sein Land, »das jetzt wieder im Kosovo Krieg führt und das wieder Bomben auf Belgrad wirft«. Im Bundestag kritisiert Ströbele die Nichtbefassung mit der Kriegführung: »Ich verstehe meine Fraktion nicht, die für mehr Frieden in der Welt angetreten ist, die eine Friedenspolitik machen will. Sie setzt sich hier hin und ist damit einverstanden, dass, wenn von deutschem Boden nach 54 Jahren wieder Krieg ausgeht, darüber hier nicht einmal geredet wird. (…) Fragen Sie sich einmal, was es für einen Eindruck macht, wenn wir uns jetzt mit der Veränderung des Sachenrechts oder des DNA-Identitätsfeststellungsgesetzes beschäftigen, während deutsche Soldaten im Kosovo, in Belgrad, in Montenegro Bomben werfen.«

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Werner Pirker kommentiert in jW: »Die Desintegration Jugoslawiens erfolgte nicht, weil hier der entscheidende Widerspruch gegen die neue Weltordnung erwartet wurde. Es ist die Probe aufs Exempel. Das eigentliche Ziel besteht in der völligen Unterwerfung Russlands. Die verbrannte Erde, die die IWF-Reformen in Russland hinterließen, hat ein riesiges Widerstandspotential erzeugt. Dem ›Vaterländischen Krieg‹ der Russen soll präventiv begegnet werden.« Die Konfrontationspolitik gegen Moskau ist die Konstante der NATO in den folgenden 20 Jahren.

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Nach den »Helden des Herbstes 1989« fragt jW-Chefredakteur Holger Becker: »Was sagen eine Christa Wolf, ein Christoph Hein oder Stefan Heym heute?« In Leipzig hat die Buchmesse begonnen. »Es gibt doch einen wichtigen Grund, den Mund aufzumachen. (…) Jetzt ist Krieg. Und keiner von den Helden des Herbstes sagt ein klares Wort.« Das soll sich ändern, das Interview-Ressort holt in den folgenden Tagen Statements ein – zum Teil ernüchternde.

Nächster Teil morgen: Statements von Peter Hacks und Hermann Kant, aber keines von Christa Wolf

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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