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Aus: Ausgabe vom 23.03.2019, Seite 8 / Inland
Ziviler Ungehorsam in NRW

»Müssen jetzt aktiv werden, um Klimakrise zu bekämpfen«

»Ende Gelände« plant Blockaden im Rheinland. Demo am Sonnabend für Erhalt bedrohter Dörfer. Gespräch mit Kathrin Henneberger
Interview: Gitta Düperthal
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Aktivistinnen und Aktivisten von »Ende Gelände« protestieren zum Abschluss der Kohlekommission in Berlin (1.2.2019)

Das Bündnis »Ende Gelände« plant eine Aktion des zivilen Ungehorsams, um die Tagebaue im Rheinischen Braunkohlerevier zu blockieren. Tausende Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Europa werden vom 19. bis 24. Juni erwartet. Was genau haben Sie vor?

Wir wollen den sofortigen Kohleausstieg selbst in die Hand nehmen. Der Braunkohletagebau und die Kraftwerke im Rheinland sind mit die größten CO2-Quellen innerhalb Europas. Aus unserer Sicht sind es Orte des Unrechts, weil die Klimakrise hier gemacht wird. Daher wollen wir sie stillegen. In den vergangenen Jahren sind bei ähnlichen Aktionen viele Europäerinnen und Europäer angereist, unter anderem aus Schweden, Spanien, England, Italien und Frankreich. Wir gehen davon aus, dass wir diesmal mindestens 6.000 Leute werden.

Was sagen Sie zu den Ergebnissen der Kohlekommission, die jetzt umgesetzt werden sollen?

Es ist ein Desaster, dass der Ausstieg aus der Braunkohle erst bis 2038 geplant ist. So rasen wir weiter ungebremst auf eine Zukunft zu, in der die Erdatmosphäre sich um vier bis sechs Grad erhitzen wird. Wissenschaftler raten dringend, dass sich die globale Temperatur um nicht mehr als 1,5 Grad erwärmen darf. Derzeit sind wir schon bei 1,1 Grad. Die Folgen dessen betreffen heute Menschen in Ländern des globalen Südens, die den Ausstoß von Treibhausgasen kaum oder gar nicht verursacht haben. Ist der Prozess erst einmal in Gang, ist ihm kaum mehr etwas entgegenzusetzen.

Wieso spielt bei all dem der sofortige Ausstieg aus der Braunkohle eine entscheidende Rolle?

Freilich gilt es auch in Verkehr und Landwirtschaft die Erzeugung von CO2-Emissionen zu drosseln. Dies ist aber komplizierter, weil es von mehr Faktoren abhängt, die zu regeln sind. Wenn man Kohlekraftwerke abschaltet, können Emissionen sofort reduziert werden.

Dem geplanten Ausstieg zum Trotz sollen im Rheinland Dörfer abgerissen werden …

Allerdings. Auch deshalb rufen wir im Juni zum Protest auf. Die Orte Keyenberg und Kuckum, nahe dem Tagebau Garzweiler, sollen dem Tagebau geopfert werden. Wir werden zusammen mit dem Bündnis »Alle Dörfer bleiben« für deren Erhalt kämpfen. Dort wird bereits an diesem Samstag demonstriert.

23 Aktivisten von »Ende Gelände« saßen im Februar in Untersuchungshaft, weil sie Kohlebagger in der Lausitz besetzt hatten. Sieben Aktivisten waren im Rheinland tagelang in Polizeigewahrsam. Ihnen droht die Anwendung des neuen Polizeigesetzes. Schreckt das nicht davor ab, erneut zum zivilen Ungehorsam aufzurufen?

Wir müssen jetzt aktiv werden, um die Klimakrise zu bekämpfen. Einschüchtern lassen wir uns nicht. Freilich müssen die Aktivistinnen und Aktivisten im Einzelfall selbst entscheiden, was sie sich zutrauen. Wir klären über das neue Polizeigesetz auf und wissen um die Repressionen, die gegen uns angewendet werden können.

Wer steht für die Klimakrise in der Verantwortung?

Die Regierenden, Parlamente sowie Gremien wie die Kohlekommission haben versagt und die junge Generation im Stich gelassen. Durch Blockaden der Tagebaue und Kraftwerke ziehen wir mit unseren eigenen Körpern die Notbremse. In Nordrhein-Westfalen ist der Kohlekonzern RWE eng mit der CDU/FDP-Landesregierung vernetzt. Deren Aufgabe wäre seit langem, dafür zu sorgen, dass hier neue Jobs entwickelt werden. Vielmehr entsteht aber der Eindruck, dass der Konzern selbst Politik macht.

Schülerinnen und Schüler von »Fridays for future« verstärken die Bewegung. Wie wirkt sich das im rheinischen Kohlerevier aus?

Wir stehen ihnen solidarisch zur Seite, wenn sie Repressionen wie Zeugniseinträge oder Ärger mit der Schulverwaltung zu spüren bekommen. Vergangenen Herbst war bei den Protesten im Hambacher Forst zu merken, wie stark wir sind, wenn wir zusammenhalten. Dort haben 50.000 Menschen gemeinsam den Wald geschützt.

Kathrin Henneberger ist Sprecherin der Klimaschutzinitiative »Ende Gelände«

ende-gelaende.org

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