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Aus: Ausgabe vom 21.02.2019, Seite 12 / Thema
Marxismus

Ganz außer sich

Der moderne Kapitalismus verlangt den permanenten (Selbst)betrug. Zur Aktualität der Marxschen Entfremdungstheorie
Von Werner Seppmann
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Entfremdung herrscht nicht nur bei der computergesteuerten Arbeit in den Hallen von Amazon und Co., auch in vielen anderen Tätigkeitsfeldern sind Angestellte mehr und mehr gezwungen, sich als »kreativ« zu inszenieren und beständig selbst zu optimieren – das produziert Angst und Unsicherheit (»Boot Camp« für Autoverkäufer bei BMW in Beijing)

Ein entwickeltes Verständnis der gesellschaftlichen Entfremdungsverhältnisse und der ihnen zugrunde liegenden Ausbeutungsstrukturen ist für einen kritischen Gegenwartsbegriff von zentraler Bedeutung. Denn nur auf dessen Grundlage kann herausgearbeitet werden, welche überflüssig gewordenen Formen von Herrschaft und individuellen Leids durch die Aufrechterhaltung der herrschenden sozioökonomischen Organisationsformen am Leben erhalten werden. Allerdings hat die Entfremdungstheorie nicht nur in den akademischen Sozialwissenschaften, sondern auch in Teilen der aktuellen Marxismusdiskussion einen schlechten Ruf – und das obwohl sie für eine radikale Kapitalismuskritik von zentraler Bedeutung ist. Seit der Tabuisierung der Entfremdungproblematik durch einen dogmatisierten Marxismus, hat es nachdrückliche Versuche gegeben, die entfremdungstheoretischen Erkenntnisse des frühen Marx (vorrangig in den »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten« aus den Pariser Emigrationstagen), in denen der inhumane Charakter der kapitalistischen Arbeitsverhältnisse analysiert und kritisiert wird, zu »entsorgten«. Marx schrieb: »Der Arbeiter wird um so ärmer, je mehr Reichtum er (für das Kapital, W. S.) produziert (…). Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt im direkten Verhältnis zu.«¹ Dem Arbeitenden erscheint im fremdbestimmten Arbeitszusammenhang das Produkt seiner Tätigkeit als eine verselbständigte Macht, weil es ihm als Zwangsanordnung gegenüber tritt: Er muss sich den Funktionsregeln der Maschine unterwerfen, die er selbst gebaut hat. In seiner Konsequenz führt dieses Arbeitshandeln auf der Grundlage ausbeutungsorientierter Verfügung über das individuelle Arbeitsvermögen zur Deformation der Kreativpotentiale des Arbeiters.

Kein Bruch

Als besonders einflussreich bei der Abwertung und Stigmatisierung der frühen Marxschen Reflexionen über die Entfremdungsverhältnisse hat sich das von Louis Althusser formulierte Verdammungsurteil erwiesen: Auf der Basis seines vom Strukturalismus geprägten neomechanistischen Denkens wurde jede Thematisierung qualitativer Aspekte der menschlichen Existenz, als »humanistische Ideologie« denunziert. Dieser sei, Althusser zufolge, zwar auch Marx ursprünglich verfallen gewesen, jedoch hätte er sie durch das »Reinigungsbad« seiner späteren Kapitalanalysen überwunden und durch einen »wissenschaftlichen« Theoriemodus, jenseits normativer (»humanistischer«) Orientierungen ersetzt.² Es müsse deshalb von einem regelrechten »Bruch« in der Entwicklungsgeschichte des Marxschen Denkens gesprochen werden.

Schon einem flüchtigen Blick auf die Quellen hält diese Auffassung nicht stand: Nicht nur die entfremdungstheoretischen Passagen in den »Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie« belegen das Gegenteil, auch in den »Kapital«-Bänden finden sich einschlägige Stellen zum Komplex fremdbestimmter Sozialverhältnisse, die nicht nur mit dem Geist, sondern oft auch mit den Formulierungen der Frühschriften korrespondieren. Sie belegen, dass es im Marxschen Denken trotz Modifikationen und ökonomietheoretischen Präzisierungen »keinen scharfen philosophischen Bruch zwischen seinen frühen und seinen späteren Arbeiten« gegeben hat.³

Mit nur einem Zitat aus dem dritten Band des »Kapitals« (dem etliche andere an die Seite gestellt werden könnten), mit dem ein deutlicher Bogen nicht nur zum Geist, sondern auch zu den Buchstaben der Frühschriften geschlagen wird, soll der zentrale Stellenwert der Entfremdungstheorie auch in den späteren Phasen des Marxschen Denkens belegt werden: »Das Kapital zeigt sich immer mehr als gesellschaftliche Macht, deren Funktionär der Kapitalist ist und die in gar keinem möglichen Verhältnis mehr zu dem steht, was die Arbeit eines einzelnen Individuums schaffen kann – aber als entfremdete, verselbständigte gesellschaftliche Macht, die als Sache, und als Macht des Kapitalisten durch die Sache, der Gesellschaft gegenübertritt.«⁴ In den »Pariser Manuskripten« von 1844 heißt es ähnlich: »Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber.«⁵

