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Aus: Ausgabe vom 09.03.2019, Seite 8 / Ansichten

Mutmacherinnen

Frauenstreik in der Altenpflege
Von Daniel Behruzi
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In letzter Zeit können sich Pflegekräfte vor Lobeshymnen der politisch Verantwortlichen kaum retten

Das Motto zum diesjährigen Frauentag trifft wohl in keinem Bereich so stark zu wie in der Altenpflege: »Wenn wir Frauen die Arbeit niederlegen, steht die Welt still«. Weit mehr als 80 Prozent der Pflegekräfte in entsprechenden stationären und ambulanten Einrichtungen sind weiblich. Millionen Pflegebedürftige – deren Zahl von Tag zu Tag zunimmt – wären ohne ihre professionelle Unterstützung aufgeschmissen. Gerade in letzter Zeit können sich die Beschäftigten denn auch vor Lobeshymnen der politisch Verantwortlichen kaum retten. An der zumeist niedrigen Bezahlung und den miserablen Arbeitsbedingungen hat sich hingegen noch nichts geändert.

Die Diskrepanz zwischen Worten und Taten ist frappierend – nicht nur beim politischen Establishment, sondern zum Beispiel auch bei den christlichen Kirchen und ihren Wohlfahrtsverbänden. So kritisierte Maria Loheide vom Vorstand der Diakonie Deutschland zum 8. März, Frauen würden weiterhin »schlechter bezahlt als Männer«, seien »überproportional geringfügig beschäftigt« und »stärker von Armut betroffen«. Längst überfällig seien »Rahmenbedingungen und Strukturen, die Frauen eine eigenständige Absicherung ermöglichen«.

Alles richtig. Nur passt das nicht so recht zu den Bedingungen, die vielerorts in diakonischen Einrichtungen vorherrschen. Ein Schlaglicht auf diesen Umstand warf am Frauentag ein Streik in einem kleinen Pflegeheim in der mittelhessischen Kleinstadt Wetter. Dort sah sich eine Handvoll Altenpflegerinnen am Dienstag zum ersten Mal in ihrem Leben gezwungen, die Arbeit niederzulegen. Der Grund: Jahrelang wurden sie mit Niedriglöhnen abgespeist. Die Altenhilfe Wetter gehört zwar zum evangelischen St.-Elisabeth-Verein, das Unternehmen war jedoch stets privatrechtlich organisiert – ohne Tarifbindung und lange Zeit auch ohne Betriebsrat.

Als sich die Mehrheit der Altenpflegerinnen gewerkschaftlich organisierte, einen Betriebsrat wählte und Verdi das Management zu Tarifverhandlungen aufforderte, simulierte dieses zunächst Gesprächsbereitschaft. Doch hinter den Kulissen bereitete es den Beitritt zum Diakonischen Werk Hessen vor, der zum Jahreswechsel vollzogen wurde. Damit sei der Betriebsrat aufgelöst, Tarifverträge gebe es in der Diakonie nicht, hieß es. Dagegen laufen die Pflegekräfte nun Sturm, obwohl sie durch den Beitritt zur Diakonie und die damit geltenden Arbeitsvertragsrichtlinien bereits deutliche Lohnerhöhungen erreicht haben. Und wie reagierte die Leitung der neuerdings »diakonischen« Einrichtung? Sie versuchte, die Altenpflegerinnen einzuschüchtern und vom Streik abzuhalten, wie Verdi berichtet.

Die Kolleginnen ließen sich davon nicht beirren und streikten trotzdem. Mit ihrem Mut haben sie das Städtchen Wetter in der Nähe von Marburg zum Zentrum des bundesweiten Frauenstreiks gemacht. Die Solidarität von Gewerkschafterinnen und Feministinnen dürfte ihnen gewiss sein.

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