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Aus: Ausgabe vom 16.03.2019, Seite 12 / Thema
Essay

Das Kichern des Todes

Es ist eine grausame Erkenntnis, dass das Sterben zum Leben gehört. Versuch über das Altern in Zeiten des fortgeschrittenen Kapitalismus
Von Götz Eisenberg
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In der Jugend ist der Körper ein treuer Verbündeter, im Alter entwickelt er sich zu etwas Fremdem, Unkontrollierbarem – Bewegungstherapie für alte Menschen (Hannover, 1974)

Das Mittel tut seine Wirkung, Linderung stellt sich ein. Für ein paar Stunden werde ich mich schmerzfrei bewegen und meine arthritische Hüfte vergessen können. In solchen Momenten keimt die Hoffnung, der Schmerz möge mich dauerhaft verschonen. Solches Wunschdenken haben Oskar Negt und Alexander Kluge als »Antirealismus der Gefühle« bezeichnet. Davor ist man auch im Alter nicht gefeit. Das Ich weigert sich, eine unangenehme Realität zu akzeptieren, und setzt eine eigene Realität dagegen. Das geschieht auch dann, wenn man es eigentlich besser weiß; denn der Schmerz kehrt natürlich zurück. Gute Voraussetzungen, um über das Altern ohne Verklärung zu schreiben und den Tatsachen ins Auge zu sehen. Ich werde also versuchen, die Dinge beim Namen zu nennen und bis ans Ende zu denken. Bis an welches Ende? Am Ende steht der Tod.

Überlistung des Todes

Soviel Wahrheit hält man nicht jeden Tag aus. Kleine Fluchten und Betrugsmanöver braucht jeder Mensch. Der polnische Filmemacher Andrzej Wajda orientierte sich in puncto Tod am Vorbild gewisser Rabbiner, die die phantastische Idee hatten, man solle sich ständig mit irgend etwas beschäftigen, damit der Tod, wenn er kommt, denkt: »Er ist zu beschäftigt, ich komme lieber morgen noch mal wieder.« Wajda drehte also einen Film nach dem anderen, und der Tod hat ihm dann auch eine ganze Weile Aufschub gewährt: Er starb 2016 im Alter von 90 Jahren. Schreibe ich nicht auch wie ein ins Milchglas gefallener Frosch, der solange strampelt, bis aus der Milch Butter geworden ist? Innehalten bedeutet Sterben.

In meinem Umfeld häufen sich die Todesfälle. Es vergeht kaum ein Monat, ohne dass jemand stirbt. Vor zwei Jahren nahm ich an der Beisetzung eines Bekannten teil. E. war zu Lebzeiten ein bekannter Jazzmusiker gewesen, und Freunde brachten ihm ein letztes Ständchen. Es war ein strahlender Frühlingstag, und wir standen ziemlich bedröppelt um das Loch herum, in dem die Urne versenkt werden würde. Die Trauergäste waren überwiegend im Alter des Gestorbenen oder nur unwesentlich jünger. Ein Großteil der Beklemmung, die über der Veranstaltung lag, rührte daher, dass irgendwo unter den alten Bäumen des Friedhofs ein Knochenmann mit Sense und Stundenglas stand und uns beobachtete. Angesichts der alsbald zu erwartenden reichen Ernte lachte er sich ins Fäustchen. Das Kichern des Todes war deutlich zu hören, aber die meisten Gäste hatten sich die Ohren verstopft und hörten es nicht. Der Tod ist immer der Tod der anderen.

Der dümmste Satz in bezug auf das Altern, den Gustave Flaubert bestimmt in sein »Wörterbuch der Gemeinplätze« aufgenommen hätte, wenn es ihn zu seinen Lebzeiten schon gegeben hätte, lautet: »Man ist so alt, wie man sich fühlt.« Zwei Bekannte, denen ich vor ein paar Tagen von meinem Schreibvorhaben erzählte, kamen mir mit diesem Kalauer, der nichts ist als Selbstbetrug und Schönfärberei. Ich musste ihnen bittere Tropfen verabreichen. Sie reagierten mit Befremden und Abwehr. Schon das Reden übers Jungsein bezeugt, dass es vorbei ist. Wer sagt: »Ich fühle mich jung«, der ist es natürlich nicht mehr.