Allein schon durch die Gegenüberstellung dieser beiden Zitate wird deutlich, dass es im Marxschen Denken nicht den unterstellten »Bruch« gibt, jedoch entfremdungstheoretische Konkretisierungen mit einem stärkeren ökonomischen Akzent vorgenommen werden – allerdings unter Beibehaltung der humanistischen Perspektive. Wenn Gesellschaftskritik funktionsfähig bleiben soll, ist das auch notwendig, denn zur Entlarvung von Herrschaftsverhältnissen ist ein normativer Bezugspunkt unverzichtbar. Es muss begründet werden, weshalb Ausbeutung überwunden und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern nach solidarischen Prinzipien gestaltet werden soll.

Die humanistische Perspektive ist bei Marx durch Erörterungen über die spezifischen Merkmale des historischen Menschen, also der Thematisierung dessen vermittelt, was ihn als Menschen charakterisiert. Und zu diesen Merkmalen gehören seine Fähigkeit zur aktiven Gestaltung seiner Lebensverhältnisse, sein Streben nach Lebenssinn und der Überwindung sozialer Bedrängnisse.

Angesichts des vorherrschenden, ihren Inhalt verfälschenden Umgangs mit den Marxschen Texten, ist es von Vorteil, dass Elmar Treptow in seinem Buch über »Die Entfremdungstheorie von Marx« sich schwerpunktmäßig mit der »reifen« Entwicklungsphase von Marx beschäftigt, um die Kontinuitätslinien und den Kerngehalt seines Denkens zu verdeutlichen.⁶ Wird vorurteilslos zu den Marxschen Texten gegriffen, ist nicht mehr zu übersehen, dass Entfremdungstheorie zwar auf anthropologischen Vorentscheidungen, aber als kapitalismuskritische Intervention nicht auf abstrakten moralischen Standards aufgebaut ist (wie oft unterstellt wird), sondern sich mit der Differenz zwischen den historisch möglich gewordenen nichtantagonistischen Sozialverhältnissen und den tatsächlichen Arbeits- und Lebensweisen beschäftigt. Entfremdungstheorie im Marxschen Sinne kann deshalb auch nur als eine im Kern empirisch orientierte Machtkritik verstanden werden, in deren Kontext Entfremdung als Konsequenz von sozioökonomischen Verfügungskonstellationen beschrieben werden. Durch die Arbeit von Treptow wird deutlich, dass es bei der Beschäftigung mit dem entfremdungstheoretischen Komplex keineswegs nur um philosophische »Auslegungsarbeit« geht, sondern um die Entwicklung gesellschaftsanalytischer Kernkompetenzen.

Die Bedeutung normativer, und darin eingeschlossen entfremdungstheoretischer Reflexionen ergibt sich aus der Grundintention der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, den Kapitalismus nicht nur in seinen »allgemeinen« Bewegungsformen, sondern auch in seinen aktuellen Zuständen zu erfassen. Nur durch die Analyse von konkreten Fremdbestimmungsverhältnissen in Kombination mit ökonomietheoretischen Basisreflexionen kann jene praxistheoretische Substanz zur Geltung gebracht werden, die bei Marx in der Frage mündet, welche sozioökonomischen Verkehrsformen den menschlichen Lebens- und Entfaltungsinteressen angemessen sind. Eine Antwort auf diese Frage bedarf aber inhaltlicher Vorklärungen und einer menschenwissenschaftlichen (in der Sprache der Philosophie: anthropologischen) Differenzierung: »Wenn man z. B. wissen will, was ist einem Hunde nützlich, so muss man die Hundenatur ergründen. (…) Auf den Menschen angewandt (…) handelt es sich erst um die menschliche Natur im allgemeinen und dann um die in jeder Epoche historisch modifizierte Menschennatur.«⁷

Ohne die Inbezugsetzung von Entfremdung zu menschlichen Selbstentfaltungspotentialitäten als normativen Horizont wäre nicht begründbar, warum Ausbeutung und Fremdbestimmung, Bedürftigkeit und soziale Bedrückung überwunden werden sollen. Es müsste auch unbegriffen bleiben, warum es Marx nicht mehr um die Fragen bloßer Verteilungsgerechtigkeit geht, sondern darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Gesamtheit nach den der »menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen«⁸ zu organisieren.

