Gegründet 1947 Mittwoch, 24. April 2019, Nr. 95
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 11.03.2019, Seite 7 / Ausland
Internationaler Frauentag

Geschichte geschrieben

Historischer Frauentag: Millionen beteiligten sich an feministischem Generalstreik in Spanien
Von Carmela Negrete
Internationaler_Frau_60580520.jpg
Feuer und Flamme für das Patriarchat: Frauenstreik am Freitag in Madrid

Spaniens Frauen haben ihre Muskeln gezeigt und Geschichte geschrieben. Mehrere Millionen Menschen, so Angaben der aufrufenden Gewerkschaften, beteiligten sich am Freitag, dem Internationalen Frauentag, an Hunderten kleineren Aktionen und großen Demonstrationen. Allein in Madrid beteiligten sich nach Polizeiangaben rund 350.000 Menschen an der abendlichen Kundgebung, zu der – außer den rechten – alle Parteien und Gewerkschaften aufgerufen hatten. Damit hat sich die Zahl der Teilnehmerinnen dort gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Auf Videos ist ein schier endloses Meer von Menschen zu sehen, das die Straßen der Metropole füllt. Der Brunnen von Cibeles erstrahlte für einen Abend in lila, während die Demonstrantinnen die Legalisierung von Abtreibungen und gleiche Rechte für alle forderten: »Keine Frau ist illegal!« Andere riefen in Erinnerung an die Opfer der Gewalt gegen Frauen: »Wir sind nicht alle, es fehlen die Ermordeten«. Und in Anspielung auf die antifaschistische Losung aus dem Spanischen Bürgerkrieg hieß es auch immer wieder: »Madrid wird das Grab des Machismus!«

Die Volkspartei (PP) – die im vergangenen Jahr noch zu den Demonstrationen aufgerufen hatte – beteiligte sich nicht an den Protesten und kritisierte sie als »antikapitalistisch und linksradikal«. Die neofaschistische Vox behauptete sogar, dass die Frauen bereits gleichberechtigt seien und sich nicht »als Opfer darstellen« müssten.

In Barcelona bezifferte die Stadtpolizei Guàrdia Urbana die Teilnehmerinnenzahl an der Großdemonstration auf 200.000. Dort beteiligten sich die Sprecherin der katalanischen Regionalregierung, Elsa Artadi, und Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau. Auch in Zaragoza gingen rund 200.000 Menschen für Gleichberechtigung und gegen Gewalt an Frauen auf die Straße – die größte Mobilisierung in dieser Stadt seit den 1970er Jahren. Auch in Valencia, Sevilla und Dutzenden anderen Städten demonstrierten Tausende Frauen. Im baskischen Bilbao sollen es rund 50.000 Frauen gewesen sein, die das Zentrum der Stadt lahmlegten. Zudem musste die Plenarsitzung des baskischen Parlamentes zum ersten Mal in der Geschichte unterbrochen werden, weil sich alle weiblichen Abgeordneten mit Ausnahme der von der PP am Streik beteiligten, und das Parlament damit nicht mehr beschlussfähig war.

Die meisten Gewerkschaften hatten für den 8. März zum Generalstreik aufgerufen. Während die anarchosyndikalistischen Verbände CNT und CGT sowie mehrere Regionalgewerkschaften wie die andalusische SAT und die katalanische Intersindical-CSC zu einer 24stündigen Verweigerung nicht nur der Arbeit, sondern auch der Pflege von Angehörigen und des Konsums aufriefen, beschränkten sich die größten Arbeiterorganisationen CCOO und UGT auf einen zweistündigen Warnstreik. Um 14 Uhr bezifferten sie die Beteiligung bereits auf rund sechs Millionen Frauen.

Die feministische Bewegung in Spanien ist derzeit die einzige Kraft, die alle politischen Kräfte jenseits der Rechten zusammenführen kann, so dass die Linke ihre Kampagne zu den am 28. April bevorstehenden Parlamentswahlen auf deren Themen konzentriert. Andererseits hat auch die neofaschistische Vox das Wettern gegen eine »Genderdiktatur« als Wahlkampfthema entdeckt. Die Politologin Sílvia Claveria sagte deshalb dem Onlineportal eldiario.es, dass es deshalb in diesem Jahr möglicherweise erstmals »ein genderbewusstes Abstimmungsverhalten« geben könnte.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • »Wenn wir streiken, steht die Welt still«: Frauenkampftag am 8. ...
    07.03.2019

    Alles lahmlegen

    Vorbereitungen für Frauenstreik in Spanien. Hunderte Aktionen geplant. Gewerkschaften rufen zu Arbeitsniederlegungen auf
  • In Girona und Barcelona blockierten Hunderte Demonstranten über ...
    09.11.2017

    Generalstreik für Freiheit

    Tausende Menschen demonstrieren in Katalonien gegen Unterdrückung durch Madrid und für Freilassung der politischen Gefangenen

Regio:

Mehr aus: Ausland