Im Zeitalter des Konsumismus und des Jugendwahns ist aus dem Traum von ewiger Jugend eine Art Verpflichtung geworden. 80jährige tragen dieselben albernen Kappen wie ihre Enkel, nehmen an Marathonläufen teil, haben eine Dauerkarte fürs Fitnessstudio und kaufen Anti-Aging-Produkte. Um nicht in Verdacht zu geraten, von gestern zu sein, lassen sie sich ein Smartphone aufs Auge drücken und bilden mit Kindern und Enkelkindern eine Whats-App-Gruppe. Was unternehmen alternde Menschen nicht für Anstrengungen, um der Zeit ein Schnippchen zu schlagen? Es wird den Alten weisgemacht, es liege in ihrer Hand, darüber zu entscheiden, ob man ihnen ihr Alter ansieht. »Siebzig ist das neue Fünfzig«, wird medial propagiert. Es vergeht keine Talkshow, ohne dass irgendein steinalter Mensch dafür gelobt wird, dass man ihm sein Alter nicht ansieht. Das Wort Alter wird aus dem Verkehr gezogen und durch allerhand semantische Schönfärbereien ersetzt. Die Rede von den »Golden Agers« fungiert als eine spanische Wand, hinter der sich die hässlichen Seiten des Alters und der nahende Tod verbergen.

Als einer seiner Freunde an Krebs erkrankt, beginnt der französische Schriftsteller und Filmemacher Philippe Claudel, sich mit der Frage zu beschäftigen: Wann werden wir schwerkrank? Wann öffnen wir dem Tod die Tür und geben ihm Gelegenheit, sich in uns einzurichten? Er redet mit einem Dutzend Wissenschaftlern und Ärzten und berichtet darüber in seinem Roman »Die Kostbarkeit des flüchtigen Lebens«. Als Risikofaktoren nennt man ihm den Renteneintritt, den Tod eines Angehörigen, eine Scheidung und andere Verlusterfahrungen. Krankheit und Tod erhalten eine Chance, wenn das Leben nichts mehr hat, das es zu verteidigen und worauf es zu hoffen gibt.

Claudel verabredet ein Gespräch mit einer jungen Ärztin, die sich mit den Fragen beschäftigt, die ihn umtreiben. Sie entfaltet ihm ihre Theorie des menschlichen Verhältnisses zum Körper. Zu Beginn des Lebens entdecken wir den Körper, der uns auferlegt worden ist, lernen ihn kennen und beherrschen. Er wird dann im günstigsten Fall »unser Körper«. Wenn die Zeit des Wachstums und die Wirren der Pubertät vorüber sind, wird er vergessen: Er ist da, er funktioniert, gehorcht dem, der ihn bewohnt, und widersetzt sich ihm nicht. Für zwanzig bis dreißig Jahre lebt der Erwachsene in und mit einem »freundlichen Körper«, der niemals stört. Erst wenn Schmerzen und Verletzungen auftreten, entdeckt man seinen Körper neu. Jedenfalls war das bei mir so. Dass ich Venenklappen habe, weiß ich zum Beispiel erst, seit man in meinem Bein eine Thrombose entdeckt hat.

