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Aus: Ausgabe vom 16.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Kalkulierter Bruch. Chronik eines Überfalls (2), 16.3.1999

Von Rüdiger Göbel
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Rainer Rupp hat bereits in der jW vom 13./14. März 1999 ausgeführt, wie Washington die UCK auf Kurs brachte, um Belgrad wieder mit Krieg drohen zu können

Die als »humanitäre Intervention« verbrämte Aggression der NATO gegen Jugoslawien vor 20 Jahren legte auch das Völkerrecht in Trümmer. Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Folgen und Verantwortliche, Fake News und Hetze, vor allem aber an die Kriegsgegner jener Zeitenwende. (jW)

Der Countdown zum Angriff auf Belgrad und für die Zerstörung von Jugoslawiens Infrastruktur läuft. Im Kosovo überfällt die UCK weiter Armeeposten und Polizeiwachen, die jugoslawischen Streitkräfte reagieren mit Beschuss auf Stützpunkte der albanischen Separatistentruppe. Auch im Kléber-Kongresszentrum in Paris läuft alles wie nach Drehbuch: Der Verhandlungsführer der Kosovo-Albaner, UCK-Kommandeur Hashim Thaci hat sich bereits schriftlich zur Unterzeichnung des Plans der sogenannten Balkan-Kontaktgruppe – USA, EU und Russland – verpflichtet. Die Zusage des Terroristenchefs ist ausdrücklich mit einer persönlichen Danksagung an den deutschen Außenminister Joseph Fischer verbunden. Der vorgelegte Autonomieplan entzieht der serbischen Regierung alle innenpolitischen Hoheitsrechte über das Kosovo und eröffnet den Albanern alle Möglichkeiten zur endgültigen staatlichen Lostrennung.

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Rainer Rupp hat bereits in der jW vom 13./14. März 1999 ausgeführt, wie Washington die UCK auf Kurs brachte, um Belgrad wieder mit Krieg drohen zu können. Die Analyse hat den Weg per Post – die damals noch zuverlässig war – in die Redaktion gefunden. Der Autor ist in der JVA Saarbrücken eingesperrt, wo er seine Artikel in der Zelle auf Schreibmaschine tippt und durch die Zensur bringen muss – Rainer Rupp war in den 70er und 80er Jahren für die DDR als Kundschafter in höchsten Stellen der NATO tätig, 1993 wurde er enttarnt und 1994 wegen Landesverrats zu zwölf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Kein Linker kennt den imperialistischen Militärpakt von innen wie Topspion »Topas«, der fortan als Journalist Kundschafter für den Frieden ist.

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»Mann fürs Grobe«: Richard Holbrooke bei Gesprächen mit der UCK

Den Countdown zum Krieg hat ein erfahrener »Troubleshooter« auf den Weg gebracht, ist bei Rupp zu lesen: »Unzufrieden mit dem Ergebnis der bisherigen Versuche der Anführer der westeuropäischen Hilfstruppen, die widerspenstigen Serben von den Vorteilen einer Stationierung von NATO-Truppen auf ihrem Territorium und deren Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten zu überzeugen, zieht der große Imperator in Washington andere Saiten auf, um die respektlosen Serben das Fürchten zu lehren. Wieder einmal schickte er seinen Mann fürs Grobe, mit großer Erfahrung auf diesem Gebiet von Nötigung und Erpressung. Richard Holbrooke, US-Sondergesandter für den Balkan, reiste nach Belgrad, um Serbien und seiner Provinz Kosovo doch noch eine Pax Americana aufzuzwingen.« Der Artikel lässt die vorausgegangenen Rambouillet-Verhandlungen Revue passieren, erinnert an die anfängliche Verweigerungshaltung der UCK und wie die Gewaltseparatisten doch noch auf Zustimmungskurs gebracht wurden, damit »die dauernden Bombendrohungen Washingtons gegen die Serben« nicht immer wieder wie ein »surrealer Witz« wirkten. »Militärische Gewaltandrohung ist in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten schon zu einem reflexhaften Verhalten geworden, das immer häufiger und schneller den Mangel an diplomatischen und politischen Bemühungen zu einer friedlichen Konfliktlösung einsetzt. Eine Pax Americana.« Nur die Mittel seien moderner. »Statt Kurzschwertern«, wie zu Zeiten von Julius Cäsar im Römischen Reich, »werden lasergesteuerte Bomben eingesetzt«.

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Ungeachtet des wachsenden internationalen Drucks verweigert die serbische Delegation bei den Kosovo-Gesprächen in Paris ihre Zustimmung gegen den vorliegenden Diktatplan. In acht Tagen werden die ersten Marschflugkörper und lasergesteuerten Bomben jugoslawische Ziele erreichen.

Nächster Teil am Montag: Racak-Bericht ohne Ergebnis – Inszeniertes Massaker als Kriegsvorwand

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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