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Aus: Ausgabe vom 23.03.2019, Seite 15 / Geschichte
Geschichte Italiens

Mussolinis Terrorschwadronen

Vor 100 Jahren wurde mit der Gründung der Fasci di combattimento die Keimzelle des italienischen Faschismus gelegt
Von Gerhard Feldbauer
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»Die Höhle«, Sitz der »Fasci« und des Popolo d'Italia, im Bild Mussolinis Büro

Ihre Bewährungsprobe kam Ende 1920. Am 21. November jenes Jahres überfielen mehrere hundert bewaffnete Angehörige der Fasci italiani di combattimento die konstituierende Sitzung des neugewählten sozialistischen Gemeinderats von Bologna, neun Menschen kamen ums Leben. Mit der »Schlacht von Bologna« begann die Phase des faschistischen »Squadrismo«, der bewaffneten »Strafexpeditionen« gegen »rote« Partei- und Gewerkschaftshäuser, Zeitungsredaktionen, Arbeiterheime, Kulturhäuser, Gemeindeverwaltungen, Genossenschaften und Einzelpersonen. Die terroristischen Banden misshandelten Funktionäre der Arbeiterorganisationen auf der Straße und in ihren Wohnungen, erschlugen sie auf den Feldern und stellten ihre Leichen zur Schau. In Mailand und zahlreichen weiteren Städten zwangen sie die linken Verwaltungen zum Rücktritt.

Unterstützt von staatlichen Stellen auf allen Ebenen, wurden die einzelnen Einheiten auch häufig von Industriellen und Großgrundbesitzern ausgerüstet und mitunter direkt geführt. Der Terror bescherte diesen Kampfbünden, die bis dahin weitgehend bedeutungslos waren, einen steten Zustrom neuer Mitglieder. Die Zahl der lokalen Fasci vervielfachte sich binnen weniger Monate von 190 im Oktober 1920 auf 2.200 im November 1921.

Die Gründung der Fasci di combattimento erfolgte am 23. März 1919 in Mailand auf Initiative Benito Mussolinis in einem von der Industriellenvereinigung Alleanza industriale e commerciale zur Verfügung gestellten Saal. Es handelte sich im Grunde um den Zusammenschluss wiederbelebter Fasci, die sich bereits 1914 gegründet hatten. Deren Angehörige hatten während des Krieges Straßendemonstrationen organisiert und waren bisweilen gewaltsam gegen Kriegsgegner vor allem innerhalb der Arbeiterbewegung vorgegangen. Die Mitglieder dieser Fasci d’azione rivoluzionaria, von Mussolini bereits damals als »Fascisti« bezeichnet, waren oftmals ehemalige Syndikalisten, die eine Beteiligung Italiens am Krieg gegen die Mittelmächte mit »linken« Argumenten begründeten.

Zur zentralen Stimme der frühen Fasci geriet die Ende 1914 von Mussolini – aufgrund seiner kriegsbefürwortenden Haltung aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen und von seinem Posten als Chefredakteur des Parteiorgans Avanti suspendiert gegründete Zeitung Il Popolo d’Italia. In dem Kampfblatt, von italienischen Industriellen wie Giovanni Agnelli (Fiat) und den Gebrüdern Perrone (Ansaldo) großzügig gefördert, hetzte Mussolini gegen Abgeordnete, die sich gegen den Kriegseintritt ausgesprochen hatten. Das waren vor allem Repräsentanten der Sozialistischen Partei, die als einzige westeuropäische Sektion der II. Internationale Antikriegspositionen bezogen hatte. Jetzt forderte er, seine früheren Genossen sollten vor ein Kriegsgericht gestellt werden, denn für »das Heil Italiens« seien »einige Dutzend Abgeordnete zu erschießen«, andere »ins Zuchthaus zu stecken«.

Die (erneute) Gründung der Fasci 1919 blieb zunächst ohne größere Auswirkungen. Nur allmählich gelang es, sich gegen rivalisierende liberale, anarchistische und syndikalistische Gruppen, die den Begriff »fascio« mit jeweils abweichenden Inhalten ebenfalls für sich reklamierten, durchzusetzen. Mit der Namensgebung griff Mussolini auf zwei klassenmäßig entgegengesetzte Symbole zurück. Fasces, lederumschnürte Rutenbündel der altrömischen Liktoren, aus denen ein Beil hervorragte, wurden den Konsuln als Zeichen über Leben und Tod vorangetragen. Mit diesem Rückgriff feierte der künftige »Duce« sich als Nachkomme des Römischen Reiches und seiner Cäsaren. Gegenüber den Arbeitern wurden die Traditionen der Unterdrückten herausgestellt, die in den Kämpfen des 18. und 19. Jahrhunderts ebenfalls Fasci gebildet hatten; so die Tagelöhner und Arbeiter in Sizilien 1889 die Fasci di Lavoratori (Arbeiterbünde), aus denen 1893 die Federazione Socialista Siciliana hervorging. Die Farbe der Uniformhemden bezog sich sowohl auf die Bergarbeiter als auch auf die Anarchisten, die schwarze Hemden trugen.

