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Aus: Ausgabe vom 09.03.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Anruf

Von Christine Lehmann
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8. März 2019

7.48 Uhr

»Da schau her, der Frauenanteil ist im Deutschen Bundestag von 37 auf 30 Prozent gesunken«, las ich vor. »Und das fällt denen heute auf?«

Richard straffte seinen Teil der Zeitung. »Heute ist Internationaler Frauentag.« Kurz sah ich seine milchkaffeebraunen Augen über die Blattkante hinweg. Er las den Wirtschaftsteil, wie ich an der mir zugewandten Seite erkennen konnte, der Abteilung Wissen.

»Dann müssen wir heute mit Bollerwagen und einer Kiste Bier grölend ins Grüne ziehen und Männer belästigen, oder?«

»Das verwechselst du mit dem Vatertag, Lisa.« Richard griff nach dem Kaffeebecher. Frisch geduscht, mit feuchtem Haar, nach Zeder und Zibet duftend, noch in Hemd und Weste ohne Krawatte und Jackett, pflegte er die erste halbe Stunde seines Tages am Küchentisch seiner Wohnung in der Kauzenhecke mit ihrem Art-déco-Inventar und dem Bechsteinflügel im Musikzimmer einem Müsli, einem schwarzen Kaffee und der auf Papier gedruckten Tagespresse zu widmen.

Hinterm Küchenfenster regnete es dünn. Ich betrachtete die Textkästchen in meinem Stuttgartteil. Die Partei des gesunden Menschenverstandes sah den Untergang voraus. Landes-PGM-Chef Volker Levin behauptete: »Die deutsche Gesellschaft krankt an einer durchgegenderten multikulturalisierten Indoktrination durch das Establishment der internationalen schwulen Netzwerke, das uns vorschreibt, welche Wörter wir verwenden dürfen und welche nicht.« Jawoll: Denn an einem Regentag schuf Gott den Menschen zu seinem Bilde und schuf ihn als Mann und Frau. Woraus sich Gleichrangigkeit ableitete, aber eben auch, dass es nur zwei biologische Geschlechter gab und auf keinen Fall soziale Geschlechter. Vorausgesetzt, man hielt den mosaisch-christlich-islamischen Gott für die Autorität aller Welten.

»Wenn es nach den Gesunden Menschenverstandlern ginge«, sagte ich, »dann darf es mich nicht geben. Dich übrigens auch nicht.«

»Nach denen geht es aber nicht, Lisa.« Morgenfrieden. Der Oberstaatsanwalt für Wirtschaftsstrafsachen fühlte sich noch sicher in seiner Welt zwischen Kessel und Fernsehturm.

Im Deutschlandfunk erklärte die Übersetzerinnenstimme von Minna Salami, dass sich der afrikanische Feminismus nicht ausschließlich mit dem Männer-Frauen-Ungleichgewicht beschäftigt, weil auch Hierarchien aufgrund von »race« und soziopolitische Faktoren das Leben der Frauen beeinflussen. – Warum hatten die »race« nicht übersetzt? Selbst wenn im Englischen »race« irgendwie anders gebraucht wurde, ging es doch wohl um Weiße und Schwarze. Was natürlich keine Rassen waren. Klar. Denn die dunkle Hautfarbe hatte sich parallel in verschiedenen Weltgegenden entwickelt, genauso wie die helle. Menschen züchten Hunderassen und Pferderassen. Aber Menschenrassen gibt es nicht, außer bei Rassisten.

»Gehst du hier mit Cipión raus oder soll ich dich mit runternehmen?«, fragte Richard beim Einräumen der Spülmaschine.

Der Dackel hob den Kopf. Zu gerne hätte er im Degerlocher Wald unterhalb des Fernsehturms Cindy getroffen, die Terrierhündin, die morgens von einer Frau aus der Löwenstraße ausgeführt wurde. Aber draußen herrschte Märzwinter. Das würde ihm nicht gefallen.

*

8.02 Uhr

Während Richard die Limousine die Neue Weinsteige hinunterrollen ließ, sagte die Moderatorin im Deutschlandfunk: »Afrikanisches feministisches Denken wird angetrieben von der Idee, dass Liebe und Gerechtigkeit ergänzend zu Revolution und Veränderung sind.«

Mein Handy rappelte in meiner Jacke.