Unfreundliche Körper

Der Körper ist ein treuer Verbündeter, und das Gleichgewicht der Beziehung vermittelt die Illusion, dieser Zustand währe ewig. Etwa in der Mitte des Lebens treten Friktionen auf. Der Körper beginnt, gegen die Person zu handeln, nimmt keine Rücksicht mehr auf ihre Wünsche und ihren Willen. Er durchkreuzt unsere Pläne und macht uns in vielerlei Hinsicht zu schaffen. Die Ärztin spricht auf dieser Stufe vom »unfreundlichen Körper«. Der hinfällig werdende Organismus gewinnt die Oberhand über den Geist. Der Körper bereitet uns mehr Pein als Freude, mehr Bitterkeit als Vergnügen. Am Ungemach des Alterns können alle Medikamente, alle schönheitschirurgischen und kosmetischen Mätzchen, mit denen wir versuchen, andere und uns selbst zu täuschen, nichts ändern. Eine Etappe des Verfalls folgt auf die nächste, unerbittlich – bis zum Tod. Bei Samuel Beckett heißt es: »Sie« – die Frauen – »gebären rittlings über dem Grab, der Tag glänzt für einen Augenblick, und dann von neuem Nacht.«

Unser narzisstisches Gleichgewicht haben wir in der Regel auf der Grundlage eines intakten Körpers entwickelt, der es uns möglich machte, uns zu bejahen. Das Altern belehrt uns schmerzhaft über die Brüchigkeit dieses Fundaments. Es ist eine Kränkung, die unser Selbstwertgefühl untergräbt. Eine wachsende Unstimmigkeit entsteht zwischen dem jungen Selbst, auf dem mein Selbstwertgefühl basiert, und dem Selbst des alternden Mannes, dem ich im Spiegel begegne. Mein Selbstbild ist noch immer das eines sportlichen, halbwegs trainierten Mannes, dem meine Realität aber immer weniger entspricht. Ich registriere eine wachsende Selbstentfremdung: Bin das noch ich? Habe ich nicht vor kurzem noch zwei Treppenstufen auf einmal genommen? Nicht als Fitnessübung, was es heute wäre, sondern einfach aus Temperament und Übermut? Ich bin manchmal unsicher im Gang und im Stand. Wenn ich in die Hose steige, muss ich irgendwo Halt suchen. Das Stehen auf einem Bein ist riskant. Stürze drohen. Martin Walser hat in einem seiner Romane geschrieben, solange man, auf einem Fuß stehend, seine Hose und seine Schuhe anziehen könne, bestehe noch Hoffnung. Vielleicht bemühe ich mich deswegen so verbissen darum. Man vergisst so dies und das und kann sich an Naheliegendes nicht erinnern. Manchmal stehe ich auf und gehe ins Nebenzimmer, um in einem bestimmten Buch ein Zitat zu suchen. Ich stehe vor dem Regal und habe vergessen, in welchem Buch ich nachschauen wollte. Ich erschrecke und frage mich, ob das ein Anzeichen beginnender Demenz ist. Eingeschliffene Routinen missglücken, lang eingeübte Handlungsketten reißen. Wenn Körper und Geist parallel aufhören zu funktionieren und mir nicht mehr gehorchen, worauf soll ich dann mein Selbstwertgefühl gründen? Hauptsache, mein Denken funktioniert noch, habe ich mir angesichts der körperlichen Zerfallsprozesse gesagt. Was, wenn nun auch mein Gehirn löchrig wird und verklebt und alle Erinnerungsspuren gelöscht werden, aus denen mein Ich zusammengesetzt ist? Welchen Sinn kann eine derartige Existenz noch haben? Bin das dann noch »ich«?

