Gegründet 1947 Donnerstag, 25. April 2019, Nr. 96
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 26.03.2019, Seite 2 / Ausland
»Buen Vivir« in Guatemala

»Kein Kind bräuchte zu hungern«

Guatemala: Präsident wird im Juni neu gewählt. Gewalt gegen Landarbeiterorganisation. Ein Gespräch mit Thelma Cabrera
Interview: Thorben Austen
S 2 Kopie.jpg
Demonstration der MLP mit Kandidatin Thelma Cabrera (24.3.2019)

Am 16. Juni wird in Guatemala ein neuer Staatspräsident gewählt. Voraussichtlich treten bis zu 30 Parteien an, zwölf davon zum ersten Mal. Sie kandidieren für die MLP, die »Bewegung für die Befreiung der Völker«. Die Partei wurde im März 2016 aus der Landarbeiterorganisation »Komitee für bäuerliche Entwicklung«, kurz Codeca, heraus gegründet und versteht sich als Instrument der sozialen Bewegungen. Was sind Ihre Ziele?

In Guatemala ist der Großteil der Bevölkerung, insbesondere die indigenen Völker, vom nationalen Reichtum und von politischer Mitbestimmung ausgeschlossen. Alle Vorschläge, die Codeca gemacht hat, wurden von der herrschenden Politik ignoriert. Daher hat Codeca zusammen mit anderen sozialen Bewegungen beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und mit der MLP ein politisches Instrument gegründet.

Unsere konkreten Ziele sind die Vergesellschaftung aller privatisierten Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge, ein plurinationaler Staat, Autonomieregelungen für die indigenen Völker und die Einleitung der Konstituierung einer verfassungsgebenden Nationalversammlung. Des weiteren wollen wir die Gehälter der Abgeordneten und der höheren Staatsangestellten entscheidend reduzieren. Bis es soweit ist, werden unsere Abgeordneten den Großteil ihres Gehaltes für politische Aktivitäten verwenden, um unseren Kampf voranzubringen.

Was meinen Sie mit einem pluri­nationalen Staat?

Wir haben in Guatemala 22 Sprachen und vier Völker: Mayas, Garifunas, Xinkas und Mestizen. Alle diese Völker müssen mit ihrer Kultur und Sprache in der guatemaltekischen Verfassung und in der Politik berücksichtigt werden.

Sie fordern in Ihrem Programm »Buen Vivir«, das »gute Leben«. Können Sie das näher erläutern?

Das gute Leben meint, neben den Rechten der Menschen auch die Rechte der Natur, der »Madre Tier ra«, zu berücksichtigen. Wir fordern den Erhalt der Umwelt. Das beinhaltet die Verteidigung unserer Territorien gegen Bergbaugesellschaften, andere Großprojekte und exportorientierte Monokulturen wie großflächige Zuckerrohrplantagen. Wir vermeiden die Begriffe Wachstum und Entwicklung, wenn damit nur die materielle Steigerung des Lebensstandards gemeint ist. Das Territorium Guatemalas ist begrenzt, die Bevölkerung wächst. Gua­temala ist kein armes Land, es verfügt über vielfältige natürliche Ressourcen. Kein guatemaltekisches Kind bräuchte zu hungern – in der heutigen Realität sind aber 70 Prozent aller Kinder auf dem Land chronisch unterernährt.

Viele Mitglieder von Codeca wurden ermordet. Befürchten Sie, dass Repression und Gewalt mit Blick auf den Wahlkampf weiter zunehmen werden?

Die Gewalt begegnet uns täglich. Spätestens seit 2012 werden unsere Mitglieder ermordet, kriminalisiert, ins Gefängnis geworfen und als »Terroristen« bezeichnet. Mit der Gründung der MLP hat das noch zugenommen. Im letzten Jahr gab es innerhalb von zwei Monaten sieben Morde, unter anderem an Menschenrechtsanwälten von Codeca. Aktuell gab es zwei weitere Verbrechen. Nur wenige Tage nach der Anmeldung unserer Kandidaten in der Wahlbehörde gab es am 17. März den Mord an einem Genossen im Bezirk Petén, und seit dem 19. März ist unser Mitglied Ivone Mazariegos spurlos verschwunden. Sie ist die Schwiegertochter unseres Kandidaten für das Bürgermeisteramt in der Gemeinde San Andrés Villaseca im Departamento Retalhuleu.

Sie sprachen von einer Zunahme der Repression seit 2012, also seit dem Amtsantritt von Otto Pérez Molina (Präsident Guatemalas bis 2015, jW)?

Ja, Otto Pérez Molina war ein Militär, der selbst als Offizier im Bürgerkrieg in Verbrechen verstrickt war. Sein Nachfolger James »Jimmy« Morales hat selbst zwar keine militärische Vergangenheit, aber seine Partei FCN wurde von Exmilitärs gegründet. Morales’ hetzerische Reden gegen Codeca und andere soziale Bewegungen können als Aufforderung für neue Morde verstanden werden. Die Morde werden von staatlicher Seite kaum untersucht und so gut wie nie aufgeklärt.

Thelma Cabrera ist Spitzenkandidatin der MLP für das Amt des guate­maltekischen Staatspräsidenten und gehört zur Mam-Volksgruppe der Maya

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland