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Aus: Ausgabe vom 26.03.2019, Seite 1 / Titel
Nahostkonflikt

Angst vor neuem Krieg

Getötete Demonstranten im Gazastreifen, verletzte Kinder in Israel: Im Nahen Osten droht Eskalation der Gewalt
Von jW-Bericht
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Trauer um den von israelischen Soldaten erschossenen Habib Al-Masri am Sonntag in Gaza

Die Tötung von drei palästinensischen Demonstranten durch israelische Soldaten am Wochenende, neue Bombenangriffe der israelischen Luftwaffe auf den Gazastreifen und eine Raketenattacke aus dem palästinensischen Gebiet auf ein Wohnhaus nordöstlich von Tel Aviv haben im Nahen Osten die Sorge vor einer weiteren Eskalation der Gewalt geschürt.

Die am Montag aus Rafah im südlichen Gazastreifen abgefeuerte Rakete habe in Mischmeret, rund 30 Kilometer von der Küstenmetropole Tel Aviv entfernt, großen Schaden angerichtet, sagte eine Armeesprecherin. Nach Angaben von Sanitätern wurden sieben Menschen verletzt, unter ihnen ein Baby, ein dreijähriges Kleinkind und eine Zwölfjährige. Das Gebäude wurde bei dem Einschlag weitgehend zerstört. Der Familienvater erzählte dem israelischen Fernsehen, die Familie sei nach dem Heulen der Alarmsirenen in einen Luftschutzraum gerannt. »Wir stehen alle unter Schock.«

Die israelische Regierung kündigte eine noch schärfere Abriegelung des Gazastreifens an. Eine Infanterie- und eine Panzerbrigade sollen an die Demarkationslinie verlegt werden. Zudem werde man Reservisten in verschiedenen Einheiten einberufen. Außerdem wurden die Grenzübergänge in den Gazastreifen gesperrt und palästinensischen Fischerbooten das Auslaufen untersagt. Zudem bombardierten israelische Flugzeuge erneut Ziele im Gazastreifen.

Israel machte die dort regierende Hamas für den Angriff verantwortlich. Der frühere US-Botschafter in Israel, Daniel Shapiro, spekulierte bei Twitter, die islamische Organisation wolle eine neue Eskalation herbeiführen, um von zunehmenden Protesten gegen ihre Herrschaft abzulenken und die Wut der Menschen auf Israel zu lenken. Dem widersprach der palästinensische Politikexperte Mustafa Al-Sawaf. Die Hamas habe kein Interesse an einem neuen Krieg mit Israel, sagte er der Deutschen Presseagentur. Die Proteste zeigten jedoch den Ernst der Lage im Gazastreifen, die wegen der harten Bedingungen jederzeit explodieren könne. In dem Küstengebiet leben rund zwei Millionen Menschen unter schwierigsten Bedingungen. Aufgrund der Blockade durch Israel und Ägypten mangelt es unter anderem an Trinkwasser und Strom.

Interesse an mehr Gewalt könnte allerdings der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu haben, der bei den Parlamentswahlen am 9. April um sein Amt kämpft. »Es gab hier einen bösartigen Angriff auf den Staat Israel, und wir werden mit Nachdruck reagieren«, sagte er am Montag am Rande eines Besuchs in den USA. Er kündigte an, seine Visite abzukürzen und direkt nach dem für Montag (Ortszeit) vorgesehenen Treffen mit US-Präsident Donald Trump nach Israel zurückzukehren. Der erkannte am Montag offiziell die Zugehörigkeit der Golanhöhen zu Israel an.

Die deutsche Bundesregierung stellte sich einmal mehr an die Seite der israelischen Regierung. Das Auswärtige Amt in Berlin forderte »von allen Zurückhaltung« und ein Ende der Gewalt. »Wir rufen die Hamas und alle anderen militanten Gruppen auf, ihre Angriffe einzustellen. Dazu zählt auch, dass die Lage bei den Demonstrationen am Grenzzaun, wo am Wochenende drei Palästinenser ums Leben kamen, nicht weiter angeheizt wird.« Bei den wöchentlichen Protesten an der Demarkationslinie wurden in den vergangenen zwölf Monaten nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza mehr als 260 Palästinenser von israelischen Soldaten getötet und Tausende verletzt. Am Freitag, dem ersten Jahrestag der Proteste, wird mit neuen Großkundgebungen gerechnet.(dpa/AFP/Maan/PNN/jW)

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (26. März 2019 um 08:00 Uhr)
    Raketen der Hamas auf israelische Ziele dienen als meistgebrauchte und so gut wie nicht hinterfragte Rechtfertigung für israelische Militärschläge auf das im Grunde wehrlose Gaza. Bei Raketen der Hamas handelt es sich in der Regel um selbstgebastelte, unlenkbare »Kassam« und »Grad« mit Reichweiten von zehn bzw. 20 bis 45 Kilometern, die von tragbaren Lafetten abgefeuert werden. Das 60 km entfernte Tel Aviv könnte nur von »Fadschar 5« gerade noch erreicht werden. Diese werden im Iran hergestellt, sind 6,5 Meter lang, fast eine Tonne schwer und brauchen zum Abfeuern einen 15-Tonnen-Mercedes-Spezial-Lkw mit Vierfachrohren. Die Frage muss erlaubt sein, ob oder wie eine solch umfangreiches und auffälliges Equipment unbemerkt durch Tunnels transportiert und in Stellung gebracht werden kann?
  • Beitrag von Robert D. aus B. (26. März 2019 um 13:52 Uhr)
    Es ist sehr ärgerlich, auch hier in den Kommentaren lesen zu müssen, die Militärschläge Israels im Gazastreifen seien berechtigt. Zwar disqualifiziert sich der Autor dieser Aussage durch seine undifferenzierte Ausdrucksweise (Klerikalfaschisten, Verbrecherbande ...), und die von ihm verwendeten Versatzstücke lassen auch darauf schließen, dass hier einfach unreflektiert aus den bürgerlichen Medien abgeschrieben wurde. Aber man kann derartiges Befürworten von Staatsterror einer Besatzungsmacht gegen eine weitgehend wehrlose Zivilbevölkerung auch nicht unkommentiert stehen lassen. Es ist bekannt, dass der Staat Israel den Menschen in Gaza sogar das Überlebensnotwendige vorenthält, in der Hoffnung, die Menschen mögen sich aus lauter Verzweiflung gegen die Hamas wenden. Nebenbei werden immer wieder Menschen, die gegen das israelische Besatzungsregime demonstrieren, durch israelische Kräfte getötet. Wenn es als Reaktion auf diese unhaltbaren Zustände zur Gewaltanwendung von seiten der Belagerten kommt, ist das nicht schön, aber mehr als verständlich. Der Hamas automatisch die Urheberschaft dieses Raketenabschusses zuzuschreiben greift dabei zu kurz. Statt dessen sollte man sich die ganze Angelegenheit mal nach den Prinzip »Cui bono« ansehen, und da fällt freilich sofort auf, dass es just der israelische Ministerpräsident Netanjahu ist, der am meisten von diesem durch Israel provozierten Gewaltausbruch profitiert: Denn er kann sich jetzt durch hartes, militärisches Durchgreifen im Wahlkampf profilieren und gleichzeitig davon ablenken, dass zu Hause aus diversen Gründen gegen ihn ermittelt wird.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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