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Aus: Ausgabe vom 09.03.2019, Seite 2 / Inland
8. März

Kampf um Gleichstellung

Internationaler Frauentag: OECD-Bericht rügt Diskriminierung
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Demonstration am 08. März 2019 zum Internationalen Frauentag in Berlin

Die Gleichstellung der Geschlechter kommt einem neuen OECD-Bericht zufolge nur schleppend voran. Tief verwurzelte Vorurteile und soziale Normen sorgten dafür, dass politische Verpflichtungen und Reformen oft nur halbherzig umgesetzt würden, heißt es in dem am Freitag in Paris veröffentlichten Bericht, für den 180 Länder untersucht wurden. Den OECD-Experten zufolge verbiete immer noch knapp die Hälfte (88) der untersuchten Länder Frauen, bestimmte Berufe auszuüben. In 24 Ländern bräuchten Frauen die Erlaubnis des Ehemannes, um zu arbeiten. In einer Mehrheit (108) der Länder sei die Legalität von Abtreibungen an Bedingungen geknüpft. In 32 der untersuchten Länder müssten Frauen warten, bis sie nach einer Scheidung wieder heiraten dürfen. In 29 Ländern hätten Witwen oder Töchter im Erbrecht nicht dieselben Rechte wie Witwer oder Söhne. Der Bericht kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass Frauen in allen Regionen der Welt in ihrer eigenen Familie die größte Diskriminierung erfahren. Demnach übernähmen Frauen 75 Prozent der unbezahlten Hausarbeit und Betreuung. In 27 Ländern seien Frauen gesetzlich verpflichtet, ihrem Ehemann zu gehorchen. Auch in Europa und in Nord- und Südamerika würden Frauen vor allem über die traditionelle Rolle als Mutter und Hausfrau definiert.

Bundesweit waren Frauen am Freitag anlässlich des Internationalen Frauentags zu Streiks und Protestkundgebungen aufgerufen. In Berlin war der Tag erstmals gesetzlicher Feiertag, Tausende Menschen zogen in einem zentralen Demonstrationszug vom Alexanderplatz nach Kreuzberg. Die Bundeswehr versuchte am Brandenburger Tor, den Tag für ihre Zwecke zu missbrauchen. Wie angekündigt, verteilten Soldatinnen 1.000 Blumen an Passantinnen, um für weiblichen Nachwuchs zu werben.

Mehr als die Hälfte der Bundesbürger ist dafür, den 8. März künftig im ganzen Land zum Feiertag zu erklären. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Institutes You-Gov im Auftrag des »Redaktionsnetzwerks Deutschland«. Danach würden 54 Prozent der Befragten gern dem Beispiel Berlins folgen, 34 Prozent sprachen sich dagegen aus. In nahezu allen größeren Städten der BRD fanden wie auch in anderen europäischen Ländern – unter anderem Spanien, Frankreich und Italien – Kundgebungen statt, von denen einige sehr gut besucht waren. Am Internationalen Frauentag fordern weltweit zahlreiche Organisationen die volle soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Gleichstellung von Frauen. Der Frauentag war auf Initiative von Clara Zetkin erstmals am 19. März 1911 in Deutschland und in den Nachbarländern organisiert worden. Seit 1921 wird er jährlich am 8. März gefeiert.

Dass der Kampf um Gleichberechtigung noch lange nicht am Ziel ist, wurde am Freitag in Jerusalem deutlich. Tausende Ultraorthodoxe gingen an der Klagemauer aggressiv gegen betende jüdische Frauen einer liberalen Strömung vor. Dabei kam es nach Angaben der Aktivistinnen von Neschot Hakotel (Frauen der Mauer) auch zu gewaltsamen Übergriffen. Zwei Frauen seien verletzt worden, hieß es in einer Stellungnahme am Freitag. (dpa/AFP/jW)

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