Fundament kritischer Analyse

Dass der Entfremdungstheorie mit Skepsis begegnet wird, hängt auch mit ihrer verbreiteten »Handhabung« zusammen. Zu bereitwillig hatten sich Marxistinnen und Marxisten von den faszinierenden Formulierungen in den »Pariser Manuskripten« tragen lassen, in denen die Fremdbestimmungsaspekte in assoziativen Bildern behandelt werden. Eine bloße Reproduktion entfremdungstheoretischer Kategorien hat zur Festigung eines gewissen Schematismus beigetragen und die Aufmerksamkeit von aktuellen Äußerungsformen der Entfremdung abgelenkt.

Einen Hinweis, worum es einer »empirisch« orientierten Reformulierung und Anwendung des Entfremdungstheorems gehen müsse, vermittelt ein von einem sozial- und tiefenpsychologischen Problemverständnis geprägter Satz Erik H. Eriksons: »Der Mensch fühlt sich frei, wenn er sich ohne Zwang mit seiner eigenen Ich-Identität identifizieren kann, und wenn er lernt, das, was er mitbekommen hat, auf das anzuwenden, was getan werden muss.«⁹ Der sich der gesellschaftlichen Realität nicht verweigernde Beobachter wäre dann durch die Anwendung der Marxschen Kategorien im Rahmen empirischer Analysen in der Lage zu erkennen, dass der unter Druck gesetzte Mensch, dessen Leben von fremden Interessen dominiert wird, nicht nur fremdbestimmt arbeitet, sondern auch an einem gestörten Selbstwertgefühl leidet und in Formen reagiert, die für das soziale Zusammenleben wenig förderlich sind. Er ist nicht nur frustriert und zuweilen depressiv, sondern tendiert auch zu Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen.

Ein aktueller Entfremdungsdiskurs müsste sich konkret mit den gegenwärtigen Fremdverfügungsverhältnissen beschäftigen, dabei verdeutlichen, dass diese nicht nur im indus­triekapitalistischen Rahmen existieren und an ihnen nicht nur die arbeitenden Menschen in den Laufrädern materieller Produktionsprozesse leiden, denn fremdbestimmte Arbeit, auch in extremen Formen, ist auf allen Ebenen des Beschäftigungssystems anzutreffen. Es lassen sich bei ihrer Betrachtung die zentralen Punkte Marxscher Entfremdungskritik deutlich erkennen: Die Fremd- und Selbstinstrumentalisierung der Beschäftigten, die Funktionalisierung von tätigkeitsbezogenen Interaktionsformen, aber auch die Existenz einer »Kluft« zwischen Gesellschaft und Individuum.

Aktuell nimmt entfremdete Arbeit auch in den IT-dominierten Tätigkeitbereichen zu, wo es sich nach Ansicht des machtkonformen Zeitgeistes eigentlich um Reservate kreativen, eigenverantwortlichen und selbstbestimmten Arbeitens handeln solle. In der Welt zunehmend computergesteuerter und digital vermittelter Reglementierung der Arbeitsabläufe stellt »Kreativarbeit« nur ein »Randphänomen« dar, denn es existiert eine gravierende Tendenz der Ausdehnung von restriktiven Arbeitsverhältnissen (in durchaus »traditionellen« Formen), weil sich »die Schere zwischen jenen, die Systeme erstellen und jenen, die sie nur bedienen« beständig vergrößert.¹⁰

Repräsentativ für die digital überformten Beschäftigungssysteme sind die Höllen der Callcenter oder die Arbeitshetze in den Logistikunternehmen der »Internetökonomie«. Die Arbeitsbedingungen in den Amazon-Hallen, in denen die Beschäftigten auf Grundlage von Computerdirektiven und unter ständiger elektronischer Überwachung arbeiten, sind nur die Spitze des Eisberges prekärer Zustände. Insgesamt bieten die Big-Data-Anwendungen bisher kaum geahnte Lenkungsmöglichkeiten: »Präzise Bewegungsdaten, die genaue Erfassung von Zeiteinheiten oder die Vermessung der Nutzungsformen technischer Geräte bieten enormes Potential zur Kontrolle von Arbeit«.¹¹

Gravierende Entfremdungszustände, wenn auch in anderen Formen, existieren ebenso in den Zonen qualifizierter Arbeit, weil die dort Beschäftigten selten nur noch auf der Grundlage formaler Leistungsnachweise agieren, sondern gezwungen sind, ihre gesamte Persönlichkeit in die betrieblichen Prozessabläufe einzubringen und sich mit »Haut und Haaren« mit dem Unternehmen zu identifizieren.

