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Aus: Ausgabe vom 01.03.2019, Seite 15 / Feminismus
8. März

»Seid laut, seid bunt«

Internationaler Frauenkampftag am 8. März: Aktionsformen vom kollektiven Aufschrei bis zum diskreten Bummelstreik
Von Gitta Düperthal
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Demonstrantin am 8. März vergangenen Jahres im spanischen Malaga

Der 8. März wird 2019 wohl kämpferischer als in vergangenen Jahren. Auch, weil Aktivistinnen ein sichtbares Zeichen setzen wollen, um »Schwangerschaftsabbrüche endlich zu entkriminalisieren« – nachdem eine »Reform« des Paragraphen 219 a, der das Bereitstellen von Informationen über derartige Eingriffe erschwert, das Problem nicht beseitigt hat.

Weg mit den Paragraphen 218 und 219 a, heißt es im Aufruf des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung. Obgleich es eine andere parlamentarische Mehrheit gab, hätten Frauen im Ringen um die Streichung des sogenannten Werbeverbots im Strafgesetzbuch erleben müssen, wie »eine kleine Minderheit von reaktionären und frauenfeindlichen Kräften sich mit Unterstützung der Bundesregierung« politisch durchsetzte. Mit aller Macht werde »an einem verfassungswidrigen Paragraphen aus der Nazizeit« festgehalten, welcher »die Entmündigung von Frauen« fortschreibe. In Berlin ruft das Bündnis für den 8. März zur Demo um 14 Uhr vom Alexanderplatz aus auf: »Seid laut, seid bunt, seid kämpferisch – denn die Zukunft ist feministisch«. Bundes- und weltweit geht es um mehr. Frauenstreik ist angesagt. Von Polen bis Argentinien, von New York bis Hongkong, von Spanien über Nigeria bis Australien, heißt es auf der Internetseite Frauenstreik.org. »Wir wollen uns langfristig in lokalen Streikkomitees organisieren und gemeinsam für eine grundlegende Veränderung der Situationen von Frauen* und Queers streiten«, heißt es in einer Broschüre, die dort heruntergeladen werden kann. Titel: »Wenn wir die Arbeit niederlegen, steht die Welt still«.

Eine »leidenschaftliche Kampfansage an die Verhältnisse« kündigte Friederike Benda, Mitinitiatorin des Frauenkampftages und der Frauenstreikbewegung, am Dienstag im Gespräch mit junge Welt für den 8. März an. Sie geht davon aus, dass dies den Nerv der Zeit trifft: »Junge Frauen tragen T-Shirts mit der Aufschrift Feminismus« – seit etwa fünf Jahren sei der Begriff wieder gesellschaftsfähig, sagte sie. Jetzt gelte es aber, sozialistische Inhalte in den Vordergrund zu rücken, damit er nicht neoliberal vereinnahmt werde. Am Internationalen Frauentag müsse es »einen deutlichen Schub« geben. Quotierung und paritätische Repräsentanz von Frauen seien zwar wichtig, aber nicht alles: »Wir wollen mit den Frauenstreiks die ausgebeutete Pflegekraft, die Kassiererin im Supermarkt, die Alleinerziehende im Hartz-IV-Bedarf und Frauen, die zu Hause ihre Angehörigen pflegen, ansprechen«, so Benda.

Es müsse klargestellt werden, dass die Ursachen der Frauenunterdrückung Patriarchat und Kapitalismus seien. Aktionen vermeintlicher »Lebensschützer« und »Frauenmärsche«, die sich einseitig gegen »Migrantengewalt« und nicht allgemein gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt richten, seien Teil des gesellschaftlichen Rechtsrucks. Feminismus beinhalte einen Kampf nach innen und einen nach außen. Nach außen sei dies der internationale Kampf gegen rechts, gegen globale Umweltzerstörung, Militarisierung und Frauenarmut; sowie für Frieden und Abrüstung.

Innerhalb der Bundesrepublik sei es wichtig, sich in eigenen linken Organisationen für mehr Respekt gegenüber Frauen und deren Anliegen einzusetzen. In diesem Zusammenhang gehe es auch darum, sich in Gewerkschaften für politische Streiks stark zu machen. Dies sei dort umstritten und offiziell nicht erlaubt, für Frauen aber von entscheidender Bedeutung. »Wir müssen deshalb die Gewerkschaften aus der Frauenperspektive unter Druck setzen«, konstatierte Benda. »Deren Führungen fordern wir bundesweit auf, am 8. März zum Streik aufzurufen, ihre Mitglieder dafür zu mobilisieren.«

Weil Berlin den Internationalen Frauentag zum gesetzlichen Feiertag erklärt hat, werde es dort besondere Formen des Streiks geben. Geplant sei etwa, wie in Kiezversammlungen in verschiedenen Bezirken beschlossen, sich am 8. März fünf Minuten vor zwölf Uhr gemeinsam mit Stühlen rauszusetzen und so demonstrativ öffentliche Plätze in Beschlag zu nehmen.

Das Bündnis Frauenstreik bereitet sich in lokalen Komitees in 37 Städten auf die jeweils vor Ort geplanten Aktionen vor. In Frankfurt am Main bestehe das Bündnis, aus jungen und erfahrenen älteren Frauen, berichtete Giulietta Bender nach deren Treffen an der dortigen Uni am Dienstag abend gegenüber junge Welt. Internationale Gruppen seien dabei, besonders aktiv die Kurdinnen. »Wir beteiligen uns am Stuhlstreik« sowie am »Aufschrei um 17 Uhr nachmittags«. »Wer mit uns ab 15.30 Uhr demonstriert, kann prima mitbrüllen«, so Bender. Alle anderen könnten sich ebenso in den Protest integrieren, »egal, wo sie zu dem Zeitpunkt stehen, gehen oder sitzen, ob in Lohnarbeit oder unbezahlter Arbeit«. Die Frankfurterinnen wollten es »niedrigschwellig« angehen: »Wir wollen inspirierenden Austausch, Solidarität als ›Empowerment‹ erfahren«.

Andernorts werden subversive Streikformen diskutiert. Die Bundesrepublik habe »innerhalb von Europa das schärfste Streikrecht« und erkenne nicht wie andere Länder das Recht auf politischen Streik »als Menschenrecht« an. Deshalb schlagen Komitees neben »kämpferischen Mittagspausen« und vom Betriebsrat für den 8. März einberufenen Betriebsversammlungen andere Aktionsformen vor. Die sollten aus rechtlichen Gründen nicht öffentlich werden: etwa den Bummelstreik, das »Dienst nach Vorschrift«-Prinzip oder das sogenannte »Sick-out«, bei dem sich mehrere Arbeiterinnen gleichzeitig krankmelden. Letzteres sei bei der Fluggesellschaft Tuifly erprobt worden, um Tarifverhandlungen zu erzwingen.

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