Gegründet 1947 Dienstag, 26. März 2019, Nr. 72
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.03.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto Leserbriefe.png

Maulkorb angelegt

Zu jW vom 1.3.: »Kaperung gescheitert«

Im Artikel über die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Wien berichtet jW vom Störfeuer »antinationaler« Gruppierungen, die – was nicht erwähnt wird – unter Vorbringung falscher Antisemitismusvorwürfe eine ganze Reihe von Mitträgern der Konferenz ausgeschlossen sehen wollten. Da diese Forderungen von den Organisatoren nicht in gewünschtem Umfang erfüllt wurden, zogen sich die »antinationalen« »Unterstützer« von der Konferenz zurück. Schön. Michael Wögerer von der veranstaltenden UZ wird in der jW zitiert: »Um Israel oder Palästina geht es bei keiner unserer Veranstaltungen.« Aus unserer Sicht ist die Kaperung der Antinationalen damit allerdings zu 100 Prozent geglückt. Eine sich internationalistisch verstehende Linke, die Rosa Luxemburg im Munde führt, zugleich aber (…) zur Situation in Israel/Palästina schweigt, spürt nicht nur die Fesseln nicht, sie stülpt sich auch noch freiwillig einen Maulkorb über. Mehr wünschen sich die Apologeten der israelischen Besatzungspolitik nicht als das Schweigen der Linken. Nicht erwähnt wird in dem jW-Artikel auch, dass BDS Austria (die Abkürzung steht für Boykott, Desinvestition und Sanktionen; jW) sich für die Konferenz mit einem Infostand angemeldet und die Teilnahmegebühr entrichtet hatte. Ohne plausible Begründung wurde die Gebühr retourniert und die Teilnahme (…) untersagt. Wer sich nicht bewegt, ja wer sich nicht mal zu bewegen traut, spürt in der Tat keine Fesseln.

Cornelia Mitter, BDS Austria

Elitäre Haltung

Zu jW vom 2./3.3.: »›Schulen und Unis werden zu Zertifizierungsdiscountern‹«

Was hier klar erkennbar wird, ist die Angst davor, dass es zuviel Heterogenität an den Schulen gibt. Wo kämen wir denn da hin, wenn Migrantenkinder nicht mehr wie früher hauptsächlich in die Hauptschule gehen, sondern deren Eltern sich für sie jetzt einsetzen und sie aufs Gymnasium schicken würden! Als reichte es nicht aus, dass Migrantenkinder sowieso systematisch schlechter bewertet werden, obwohl sie die gleiche Leistung erbringen. Ein Ali kann eben nicht so gut wie ein Max sein. Die Lösung scheint hier zu sein, dass man beim alten Elitedenken und -system bleibt, anstatt wirkliche Lösungen zu finden und sich vielleicht mal skandinavische Modelle anzuschauen. Nur zur Info: Es sind immer noch zuwenig Arbeiterkinder und Migranten an den Unis. Aber manchen ist das wohl schon zuviel. Klar wollen heute »alle« studieren, schließlich leben wir nicht mehr in der Zeit, in der man auch noch mit einem Hauptschulabschluss einen relativ guten Job bekam. Außerdem ist es das Recht von allen, auf die Uni zu gehen (…). Die Lösung lautet also nicht, stärker zu selektieren und Barrieren zu schaffen, sondern mehr in das Bildungssystem zu investieren, die Unis auszubauen, die Präkarisierung der akademischen Lehrkräfte zu beseitigen, ein besseres Bildungssystem für alle aufzubauen und natürlich dafür zu sorgen, dass alle vorankommen. (…) Glücklich sind die Studenten heute auch nicht mit dem Bachelor-Master-System, aber diese konservative und elitäre Haltung ist keine Lösung.

M. O. Sarmand, per E-Mail

Auswechselbare Gestalten

Zu jW vom 6.3.: »Deutscher Botschafter ausgewiesen«

Guten Tag, Herr Kriener, dass Sie als Botschafter nach Venezuela gesandt wurden, hatte formal den Grund, dass Sie als vermittelnde Person zwischen Berlin und der Regierung in Caracas wirken sollten. Nun haben Sie sich mehrmals mit Herrn Guaidó getroffen. Dieser Mann, den Sie offensichtlich hofieren wollten, hat Ende Februar bekanntgegeben, dass es in seinem Sinne sei, eine militärische Intervention in Venezuela herbeizuführen. Schon vorher, aber auch nach dieser Aussage haben Sie erklärt, dass Deutschland ihn unterstütze. Ich gehe davon aus, dass Sie diese Behauptung im Namen der in Deutschland lebenden Menschen vorgebracht haben. Deshalb ist es unbedingt erforderlich, Sie aus Venezuela zu verweisen. Oder sind Sie tatsächlich der Auffassung, dass die große Mehrheit der hier lebenden Menschen Ihre Meinung teilt? Ihnen sollte auch keine Funktion in einem anderen Land mehr anvertraut werden. (…) Selbst Herr Guaidó weiß, dass er im eigenen Land kaum bekannt ist und in kurzer Zeit auch von seinen bisherigen Förderern aussortiert werden wird. Weil er vorgeführt wurde – das macht ihn zwangsläufig zu einer auswechselbaren Gestalt. (…)

Torsten Scharmann, per E-Mail

Der nächste Krieg

Zu jW vom 6.3.: »Geschichte einer Aggression«

(…) Der Erste Weltkrieg war auch der »dritte Balkankrieg«. Im ersten hatten die verbündeten vier Balkanstaaten mit russischer Unterstützung die letzte Landverbindung von Wien nach Istanbul unterbrochen, als sich Serbien und Montenegro den Sandschak (Bezirk; jW) von Novi Pazar aufteilten. (…) Den russischen Einfluss auf dem Balkan und damit die Kappung der Verbindung zur »Bagdadbahn« wollten Berlin und Wien 1913/14 nicht hinnehmen. Die russische Einflusszone reichte so ja in Montenegro bis an die Adria! Die Gelegenheit – das Attentat von Sarajevo – kam ihnen »gerade recht«. (…) Im »dritten Weltkrieg«, der weitgehend ein kalter blieb, aber in Jugoslawien eben nicht, schlug erneut Deutschland, wenn auch als Juniorpartner der anderen Westmächte, militärisch gegen Restjugoslawien/Serbien los. Inzwischen wurden mit Mazedonien und Montenegro alle früheren Teilrepubliken Jugoslawiens in die NATO aufgenommen, alle – außer Serbien. Dessen Bevölkerung aber widersetzt sich erneut! Es ist nur eine Frage der Zeit: So tief im »Hinterland der NATO-Ostfront« wird man kein innerlich prorussisches Serbien hinnehmen. (…) Und der »Zünder« für neue Attacken könnte der Norden des Kosovo sein, wo sich die serbische Bevölkerung der Ausgliederung aus Serbien widersetzt. Ich denke, auch deshalb lehnt die Merkel-Maas-Regierung einen friedlichen Gebietsaustausch »Nordkosovo gegen das Preschova-Tal« so vehement ab – man muss doch an den nächsten Krieg denken! (…)
Volker Wirth, Berlin

Die Lösung lautet nicht, Barrieren zu schaffen, sondern ein besseres Bildungssystem für alle aufzubauen, so dass alle vorankommen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Thomas Klinger: Anderes System Pünktlich zum Frauentag haben die Mainstreammedien (zu denen zum Glück meine jW nach wie vor nicht zählt) wieder ihre alte verlogene Leier in Gang gesetzt, wonach nur mehr Frauen in die Politik müsste...
  • alle Leserbriefe