Detoxkur gegen die Arbeitssucht

Nicht nur die Alltagswelt begegnet dem Alternden zunehmend feindlich, auch die Resonanz und die Anerkennung durch die anderen werden schwächer. Jean Améry hat in seinem Buch »Über das Altern« festgestellt, dass der alternde Mensch darunter leidet, nicht mehr wahrgenommen zu werden, ja unsichtbar zu sein. Man existiert in der Fußgängerzone nur noch wie ein Blumenkübel, im Supermarkt wird man von den anderen Kunden als Hindernis und Störung wahrgenommen. Noch das stabilste Selbstwertgefühl ist auf äußere Stützung angewiesen. Das Selbstwertgefühl des alternden Menschen wird von allen Seiten angenagt und droht zu erodieren. Der Mensch zieht seine narzisstische Nahrung über weite Strecken des Lebens aus der Ausfüllung der Berufsrolle. Diese Quelle versiegt mit dem Eintritt ins Rentenalter abrupt. Leere und Einsamkeit, die Folgen dieser Entgesellschaftung, fallen wie ein Kälteschatten auf das Alter. Männer, die wie Fische auf dem Trockenen liegen, gehen ihren Frauen auf die Nerven und gefährden den Fortbestand ihrer Ehe. Man hat bereits ein neues Krankheitsbild aus der Taufe gehoben, das das Leiden der Ehefrauen unter den ins Haus zurückgekehrten Ehemännern bezeichnen soll: das Retired-Husband-Syndrom (RHS). Männer im Ruhestand werden oft skurril und für die Um- und Mitwelt schwer erträglich. Wir bräuchten eine Entgiftung von der Arbeitssucht, eine Art Detoxkur für Menschen, die nach einem langen Arbeitsleben in den Ruhestand eintreten und lernen müssen, ohne regelmäßige Berufsarbeit zu existieren. Die Strafe von achtstündiger täglicher Arbeit, die diese Gesellschaft auf das Leben gesetzt hat, ist verbüßt. Man könnte endlich tun, was man möchte. Doch was soll man nach Jahrzehnten in der Hamstertrommel schon tun? Schon die Schule brachte ja den Kindern bei, dass sie ihr Leben lang morgens irgendwohin müssen, wohin sie nicht wollen. Nach Jahren der geduldigen Akklimatisierung an die Regelmäßigkeit will man schließlich, was man wollen soll, und kann sich ein Leben ohne Arbeit nicht mehr vorstellen. Wenn das arbeitsgesellschaftliche Joch von ihren Schultern genommen wird, gehen die meisten weiter krumm und gebeugt durch ihr Restleben. Das Ableisten entfremdeter Arbeit ist den Menschen zur zweiten Natur geworden. Getrimmt auf externe Zeitregulierung, wissen sie mit dem plötzlichen Reichtum an freier Zeit nichts anzufangen und verhalten sich wie ein jahrelang im Käfig gehaltenes Tier, das auch in Freiheit weiter seine nunmehr imaginären Gitterstäbe abschreitet. Die Rentnerin und der Rentner könnten jetzt endlich damit beginnen, ihre zurückgestellten Jugendträume und die ungewordenen Möglichkeiten ihres Lebens zu realisieren, aber es läuft meist auf exzessives Staubwischen und Heimwerkertum hinaus. Alles andere ist verschüttet. »So ist das. Man macht dies, man macht das, und auf einmal war’s ein Leben«, heißt es in einem Roman von Bernhard Schlink. Manch einer und manch eine greifen angesichts eines weithin ungelebten Lebens und anomisch vereinsamt zur Flasche und ersäufen die aufsteigende Verzweiflung in Alkohol. Depressionen sind unter Alten weitverbreitet. Seit ich ihn zum ersten Mal las, hat mich ein Satz von Theodor W. Adorno beunruhigt und bis heute nicht losgelassen: »Wer aber verzweifelt stirbt, dessen ganzes Leben war umsonst.«

Exitstrategie

In Walter Kempowskis Tagebuchaufzeichnungen »Sirius« stieß ich auf folgenden Eintrag: »Nun wird seit einigen Wochen auch die Haut am Gesäß schlaff. Vom Gedächtnis nicht zu reden. Mit Wortfindungsschwierigkeiten ging es los, vielleicht vor zehn Jahren. Nun erzähl’ ich schon alles doppelt und dreifach, vergesse allerhand und denke manchmal: Bald wirst du nicht mehr wissen, wo du bist.« Dann fasst Kempowski den Verlauf der demenziellen Entwicklung lakonisch zusammen: »Erst merkt man es selbst, dann auch die anderen, dann nur noch die andern.« Zwischen der Stufe zwei und drei muss man die Notbremse ziehen und sich vom Acker machen, denke ich seit Jahren. Der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth hat 1981 mit Max Frisch über den Selbstmord gesprochen. Der Gedanke an ihn begleitete Max Frisch sein Leben lang. Er sagt dann einen verstörenden Satz: »Und eines Tages kommt der Punkt, an dem man nicht mehr die Vitalität hat, sich umzubringen. (…) Mit zunehmendem Alter verliert man die Vitalität, es zu tun.«

Man braucht also eine »Exitstrategie«, wie Wolfgang Herrndorf es genannt und praktiziert hat, und darf den richtigen Zeitpunkt nicht versäumen, sie zu realisieren. Gut gebrüllt, Löwe! Das sagt oder schreibt sich so leicht. Eine Begegnung in der letzten Woche hat mir die Dringlichkeit der Beschäftigung mit diesen Fragen noch einmal deutlich vor Augen geführt. Auf dem Wochenmarkt traf ich meinem alten Freund S., der sich seit Jahren mit einem Rollator durch die Gegend bewegt. Nun hat er bei dem Versuch, sich ein Ei zu kochen, einen Feuerwehr-Einsatz ausgelöst und wurde in ein Pflegeheim eingewiesen. Mit Tränen in den Augen berichtete er mir von dieser Erfahrung, die er als umfassende Entmündigung und Infantilisierung erlebt. Er fühle sich in ein Altenghetto eingesperrt, das im Grunde ein Wartezimmer des Todes sei. Nicht einmal gescheite Zeitschriften lägen dort aus.

Es mag sein, dass wir vor dem Tod alle gleich sind, beim Altern und Sterben sind wir es nicht. »Mit Geld weint es sich leichter«, zitiert Améry ein altes jüdisches Sprichwort.

Ghettoisierung der Ränder

Wir altern und sterben ja nicht mehr eingebettet in Gemeinschaften. Unter vormodernen Bedingungen lebten die Menschen in Haushalten zusammen, die Alte und Junge, landwirtschaftlich Knechte und Mägde, handwerklich Lehrlinge und Gesellen einschlossen. Der Haushalt war eine mehr oder weniger umfassende Lebens-, Wohn-, Leidens-, Fürsorge- und vor allem auch Kooperationsgemeinschaft. Man arbeitete, wo man lebte; Leben, Wohnen und Arbeiten bildeten eine raumzeitliche Einheit. Die Gesellschaft war als Hausgesellschaft organisiert, auch wenn größere Teile der vagantischen Unterschichten von ihr nicht integriert wurden. Die Hauswirtschaft war Subsistenzwirtschaft, das heißt man produzierte soviel, wie man zum Leben brauchte. Behinderte und alte Hausgenossen gehörten dazu und arbeiteten im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit. Die Tätigkeit der Leistungsstarken schloss auch die Fürsorge für die leistungsschwachen und hilfsbedürftigen Mitglieder der Hausgemeinschaft ein. Entscheidend für diese Gesellungsform war, dass das menschliche Handeln eine raumzeitliche Einheit aus produzierender und sozialer Tätigkeit, aus dem Bearbeiten von Sachen und der sozialen Sorge für Menschen war. Die Situation der Alten und Kranken war sicher kein Idyll, aber sie wurden nicht in Ghettos eingesargt. Die Alten waren Träger des kulturellen Erbes und tradierten Wissens und als solche unentbehrlich und von großem Wert für die Gemeinschaft.

