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Aus: Ausgabe vom 12.03.2019, Seite 8 / Inland
Anwohner informiert

»Es reicht nicht, einfach ein paar Symbole zu entfernen«

Geschäftsführer einer Berliner Kneipe leitet einen Traditionsverein finnischer Angehöriger der Waffen-SS. Ein Gespräch mit David Kiefer
Interview: Oliver Rast
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Ausschanksperre: Protest gegen den NPD-Bundesparteitag (Bamberg, 4.6.2010)

An der Ecke Raumer-/Göhrener Straße in Berlin-Prenzlauer Berg hat jüngst eine Brauereikneipe namens »Bryggeri Helsinki« eröffnet. Der finnische Geschäftsführer mischt offenbar bei einem Traditionsverband finnischer Angehöriger der Waffen-SS mit. Um wen soll es sich Ihren Informationen nach handeln?

Pekka Kääriäinen aus Helsinki ist der Geschäftsführer der Gaststätte und gleichnamigen Brauerei. Gleichzeitig ist er Vorsitzender des SS-Traditionsvereins »Veljesapu-Perin­neyhdistysry« (Brüder-Hilfe e. V.) in Finnland. Dieser Verein pflegt die Tradition eines 1.400 Mann starken finnischen SS-Bataillons.

Wie präsentiert sich dieser Traditionsverein mit Postadresse in Helsinki?

Auf der Vereinshomepage haben wir Zitate von »SS-Reichsführer« Heinrich Himmler, Bilder mit Hakenkreuzen und weiteren klaren Bezügen zum Nazismus gesehen. Was wir allerdings nicht gefunden haben: eine kritische Betrachtung, eine Erwähnung der Kriegsverbrechen und eine Würdigung der Opfer. Seiner Berliner Kundschaft möchte Herr Kääriäinen offenbar verheimlichen, dass er in dem Verein tätig ist. In der Bar gibt es darauf keine Hinweise. Und kurz nach der ersten Presseveröffentlichung wurde die Internetseite des SS-Traditionsvereins massiv verändert.

Sie haben als »Berliner Bündnis gegen rechts« mit einer Verteilaktion von Infoflyern auf die Brauereikneipe aufmerksam gemacht. Welche Reaktionen haben Sie von Anwohnerinnen und Anwohnern erhalten?

Die meisten Anwohnerinnen und Anwohner haben die Flyer interessiert angenommen, von einigen wurden wir angeschrieben und um weitere Infos gebeten. Überrascht hat uns die Reaktion in der finnischen Community, da gibt es gerade heiße Diskussionen. Auch in der finnischen Öffentlichkeit und Presse spielte das Thema eine größere Rolle. Vor kurzem wurde eine Studie des finnischen Nationalarchivs zu Verbrechen und Grausamkeiten von finnischen Freiwilligen in der Waffen-SS veröffentlicht. Das hat sicher zur Sensibilisierung beigetragen.

Ist die Kneipe »Bryggeri Helsinki« zum Anlaufpunkt von Rechten und Neonazis geworden?

Dazu ist uns aktuell nichts bekannt, wir recherchieren gerade weitere Informationen und mögliche Hintergründe. Wir wissen aber, dass sich solche »Traditionsvereine« vor allem über Spenden ihrer Mitglieder finanzieren. Wir können also nicht ausschließen, dass mit einem Bier in der Kneipe nicht auch dieser Verein finanziell unterstützt wird.

Was ist über das finnische SS-Bataillon während der Zeit des Nazifaschismus bekannt?

Beim Nürnberger Prozess wurde die SS als verbrecherische Organisation eingestuft. Auch das finnische SS-Bataillon, das sich aus Freiwilligen rekrutierte, war neuesten Forschungen des finnischen Nationalarchivs zufolge an Kriegsverbrechen und dem Holocaust beteiligt. Von 1941 bis 1943 kämpften finnische Soldaten und Offiziere als Teil der SS-Division »Wiking« in der Sowjetunion. Dass sie dabei an der Ermordung von Jüdinnen und Juden sowie Kriegsgefangenen beteiligt waren, gilt als sicher.

Wie wollen Sie weiter vorgehen?

Bisher lag unser Fokus vor allem darauf, in der Nachbarschaft zu informieren und Öffentlichkeit zu schaffen. Wie wir jetzt weiter vorgehen, werden wir bei unserem nächsten Treffen mit den beteiligten Anwohnerinnen und Anwohnern sowie Initiativen besprechen. Uns reicht es natürlich nicht, einfach ein paar Bilder und Symbole von einer Webseite zu entfernen. Wir wollen, dass es eine kritische Auseinandersetzung mit dem Faschismus und seinen Verbrechen gibt. Das schließt das finnische SS-Bataillon ein! Die Zeit, in der Dinge unter den Teppich gekehrt wurden, ist vorbei.

David Kiefer ist Pressesprecher beim Berliner Bündnis gegen rechts

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