»Was gibt’s, Sally?«

»Wir hatten einen Drohanruf.«

»Ui!«

»Immer bin ich dran, wenn die Gestörten anrufen.« Sally arbeitete als Assistentin in einer aktuellen Redaktion des SWR. »Ich hab heute Studiodienst, wegen der Höreraktionen zum Frauentag. Zum Glück konnte ich den nicht gleich ins Studio durchstellen. Die Werbung lief schon.«

»Und was wollte er?«

»Ich nehme also ab.« Sally klang durchaus zufrieden. »›Hallo, bin ich im Radio?‹, sagt er. Er lässt mich gar nicht zu Wort kommen. ›Ja, hallo, ihr Fotzen! Ich hab eine Erklärung abzugeben. Folgendes: Ich will heute keine von euch Schlampen auf der Straße sehen. Sonst passiert was. Es gibt ein Blutbad.‹«

»Nett.«

Richard nahm kurz den Blick von der Straße und schaute zu mir. Ich registrierte es im Augenwinkel, während auf der anderen Seite die Hänge mit den noch kahlen Weinstöcken unter grauem Himmel vorbeiglitten.

»Ich dachte erst, das ist auch nur so ein Spinner. Das kannst du dir nicht vorstellen, was die Leute auf Stichwort schimpfen können. Unterirdisch die Mails ins Studio. Wie die drauf sind, schon vorm Frühstück!«

Ich gab ein Sozialgeräusch von mir.

»Also ich sage: ›Sie sind noch nicht dran.‹ Darauf er: ›Du hast uns nichts zu sagen, du Fi-Fa-Fotze.‹ Das hat er wirklich so gesagt. Und dann: ›Der Toleranz sind erhebliche Grenzen gesetzt, diese habt ihr nun überschritten. Der Ehrenmann handelt. Wir wollen heute keine von euch Schlampen auf der Straße sehen. Andernfalls wird das Geschrei und Wehklagen groß sein. Die Straße wird übersät mit Leichen sein und rot von Blut sein.‹ Da check ich, dass der das ernst meint. Auf einer Fortbildung über Drohanrufe, wo ich kürzlich war, haben sie gesagt, man soll mitschreiben, weil man sich hinterher nicht mehr erinnert vor lauter Aufregung. Den Rest habe ich mitgeschrieben und den Anfang aus dem Gedächtnis dazunotiert.«

»Sehr schlau. Und weiter?«

»Ich hab ihn gefragt: ›Was hast du denn vor?‹ Man soll sie fragen. Darauf er: ›Das werdet ihr schon sehen!‹ Ich frage: ›Willst du dich bei der Frauentagsdemo in die Luft sprengen oder was?‹ Und er: ›Ich werde euch töten, ti-ta-töten, ihr Fa-Fotzentags­fotzen, ihr seid Kackdreck!‹ Hat er wirklich so gesagt.«

»Schräg.«

»Vielleicht stottert er. Oder er hat das Tourette-Syndrom. Da kann man nicht beherrschen, was man sagt.«

»Und dann?«

»Dann hat er aufgelegt. Aber er will sich nicht in die Luft sprengen. Bei der Fortbildung haben sie gesagt, man soll sie fragen, wie sie es tun wollen. Wenn sie es anders tun wollen, als man ihnen unterstellt, dann gehen sie nicht darauf ein. Dann reden sie weiter. Und das hat er getan. Der hat was vor, Lisa!«

»Das müsst ihr der Polizei melden.«

»Schon geschehen. Ricki hat es auch gepostet. Der Chef hat ein furchtbares Theater abgezogen, er hat direkt aus der Straßenbahn angerufen, ob wir den Arsch offen hätten oder was.«

Auch nett.

»Ricki hat es gleich gelöscht, aber es ist schon geteilt worden. Jetzt haben wir hier Hühnerstall, kann ich dir sagen. Ich hab’s auch abgekriegt, weil ich den Anruf nicht mitgeschnitten habe. Woher hätte ich wissen sollen, wie das geht? Ich weiß nicht, wo der Knopf ist. Und zwischendurch mit der Studiotechnik reden … die haben immer so Vorstellungen, wenn sie es nicht selber machen müssen.«

»Mach dir keine Gedanken, Sally. Du warst geistesgegenwärtig genug. Ich komme nachher mit Cipión am Sender vorbei. Was ist mit der Telefonnummer?«

»Natürlich unterdrückt, das haben wir gleich überprüft. Du, ich muss«, sagte Sally mit plötzlich geduckter Stimme. »Sie kommen.« Dann war sie weg.

Kleine Tropfen punktelten die Windschutzscheibe. Der Scheibenwischer fing sie weg.

