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Aus: Ausgabe vom 23.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Treibende Kraft. Gedenken an den Schriftsteller Wolf-Dieter Krämer

Von Leander Sukov
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»Er war sozusagen der Dr. Who der Münchner Linken«

Lasst mich, Kumpane und Kumpaninnen, einen ganz persönlichen Nachruf auf einen schreiben, der ein aufrechter Sozialist war, ein guter Schriftsteller und stets zur Stelle, wenn man ihn brauchte. Der auch ein Freund war. Der auch einer war, dem die Literatur der Arbeiterklasse in diesem zusammengeklebten Land viel zu verdanken hat.

Wolf-Dieter Krämer war treibende Kraft im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, diesem nach 1989 geschrumpften Bitterfelder Weg (West), dessen Mitglieder über all die Jahre immer wieder die Fragen einer lesenden Arbeiterin fragten. Das allein schon ist Verdienst, der beachtet werden muss. Damit in Verbindung stehen große Namen wie Max von der Grün, und das Aufrechterhalten dieser Tradition ist von erheblicher Wichtigkeit für die Kultur einer Linken, die immer kulturloser, kulturferner, kulturärmer zu werden droht.

Aber Krämers Verdienst geht darüber hinaus. Ernst Toller im Gedächtnis der Öffentlichkeit zu bewahren, war ihm ein weiteres Herzensanliegen. Die Münchner Räterepublik, die Widerborstigkeit der bayrischen Sozialisten, die Kultur, die Kunst, all das, was damals von Toller, von Felix Fechenbach, Oskar Maria Graf, Erich Mühsam und natürlich von Kurt Eisner gegen den Krieg und dann für die Revolution genutzt wurde – Wolf-Dieter Krämer war eine Art zeitreisender Botschafter. Er konnte einen bei der Hand nehmen, um dann gemeinsam in die eigene proletarische, künstlerische, literarische Vergangenheit zu reisen. Er war sozusagen der Dr. Who der Münchner Linken.

Simone Barrientos hat als Verlegerin der Kulturmaschinen mit ihm das Buch »Nachdenken über NSX« gemacht. Eine Anthologie über Rechtsradikalismus in Deutschland. Ein starkes Buch. Nicht nur im Umfang. Auf mehr als vierhundert Seiten zeigte es, dass der Werkkreis noch Kraft hatte. Dieser Tage erscheint, einer Idee Wolf-Dieters Krämers folgend, das Buch »Nachdenken über 4.0«, das sich mit der Digitalisierung nicht nur der Arbeitswelt befasst. Auch dieses Buch ist wieder umfangreich, viele Einsendungen erreichten die Büros des Werkkreises und die Jury. Die Kraft, die ganz wesentlich Krämer dem Werkkreis eingehaucht hatte, ist noch da. Obwohl nur noch wenige Autorinnen und Autoren an den Treffen teilnehmen.

Als Wolf-Dieter und ich auf der Tagung des Deutschen PEN-Zentrums in Dortmund vor zwei Jahren zusammensaßen und das Buch besprachen, habe ich ihn für sein Engagement bewundert. Er hat mir die Zusage abgerungen, dass ich mich für den Werkkreis dort engagiere, wo ich aktiv bin, also in der Gewerkschaft, im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller und im PEN. Das Versprechen gilt.

Ich möchte im Andenken an das, was Krämer repräsentierte, diesen Enthusiasmus für die Kunst, die Literatur von links, bewahren helfen. Zusammen mit jungen Menschen aus den Betrieben, Schulen, Hochschulen. Denn es gibt immer etwas literarisch zu berichten. Diese Wirklichkeit von innen, die über die sachbuchmäßige Schilderung der Umstände hinausgeht, die die Niederlagen und Siege der Arbeiterklasse vermittels der Kunst schildert, ist, so meine ich, wichtig. Und die Tradition ist ja lang. Vom Simplicissimus über Zolas Germinal bis zu »Nachdenken über 4.0«.

Wenn es uns gelingt, linke Belle­tristik zu erhalten, zu befördern, wiederzubeleben, dann ist viel erreicht. Wolf-Dieter Krämer sollte uns ein Vorbild dabei sein und bleiben.

Er starb nach einem Treppensturz am Karfreitag 2018. Wir gedenken seiner im großen Saal des DGB-Hauses München, Schwanthaler Str. 64, am 28. März um 18 Uhr mit einem umfangreichen Programm und der Vorstellung des Buches »Nachdenken über 4.0«.

Der Autor ist stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS in Verdi)

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