Der »soziale Urknall« (Klaus Dörner) der industriellen Revolution hat um das Jahr 1800 herum die Einheit der agrarischen und handwerklichen Hausgemeinschaft auseinandergesprengt. »Sozialer Urknall« ist natürlich eine Metapher, die die explosive Kraft des Vorgangs zum Ausdruck bringen soll. In Wirklichkeit war die industrielle Revolution ein Prozess, der sich über Jahrzehnte hinzog und bis heute nicht zum Abschluss gekommen ist. Die Einheit der Hauswirtschaft wurde im wesentlichen in drei Teile zerrissen: das Wirtschafts- und Produktionssystem, das Sozialsystem und die Kleinfamilie. Diese Explosion und die von ihr ausgelösten, bis in die Gegenwart spürbaren Nachbeben nennen wir Moderne. Sie löste die Ökonomie aus den Zusammenhängen, in die sie zuvor eingebettet war, heraus. Die Fabrik- oder Manufakturarbeit war von allen Beimischungen befreite, reine Arbeitszeit und wurde in der Folge in Kombination mit der Maschinerie zur Quelle einer stetig wachsenden Produktivität. Die noch nicht oder nicht mehr verwertbare Arbeitskraft wurde in Ghettos gepfercht, die man Schulen und Alters- und Pflegeheime nennt. Angesichts des forcierten technischen und sozialen Wandels verliert das Alter gegenwärtig seinen Wert. Die sogenannten Zukunftstechnologien befinden sich in den Händen der jungen Generation, und kein Hahn kräht mehr nach den Alten und ihren lebensgeschichtlich akkumulierten Erfahrungen. Die Lage der Alten wird prekär; irgendwann könnte man ihnen nahelegen, darüber nachzudenken, ob sie es für vertretbar halten, der Allgemeinheit derart lang auf der Tasche zu liegen.

Alter, wie es in unseren heutigen Gesellschaften auftritt, ist genausowenig naturgegeben wie Jugend und Kindheit. Eine vom Primat der Ökonomie und der Nützlichkeit befreite Gesellschaft hätte die durch den »sozialen Urknall« auseinandergerissenen Teile des Lebens auf einer höheren Stufe wieder zusammenzufügen, ihre Segregation rückgängig und die Erfahrungen und Kenntnisse der Alten für die Gemeinschaft fruchtbar zu machen.

Die forcierte Erosion menschlicher Bindungen und die wachsende digitale Vereinsamung und Verelendung nötigen uns zur Erfindung und Schaffung neuer verlässlicher Räume, die es Kindern ermöglichen, unter Bedingungen raumzeitlicher Konstanz, leiblicher Anwesenheit von Erziehungspersonen (und nicht nur ihrer digitalen Schatten) und einer von ihrem Reifungsrhythmus geprägten Zeitstruktur ihre psychische Geburt und damit Menschwerdung zu vollenden. Das aber wird nur im Rahmen einer Gesellschaft möglich sein, die ihre soziale Integration und die Erzeugung von gesellschaftlichen Bindungen auf Formen solidarischer Kooperation gründet und nicht länger auf die immer asozialer werdende Vergesellschaftung durch Markt und Geld. Die Bedingungen für die Herstellung solcher Verhältnisse sind seit längerem ungünstig; es gibt kaum noch gesellschaftliche Gruppierungen, die an der Verwirklichung eines solchen Projekts vital interessiert sind. Auch wenn gegenwärtig kaum etwas dafür spricht, dass die Einrichtung einer menschlichen Gesellschaft im Rahmen unserer Lebenszeit realisierbar ist, dürfen wir nicht aufhören, die bestehenden Verhältnisse in ihrem Licht zu kritisieren und auf die geschichtlichen Möglichkeiten ihrer Realisierung hinzuweisen. Es geht nicht um ein Zurück in eine vermeintlich heile vorbürgerliche Welt, sondern um die Überschreitung der bürgerlichen Gesellschaft in Richtung eines libertären Sozialismus, der es den Menschen ermöglicht, »heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden«, wie Marx und Engels in der »Deutschen Ideologie« formulierten.