»Liebe ist eine unterschätzte Emotion in der Weltanschauung«, sagte das Autoradio. »Die Kunst ist für viele afrikanische Feministinnen ein radikaler transformatorischer Akt, um Theorie mit Emotionen zu füllen. Sie schaffen neue intellektuelle Traditionen jenseits der weißen männlichen und akademischen Wissensproduktion. Es geht darum, die Gedanken zu dekolonialisieren und depatriarchalisieren.«

»Was wollte Sally?«, fragte Richard.

»Im Sender hat es einen Drohanruf gegeben. Sie hat ihn entgegengenommen.«

»Drohungen gegen wen?«

»Gegen die Hälfte der Menschheit.«

Richard grunzte ungeduldig. Sonst war er es, der die brisanten Informationen besaß, und ich musste betteln.

»So wie Sally es berichtet, klang es, als hätte der Anrufer nicht übel Lust, heute unter uns Frauen ein Blutbad anzurichten.«

Richards Kinn wurde kantig.

»Oder vielmehr unter uns Fotzen. Den Fi-Fa-Fotzen. Die will er ti-ta-töten.«

Richard schüttelte sich unwillkürlich.

»Wenn heute erster April wäre, würde ich sagen, das hat sich ein Thrillerautor ausgedacht. Wenn’s doof läuft, werdet ihr die Frauentagsdemo noch absagen müssen oder vielmehr die Fotzentagsdemo.«

Was das bedeutete, wog er in seinem Schädel bereits ab, verbal wehrte er sich aber noch. »Immer langsam mit den jungen Pferden, Lisa.« Sein Mercedes drängelte dem Auto vor uns ins Heck. »Über den Verbindungsnachweis wird man ihn schnell haben. Die müssen umgehend die Polizei …«

»Ist schon im Sender.«

Richard versuchte so zu tun, als entspanne er sich etwas. Das war im morgendlichen Autogeschiebe an sich schon eine heldenhafte Übung. Jeden Arbeitstag fielen über die Weinsteige von der Münchner Autobahn, von Tübingen und Reutlingen und aus den Fildervororten Zehntausende Pendler in den Kessel ein.

»Sexuelle Befreiung war und ist ein feministischer Kampf«, dozierte das Radio. »Als Frauen davon sprachen, dass sie auch ohne Ehe Sex haben wollten und die gleichen moralischen Standards für Frauen und Männer, verstanden Männer darunter grundsätzlichen sexuellen Zugang zu Frauen ohne jegliche Verpflichtungen. Das ist nur eine der Fallen, in die uns das Patriarchat tappen lässt.«

Ich rief Facebook auf. »Ich hoffe, du wirst von einem Asylanten vergewaltigt«, wischte an meinem Auge vorbei. Ich klickte meine gemeinsamen Freunde mit Ricki ab. Wann hat Facebook eigentlich die FreundInnen abgeschafft?, fragte ich mich im Hinterkopf. Eine Freundin hatte Rickis Post geteilt. »Heute Drohanruf gegen Frauentagsdemo. Leute, mäßigt euch! Leben und leben lassen!«

Über die Freisprechanlage meldete sich Richards Handy. Das Gelaber im Deutschlandfunk verstummte und auf dem Display seines Bordcomputers erschien der Name Dr. Elvira Ernst.

»Ah«, stellte ich fest, »da ruft sie schon an, die neue Polizeipräsidentin.«

Richard tippte auf den grünen Punkt. »Weber, guten Morgen, Frau Ernst.«

Eine resolute Stimme mit oberschwäbischem Akzent füllte die Kabine. »Guten Morgen, Herr Weber, entschuldigen Sie die frühe Störung …«

»Bevor Sie weiterreden, Frau Ernst, ich sitze nicht allein im Wagen.«

»Huhu, Frau Ernst!«, rief ich Richtung Freisprechanlage. »Ich bin’s, Lisa Nerz.«

»Guten Morgen, Frau Nerz.« Der Chefinnensound kam etwas ins Trudeln.

»Falls es um den Drohanruf im SWR geht«, rief ich, »das wissen wir schon.«

»Wir hatten auf seiten der Zeugen eigentlich um Stillschweigen gebeten.«

»Geht schon viral auf Facebook. Es arbeiten viele Leute an so einer Frühsendung.«

Die Polizeipräsidentin schluckte hörbar. »Nur ganz kurz, Herr Weber, wir haben für acht Uhr dreißig eine Besprechung im FLZ angesetzt …«

Es war zehn vor halb neun.

»… und hätten Sie gern dabei.«

»Mich auch?«, fragte ich.

