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Aus: Ausgabe vom 15.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Bildende Kunst

Das sind die Antriebe

Kompromissloser Realist: Die Ausstellung »Alfred Hrdlicka – Auf den Barrikaden« im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
Von Peter Michel
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»Die fatale Revolution«, Radierung aus dem Zyklus »Revolution 1848« (1999)

Zehn Plastiken und 35 Arbeiten auf Papier umfasst die Ausstellung »Alfred Hrdlicka – Auf den Barrikaden« im Käthe-Kollwitz-Museum in der Berliner Fasanenstraße. Die Auswahl aus dem Oeuvre des vor zehn Jahren in Wien verstorbenen Unruhekünstlers an diesem Ort zu präsentieren (Eröffnung war am vergangenen Sonntag), ist eine sehr gute Entscheidung. Hat sich doch auch Käthe Kollwitz Zeit ihres Lebens in ihren Werken mit der Notwendigkeit revolutionärer Veränderungen auseinandergesetzt, u. a. in ihren Zyklen zum Aufstand der schlesischen Weber oder zum deutschen Bauernkrieg. Ihr ging es in allen ihren graphischen und bildhauerischen Schöpfungen um die Bewahrung humanistischer Werte, um eine menschliche Gesellschaft, die Verdammung von Kriegen, um den Schutz des Lebens.

Das sind auch Hrdlickas Antriebe, hier treffen sich die beiden. Sie wirkten in unterschiedlichen historischen Perioden und nahmen dazu Stellung – und sie beherrschten die zeichnerischen, graphischen und plastischen Techniken jeweils auf eigene Weise virtuos. Doch wo in vielen Werken von Käthe Kollwitz eine beinahe monumentale Ruhe waltet, deren innere Kraft sich auf den Betrachter überträgt und zum Denken und Handeln anregt, bedient sich Hrdlicka anderer Mittel. Die Ziele sind die gleichen, aber er lehnte eine Kunstrezeption ab, in der sich lediglich ästhetischer Genuss ausbreitet. Er schaute genau hin, war wahrheitsbesessen, er provozierte, stellte Grausamkeiten, Obszönitäten und Perversionen schonungslos dar und zwingt damit bis heute den Betrachter zur Auseinandersetzung mit den Themen, die ihn bewegten.

Seine Kritik war ätzend. Vor allem seit den 70er Jahren entstanden zeichnerische und graphische Zyklen, die einen festen Platz in der europäischen Kunstgeschichte haben: »20. Juli 1944«, »Plötzensee«, »In Gottes Namen«, »Travestie«, »Franz Schubert«, »Masse und Macht«, »Wie ein Totentanz«, »Die Ateliers des Monsieur Rodin« und viele, viele andere. Hrdlicka, der konsequente, unwandelbare Kommunist, begriff auch Bildstoffe als aktuell, die sich mit historischen Vorgängen und Ereignissen beschäftigen. Die Arbeiten aus den Zyklen zur Französischen Revolution und zur Revolution von 1848, die nun bis zum 2. Juni im Käthe-Kollwitz-Museum zu sehen sind und in ihrer Dynamik durchaus z. B. an die Blätter »Losbruch« oder »Aufruhr« aus dem Bauernkriegszyklus von Käthe Kollwitz erinnern, gehören mit ihren Bezügen zur Gegenwart dazu. Sie sind im Obergeschoss des Museums in unmittelbare Beziehung gesetzt zu einer Reihe von Plastiken Hrdlickas, zu seinem »Marat«, zu einem reliefhaften Sujet aus dem Bauernkrieg, zu einer Aktgruppe »Nymphe und Satyr« und anderen. Zwischen diesen dreidimensionalen bildhauerischen Arbeiten und den an den Wänden gruppierten Graphiken entsteht ein spannender Dialog.

Was besonders beeindruckt: Ein Bronzeguss des Käthe-Kollwitz-Denkmals von Gustav Seitz steht in voller Größe in diesem Raum und nimmt ein ebensolches Zwiegespräch mit den Plastiken von Hrdlicka auf; hier kommuniziert ein monolithhaftes Werk mit Schöpfungen voller Bewegung. In einem Vorspruch zu seinem Zyklus »In Gottes Namen« hatte Hrdlicka formuliert: »Der Zweck heiligt die Mittel, was ich mir auch immer sage, wenn ich einen Vorwand suche für einen neuen Zyklus, möge mir der heilige Marx verzeihen, dass ich selbigen innerhalb der freien Marktwirtschaft zur Schau stelle und zum Kauf anbiete.«

Alle Arbeiten der Ausstellung wurden in Zusammenarbeit mit der Wiener Galerie Ernst Hilger ausgewählt. Von dort hatte 2001 auch die Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde Werke für eine Hrdlicka-Ausstellung in der Berliner Weitlingstraße ausgeliehen. In der DDR war Hrdlicka ein gern gesehener Gast. Der große Kunsthistoriker Peter H. Feist schrieb in der Zeitschrift Bildende Kunst über ihn. Hrdlicka nahm an der Intergrafik und anderen Expositionen teil. In seinem Atelier im Wiener Prater empfing er Künstler und Kunstwissenschaftler aus der DDR, hielt sich auch mit Kritik an Fehlentwicklungen nicht zurück. Für viele, die ihn kannten, ist die Wiederbegegnung mit seinen Werken im Kollwitz-Museum ein Gewinn.

Es gibt zwei Bekenntnisse von ihm, die seine Sicht auf die Welt kennzeichnen: »Ich habe keine Visionen, ich lese Zeitung« und »Alle Macht in der Kunst geht vom Fleische aus«. Als kompromissloser Realist konnte er wohl nicht anders denken.

Noch bis 2. Juni, täglich 11 bis 18 Uhr, Fasanenstraße 24, Berlin-Charlottenburg

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