Gegründet 1947 Dienstag, 26. März 2019, Nr. 72
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.02.2019, Seite 6 / Ausland
Vatikan und Kindesmissbrauch

Die Unschuld von Lyon

Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche: Französischer Kardinal Barbarin vor Gericht
Von Hansgeorg Hermann, Paris
France_Pedophilia_Ph_60305565.jpg
Kardinal Philippe Barbarin wartet auf den Beginn seines Prozesses im Gericht in Lyon (7.1.2019)

Die katholische Kirche hat es in diesen Tagen nicht leicht. Noch schwerer haben es ihre Opfer. In Frankreich steht seit Mitte Januar der Kardinal und Erzbischof von Lyon vor Gericht. Seine Eminenz Philippe Christian Ignace Barbarin soll die Sexualdelikte eines seiner Priester vertuscht haben. Dessen ehemalige Chorknaben wurden zu Protagonisten eines Films, »Grâce à Dieu« (Gott sei dank), der zunächst auf den Index kam und per Gerichtsentscheid seit Mittwoch nun doch in den Kinos des Landes gezeigt werden darf. Im Vatikan tagt unterdessen die von Papst Franziskus einberufene Konferenz der Bischöfe, die sich offenbar nicht nur mit der Kriminalität ihrer Hirten beschäftigen soll, sondern auch mit den Kritikern der Kirche. Letztere sind nach fester päpstlicher Überzeugung des Teufels.

Wie Franziskus am Mittwoch vor Pilgern in Süditalien aufdeckte, steckt Beelzebub nicht nur unter den Soutanen seiner Priester, sondern vor allem in der Rede von Kritikern, die die Heilige Mutter Kirche »ohne Liebe beschuldigen, beschuldigen, beschuldigen«. Leute demnach, die kritische Filme drehen, schlimme Bücher schreiben, böse Artikel verfassen und deshalb zu den »Freunden, Vettern und Verwandten des Teufels« gerechnet werden müssten.

Dessenungeachtet macht die irdische Justiz derzeit in Lyon dem Kardinal und Erzbischof Barbarin den Prozess. In diesem Fall nicht, weil der womöglich selbst Hand an Chorknaben oder kleine Mädchen gelegt hätte, sondern weil er – wie die Klageschrift feststellt – jene schützte, die in seinem Sprengel deswegen seit rund einem Jahrzehnt verdächtigt, verhaftet und bisweilen auch verurteilt wurden. Das Dossier des derzeit ebenfalls in Lyon angeklagten Abbé Bernard Preynat, heute 72 Jahre alt, ist lang und umfasst einen Zeitraum zwischen 1980 und 2000, in dem der Mann im schwarzen Priesterrock mehr als 70 Kinder sexuell missbraucht haben soll. Es zeigt bespielhaft, wie über Jahrzehnte Straftaten mit sexuellem Hintergrund dadurch ermöglicht wurden, dass Kirchenfürsten im Bischofs- oder Kardinalsrang sie in ihren Gemeinden und Diözesen offenbar vertuschten und deckten.

Für das Gericht steht nicht in Frage, dass Preynat tat, wofür er angeklagt ist. Seine Vorgesetzten selbst schickten ihn hin und wieder zum Psychiater und nahmen ihm das Versprechen ab, »es nicht mehr zu tun«, wie im seit zwei Jahren laufenden Verfahren gegen Preynat bestätigt wurde. Der Film, den der französische Regisseur François Ozon jüngst auf der Berlinale vorstellte, dreht sich allerdings nicht um ihn, den »netten Priester«, der die ihm anvertrauten kleinen Jungen »so sehr liebte«, dass er sie bisweilen »auf den Mund küssen« musste. Ozons preisgekrönte Arbeit dreht sich um die Opfer, die der Kardinal seinem Abbé in katholischen Pfadfinderzeltlagern auslieferte. Obwohl er wusste, was sein Untergebener nicht lassen konnte?

Dies glaubt zumindest die Staatsanwaltschaft. Nach mehr als zwei Jahren schwierigster Ermittlungen wirft die Anklage Barbarin vor, die kriminellen Verfehlungen seines Untergebenen nicht gemeldet und damit gedeckt zu haben. Der Geistliche, der vor Fernsehkameras stets leicht gebeugt auftritt, der als sichtbar demütiger Christ offenbar darauf wartet, dass endlich das Reich Gottes kommen und ihn erlösen möge, ist in Wirklichkeit ein Mann hart wie ein Fels. Dass er selbst vor Gericht erscheint und nicht einfach seine Anwälte schickt, rechnet er sich hoch an. Er tue das nur »aus Respekt vor der Justiz meines Landes und aus Respekt vor den Opfern«. Erst als er deren Bericht gehört und Näheres erfahren habe, sei er sich über »die Konsequenzen der schändlichen und entsetzlichen Akte« klar geworden.

Den Respekt habe er wohl zu spät entdeckt, ließen ihn die Kläger wissen. Die drei jungen Männer, heute Familienväter um die 35, traten am vergangenen Dienstag in einer abendlichen Fernsehsendung auf, wo sie ihre Erfahrungen mit der sexuellen Machtausübung ihrer Seelenhirten im Priestergewand schilderten. Barbarin nimmt das alles gerne zur Kenntnis, wie er sagt, er frage sich und die Opfer allerdings, »wessen ich selbst eigentlich schuldig sein soll«.

Ähnliche:

  • Aufmarsch polnischer Neofaschisten am 11. November 2016 in Warsc...
    25.01.2017

    Faschisten machen mobil

    Polnischer Nationalistenguru fordert Verbot von Initiative gegen Fremdenfeindlichkeit

Mehr aus: Ausland