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Aus: Ausgabe vom 09.03.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Wenn sonst schon nichts blüht

Von Arnold Schölzel
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Altes aus dem verblichenen Schurkenstaat DDR verkauft sich wie Frischware. So teilte die »Tagesschau« am Mittwoch mit: »Kindesmissbrauch durfte es in einer scheinbar perfekten Welt des Sozialismus nicht geben.« Was fragen lässt: In welcher Welt darf es denn Kindesmissbrauch geben? Die ehemalige Familienministerin Christine Bergmann (SPD) erklärte: »Es gab das Thema nicht, es wurde nicht drüber gesprochen, weder im privaten noch im öffentlichen Raum.« Die Dame ist allwissend und war überall dabei.

Die auf der DDR herumtrampeln, sind generell Gott gleich, z. B. Rolf Schwanitz (SPD), von 1998 bis 2002 Ostbeauftragter der Bundesregierung. Vor 21 Jahren, als SPD und Grüne gerade die Beteiligung an den NATO-Luftangriffen im Kosovo vorbereiteten, war noch von »Aufschwung Ost« die Rede. Niemand weiß heute, ob es den je gegeben hat, zu lesen ist regelmäßig, dass der Osten auf unabsehbare Zeit wirtschaftlich keine Chance hat. Wer ist schuld? Rhetorische Frage, die DDR war und ist der Quell allen Übels – in Ewigkeit. Schwanitz hat jedenfalls einen für diesen kurzen Zeitraum reichenden Text verfasst, um das zu begründen. Der erschien unter dem Titel »Die Treuhandanstalt war nicht schuld« auf Seite sieben der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) am vergangenen Wochenende. Untertitel: »Die DDR behauptete, ihre Wirtschaft sei extrem modern. Aber am Ende war das Land völlig pleite. Das musste so kommen.« Das »extrem modern« und »völlig pleite« gehört in dieselbe Kategorie wie das Bergmannsche »es gab das Thema nicht«: maximale Gewissheit bei minimaler Tatsachenbasis. Göttlich ist, aus nichts eine Welt zu erschaffen.

Schwanitz bot Klassiker: zwölf Jahre Wartezeit auf einen Pkw und »Die Betriebe wurden enteignet«. Außerdem: »Zentraler Planungswahn«, »Tonnenideologie«, »nur Masse zählte« – wie es so bei Wikipedia, sogenannten SED-Diktatur-Forschern oder anderen seriösen Quellen steht. Hätte jeder DDR-Bürger einen Anteil vom Volkseinkommen erhalten, so Schwanitz, wäre er »mit 22.000 D-Mark Schulden belastet worden«. Wie schön, dass dieser Kelch an den Ostmenschen vorüberging. Schwanitz, Bergmann und Co. retteten sie und lieferten dafür Arbeitslosigkeit, Kriege und Neonazis. Gilt in der besten aller möglichen Welten als guter Tausch.

Ausgerechnet eine VW-Vorständin tat auf Seite 24 derselben FAS-Ausgabe ihre Undankbarkeit fürs Schwanitzsche Rackern kund. Hiltrud Werner wurde 1966 in Mecklenburg geboren, wuchs in Thüringen auf, lernte Textilfacharbeiterin, holte das Abitur auf der Abendschule nach, studierte Ökonomie, ein Semester in der Sowjetunion. Nun schrieb sie: »Die Jahre nach der Wiedervereinigung waren eine systematische Deindustrialisierung der DDR.« Die Treuhand habe das Volkseigentum teils verramscht, manche Abenteurer aus dem Westen hätten ihren Reibach gemacht, »etwa wenn sie die Ferienanlage eines Betriebes auf Rügen für einen Euro gekauft haben«. Der FAS-Autor kommentierte: »Da klingt Kapitalismuskritik durch, so handfest wie selten in den Reden von Topmanagern.« Vor solch stalinistischen Anfechtungen sind Schwanitz oder Frau Bergmann gefeit. Der Redakteur notierte außerdem: »Frau Werner sagt auch, dass sie sich dafür ›schämt‹, dass Deutschland zu den Ländern mit den größten Niedriglohnsektoren gehört.« Und schließlich formulierte sie über ihre ehemaligen Mitschüler und Kommilitonen, die in Ostdeutschland blieben: »Die dort herrschenden Sorgen und Nöte werden nicht ernstgenommen.« Das ist ungerecht, zumindest gegenüber der »Tagesschau«, die endlich den Kindesmissbrauch in der DDR-Welt ernst nimmt. Und dass die Treuhand nichts verramschte, weil nichts zu verramschen war, hat Schwanitz ein für allemal bewiesen. So blüht die SPD auf, wenn sonst schon nichts im Osten.

Vor 21 Jahren, als SPD und Grüne gerade den Kosovo-Krieg vorbereiteten, war noch von »Aufschwung Ost« die Rede. Niemand weiß heute, ob es den je gegeben hat, zu lesen ist regelmäßig, dass der Osten auf unabsehbare Zeit wirtschaftlich keine Chance hat. Wer ist schuld? Rhetorische Frage, die DDR war und ist der Quell allen Übels – in Ewigkeit.

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