Die programmatischen Leitsätze der Fasci di combattimento waren diffus. Bei der Gründung im März 1919 war überhaupt kein formales Programm beschlossen worden. Mussolini hatte sich da in drei Erklärungen lediglich mit den Frontkämpfern solidarisiert, die Annexion Fiumes und Dalmatiens verlangt sowie die Bekämpfung der sozialistischen und katholischen »Neu­tralisten« angekündigt. Am 6. Juni 1919 veröffentlichte der Popolo d’Italia schließlich ein Programm, das in Fragen der sozialen Verfassung Italiens unverkennbar einen reaktionären Kern enthielt. Auf dem ersten Kongress im Oktober 1919 in Florenz erklärte Mussolini, die Fasci seien »nicht republikanisch, nicht sozialistisch, nicht demokratisch, nicht konservativ, nicht nationalistisch«.

Der spätere Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, Palmiro Togliatti, strich in seinen »Lektionen über den Faschismus« zwei von dessen Merkmalen heraus: Die hemmungslose soziale Demagogie und den blutigen Terror zur Zerschlagung der revolutionären Arbeiterbewegung und zur Ausschaltung aller politischen Gegner. Aber nicht wenige, auch revolutionäre Sozialisten, erkannten noch längere Zeit nicht, dass mit der Fasci-Bewegung eine neue und auf offene terroristische Gewalt setzende Interessenorganisation führender imperialistischer Kreise auf den Plan trat. Dass Mussolini eine neue sozialrevolutionäre Organisation gründe, war in der Sozialistischen Partei eine verbreitete Annahme.

Deren reformistischer Flügel hatte sich noch nicht vollständig durchgesetzt, die Parteiführung begrüßte mehrheitlich die russische Oktoberrevolution und beschloss, der Kommunistischen Internationale beizutreten. Dem italienischen Imperialismus fehlte eine sozialdemokratische Führung, die – wie die der SPD in Deutschland – als Hüterin der Ordnung auftreten und die revolutionäre Erhebung der Arbeiter niederschlagen konnte. Das machte den Faschismus in Italien früher als in Deutschland zu der Kraft, in der Großkapital und Großgrundbesitzer den Garanten ihrer Existenz sahen und der sie daher an die Macht verhalfen.

Am 9. November 1921 bildete Mussolini aus den damals 2.200 Fasci mit rund 320.000 Mitgliedern den Partito Nazionale Fascista (PNF), eine, wie Togliatti dann treffend schreiben sollte, »Partei ›neuen Typs‹ der Bourgeoisie«. Mit dem »Marsch auf Rom« am 28. Oktober 1922, dem von den führenden Industriekreisen, dem Königshaus, Militärs und dem Vatikan unterstützten Militärputsch, war Mussolini am Ziel. Vittorio Emanuele III. berief den »Duce« des PNF, der im Parlament von 508 Sitzen bloß 36 belegte, zum Regierungschef. Nationalisten, Liberale und die katholische Volkspartei traten in die Regierung ein und verschafften dem faschistischen Regime zunächst ein parlamentarisches Mäntelchen.

»Wir erklären dem Sozialismus den Krieg«. Aus der dritten Erklärung Mussolinis vom 23. März 1919

Wir müssen uns nicht programmatisch auf den Boden der Revolution stellen, weil wir uns, im historischen Sinne, seit 1915 dort befinden. Es ist nicht nötig, ein allzu analytisches Programm zu entwerfen, aber wir können sagen, dass der Bolschewismus uns nicht schreckt (…) Es ist nun unwiderlegbar gezeigt worden, dass der Bolschewismus das Wirtschaftsleben Russlands ruiniert hat. Dort ist die Wirtschaftstätigkeit von der Landwirtschaft bis zur Industrie völlig gelähmt. Hungersnot und Hunger regieren. Zwar nicht ausschließlich, ist der Bolschewismus doch ein typisch russisches Phänomen. Unsere westlichen Zivilisationen, beginnend mit der deutschen, sind feuerfest. Wir erklären dem Sozialismus den Krieg, nicht weil er sozialistisch ist, sondern weil er der Nation widerspricht. Über den Sozialismus, sein Programm und seine Taktik kann jeder diskutieren, aber die Offizielle Sozialistische Partei Italiens war eindeutig reaktionär, absolut konservativ, und wenn ihre Thesen gesiegt hätten, gäbe es für uns heute keine Möglichkeit, auf dieser Welt zu leben. Es ist nicht die Sozialistische Partei, die sich an die Spitze einer Erneuerungs- und Wiederaufbauaktion stellen kann. Wir sind es, die das politische Leben der letzten Jahre gestaltet haben, und wir müssen die Offizielle Sozialistische Partei auf ihre Verantwortung festnageln. Es ist fatal, dass die Mehrheiten statisch sind, während die Minderheiten dynamisch sind. Wir wollen eine aktive Minderheit sein, wir wollen die Offizielle Sozialistische Partei vom Proletariat trennen, aber wenn die Bourgeoisie glaubt, sie hätte in uns ihren Blitzableiter, dann irrt sie.

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