Alte Linke – linkes Altern

Gegen Ende möchte ich mich einer spezifisch linken Facette des Alterns zuwenden. Alt werden wollten wir nicht. Es war Konsens, dass wir tot sein würden, bevor, wie mein Freund B. zu sagen pflegte, »der große Arsch kommt und alles zuscheißt«. Aber zunächst einmal hatten wir ja vor, alles von Grund auf zu verändern. Peter Brückner hatte uns zeitig gewarnt, dass die Veränderung der Gesellschaft nicht die »Zeitstruktur des Sofort« besitze. Veränderung beginne sofort, aber sie brauche Zeit. Nicht nur er, sondern auch wir Jüngeren würden voraussichtlich darüber alt werden und müssten auch in Betracht ziehen, dass die Revolution während unserer Lebenszeit nicht stattfinde. Brückner sprach von einer »Leidensgeschichte der Mäßigung der Ansprüche« und empfahl uns, die nicht einfache Kunst des »aktiven Wartens« zu erlernen. Wir hatten uns also in einer Welt einzurichten, die wir nicht oder doch anders gewollt hatten und die nun ihrerseits nichts unversucht ließ, uns anders zu wollen. In dem sehr ungleichen Kampf trug die bürgerliche Welt meist den Sieg davon. Viele haben sich ihr unglückliches Bewusstsein abmarkten lassen und sind bruchlos in den Rollen aufgegangen, die diese Gesellschaft für sie bereithielt. Mit regelmäßigen »A-13-Bezügen« und anderen Anpassungsprämien begann schleichend die Gegenaufklärung. Vor denen, die den Rückweg in die Normalität der bürgerlichen Ordnung nicht antreten wollten, lag ein lebenslanger strapaziöser Balanceakt. Wann ist man klug, wann listig, wann vernünftig, ab wann ein Renegat? Manche quälen sich noch auf ihre alten Tage mit ihrem unglücklichen Bewusstsein herum und fragen sich: Haben wir uns mit zwanzig vorstellen können, dass das aus uns wird? Wann haben wir aufgehört, unser Leben als einen Prozess ständiger Erneuerung und permanenten Widerspruchs zu führen? Irgendwann haben wir aufgehört zuzubeißen, jetzt merken wir, dass wir keine Zähne mehr haben.

Jene, die – wie Max Horkheimer selbst – auf ihre alten Tage abschwören und mit ihren linken Gedanken und umstürzlerischen Plänen von früher nichts mehr zu tun haben wollen, kann ich nur an eine Bemerkung Horkheimers aus seinem frühen Buch »Dämmerung« erinnern: »Die Beichte des Ketzers auf dem Totenbett widerlegt keinen Satz seiner atheistischen Ansichten.«

Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« 2018 im Verlag Wolfgang Polkowski in Gießen erschienen ist.

Debatte

  • Beitrag von Berthold B. aus P. (15. März 2019 um 23:45 Uhr)
    Old Eisenberg, I like you.

    Berthold Baxmann
  • Beitrag von Josie M. aus J. (16. März 2019 um 20:55 Uhr)
    Vielen Dank an Götz Eisenberg für diesen wunderbaren Artikel! Alles, was hier beschrieben wird, ist wahr. Gerade erlebe ich selber, wie es ist, wenn man geliebte Weggenossen an den Tod verliert, wie man sich fühlt, wenn man sich bei seiner »narzisstischen Kränkung« des Alters »alleingelassen« fühlt, weil ja, obwohl es jeden von uns irgendwann trifft, die Gesellschaft diesen Umstand nicht integrieren kann. Dennoch ist das »Kichern des Todes« nach der Lektüre dieses Artikels nicht mehr so bedrohlich, weil ich weiß, dass dieser Götz Eisenberg, dessen Artikel ich schon früher sehr gerne gelesen habe, obwohl er dieses Phänomen so gut kennt, nicht aufgibt und weiter schreibt.

    Und er kann uns alte Linke dazu ermutigen, unsere Stimmen weiter zu erheben, solange wir noch können, und unserem Anspruch darauf, dass eine »bessere Welt möglich ist«, allen Widrigkeiten zum Trotz treu zu bleiben.

    »Wer schreibt, der bleibt«, so hörte ich schon als Kind. Götz Eisenbergs hinterlassene Werke werden diesen Spruch sicher bestätigen.

    Daran wird hoffentlich auch der »Verfassungsschutz«, der gerade dabei zu sein scheint, unser Grundgesetz außer Kraft treten lassen zu wollen, nichts mehr ändern können.

    Josie Michel-Brüning

    j.michel-bruening@web.de