Richard warf mir einen tadelnden Blick zu und sagte Richtung Display: »Ich bin auf dem Weg. Bis gleich.«

Das Radio übernahm wieder die akustische Füllung der Kabine: »Wie fordern wir einen Staat heraus«, fragte eine Frauenstimme, »der uns eine rachsüchtige heterosexistische Idee als Norm aufdrückt?«

Es war ein zähes Vorrücken in der Häuserschlucht der Stichstraße nach unten von Ampel zu Ampel.

Wozu brauchen die Richard?, fragte ich mich. Er würde es mir nicht erklären. Seine Rolle im Machtgefüge der staatlichen Rechtspflege durchschaute ich immer noch nicht, obgleich ich ihn schon lange kannte. Eigentlich war er Staatsanwalt für Wirtschaftsstrafsachen, aber er leitete auch, wenn nötig, interne Ermittlungen. Eine Bedrohungslage durch einen frauenfeindlichen Gefährder gehörte allerdings nun gar nicht zu Richards Standardaufgaben.

*

8.22 Uhr

Er musste sein Ziel ändern: nicht mehr Staatsanwaltschaft in der Neckarstraße, sondern Polizeipräsidium in der Hahnemannstraße auf dem Pragsattel. Viel Zeit hatte er nicht.

»Schmeiß mich irgendwo raus«, sagte ich.

»Der Begriff Gender Role«, sagte das Radio, »wird benutzt, um all jene Dinge zu beschreiben, die eine Person sagt oder tut, um sich selbst auszuweisen als jemand, der oder die den Status als Mann oder Junge, als Frau oder Mädchen hat, lesen wir bei John Money schon 1955.«

Noch einmal Rot.

»Wahrscheinlich ist es nur einer, der sich über das Frauentagsgedöns im Radio ärgert«, bemerkte ich. »Wer droht, schießt nicht. Amokläufer drohen vorher nicht.«

Grün. Richard gab Gas und bog auf die Stadtautobahn ab. »Woher weißt du das so genau?«

»Aus Funk und Fernsehen. Entweder es gibt eine Amokdrohung und Schulen werden geräumt, oder ein Einzelgänger richtet ein Massaker an, und niemand hat vorher was gewusst.«

Ich startete Twitter auf meinem Handy und durchsuchte den Hashtag »Frauenkampftag«. Das Radio redete: »Sexualität bedeutet für den Feminismus, was Arbeit für den Marxismus ist: nämlich das, was am meisten Anteil an der eigenen Identität hat und einem doch am häufigsten genommen wird. Die Form, wie sich Sexualität äußert, strukturiert die Gesellschaft in zwei Geschlechter, Frauen und Männer. Eine Teilung, die der Gesamtheit gesellschaftlicher Beziehungen zugrunde liegt. Wie die organisierte Ausbeutung der Arbeit einiger zum Wohl anderer die Arbeiterklasse definiert, so definiert die organisierte Ausbeutung der Sexualität der einen zum Nutzen der anderen das Geschlecht der Frau.«

»Ich setze dich am Stöckach ab«, sagte Richard.

»Und ich werde mich mal umhören.«

Sein Blick zeigte Alarmstufe Rot. »Je weniger darüber geredet wird, desto besser. Panik können wir gar nicht brauchen.«

»Zu spät!«

Zwischen »Solidarität mit den emanzipativen Protesten im Iran« und »Antifeminismus ist keine Alternative« flackerte der Tweet auf: »Anschlagsdrohung auf Frauentagsdemo in Stuttgart. Unbekannter droht gegenüber unserem Sender.«

»Es gibt einen weiteren Drohanruf, Richard. Der Ehrenmann hat nicht nur Sally angerufen.«

»So ’n Hurenseich!«, fluchte er in einem seltenen Anfall von Inbrunst. »Und den nennst du Ehrenmann?«

»Er hat sich Sally gegenüber selbst so genannt«, fiel mir ein. »Scheiße! Wenn das so einer ist …«

Die Kommentare, die der Tweet bereits nach wenigen Minuten angezogen hatte, reichten von »Die Fricken gehören alle mal ordentlich durchgefickt« bis zu »So sieht die Rache des frustrierten Patriarchats aus«.

»Was für einer?«, fragte Richard.

»Ein Unfren. Die nennen sich Ehrenmänner und schießen auf Frauen.«

Christine Lehmann ist Schriftstellerin. Sie arbeitet als Politikredakteurin beim SWR und hat zwei der SWR-Radio-Tatort-Folgen verfasst. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus ihrem Krimi »Die zweite Welt«, der dieser Tage im Ariadne-Verlag erscheint. Wir danken Autorin und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Christine Lehmann: Die zweite Welt. Argument Verlag mit Ariadne, Hamburg 2019, 256 Seiten, 13 Euro

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