Immer öfter wird jedoch die vermeintliche »Interessenidentität« von der Sorge der Beschäftigten begleitet, den ständig steigenden Leistungsansprüchen nicht mehr genügen zu können und zu scheitern. Überforderung ist zur beständigen Begleiterscheinung insbesondere in »autonomen« Arbeitsgruppen geworden, weil zur Erreichung des vorgegebenen Leistungsziels jeder jeden kontrolliert.

Zwang zur Kreativität

Wirtschaftliches Handeln findet auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe des Kapitalismus unter den Bedingungen ständiger und immer schnellerer Veränderungen statt. Weil das Produkt von heute, schon morgen keine Zukunft mehr hat, kann sich auch der Entwickler und Designer nicht auf den zurückliegenden Erfolgen ausruhen. Er muss zur Absicherung seiner Position beständig den Eindruck erzeugen, dass er in der Lage sei, mit etwas »ganz Neuem« an seine alten Erfolge anzuschließen. Die Konsequenz sind eine habituelle Selbstpräsentation und stilisierte »Kreativität«. Auch für den Ingenieur reicht es nicht mehr, das Lehrbuchwissen über die bisherige Technikentwicklung zu beherrschen. Von ihm wird erwartet, der Garant neuer technologischer Verfahren zu sein und über das »Kreativitätspotential« zu deren Entwicklung zu verfügen. Erwartet werden somit Fähigkeiten, die selten »objektivierbar«, also unmittelbar ersichtlich sind, und auch durch Bildungszertifikate nicht dokumentiert werden können. Die geforderten Qualifikationen müssen deshalb von den Arbeitskraftverkäuferinnen und -verkäufern zunächst einmal symbolisch – durch den Aufbau einer »Fassade« (Freud) von »Originalität« und »Kompetenz« – zum Ausdruck gebracht werden.

Das berufliche Leistungsspektrum unter diesen Bedingungen der Ambivalenz wird in der Regel durch Selbststilisierung, mit Hilfe des Einsatzes geeigneter Konsumgüter und der Nachahmung von Marketingschablonen (durch die ein »kreativer« Lebensstil zum Ausdruck gebracht werden soll) erzeugt.¹² Nach­ahmung wird als »Persönlichkeitsentfaltung« und als Ausdruck eines Selbstmanagements des eigenen »Humankapitals« (miss)verstanden: Lebensstilisierung wird zur Performanz, also einer »wachsenden Theaterspielerei, in der alles vorgetäuscht wird, was man nur vortäuschen kann«¹³ Diese Stilisierungspraxis ist für diese »Neuen Angestellten« (die sich in einer vorgeblich »postmateriellen« Arbeitswelt als »Kreative« mit »nichtaustauschbarer Einzigartigkeit«¹⁴ wähnen) zum zentralen Bestandteil ihrer Selbsterhaltungstrategien geworden.

Die Ironie dieser marktförmigen Selbststilisierung ist, dass wir dabei »genau die Formate (konsumieren), die der Markt uns ohnehin schon immer angeboten hat. Der einzige Unterschied besteht darin, dass wir das nun für unser eigenes Projekt halten«.¹⁵ Was sich als »Kunstwerk des Lebens« (Goethe) missversteht, hat den schalen Beigeschmack der Selbsttäuschung; die »Lebensstilkünstler« merken bei ihrem Bestreben nach »Authentizität« und »Einzigartigkeit« gar nicht, »dass sie sich in der Bemühung, sich (zu) unterscheiden (…), immer ähnlicher werden. Gerade die Jagd nach Distinktion bekräftigt ihre Uniformität. Adorno hatte bereits vor Jahrzehnten lakonisch angemerkt: ›Je weniger Individuen, desto mehr Individualität‹.«¹⁶

Marke statt Charakter

Es hat sich ein Segment des Konsumismus, mit eigenständigen Schablonen und Imperativen entwickelt. Sein aktuelles Spiegelbild ist die Selbstpräsentation in den sogenannten neuen Medien, die von werbeindustriellen Vorbildern geprägt ist: »Identität« amalgiert sich mit der Warenform. Es vollendet sich die Tendenz, dass Lebensstile »zu Marken (werden), und Marken stehen für Lebensstile, die als Kennzeichen der Identität die Stelle einnehmen, die einst der Charakter ausfüllte«.¹⁷ Zur ironischen Begleitmusik dieser Vorgänge gehört, dass immer öfter versucht wird, diese Konsumtendenzen als »progressive Kulturmuster« darzustellen. Wer diesen Vorgaben genügt, wer sein entfremdetes Weltverhältnis zum Ausdruck personaler Souveränität verklärt, gilt als »Urban Modernist«.

Allerdings gelingt diese konkurrenzstimulierte »Arbeit an der Besonderheit des eigenen Selbst«¹⁸ nicht problemlos; sie weist Lücken auf, durch die soziale Widersprüche (beispielsweise, dass die eigenen Qualifikationen »gerade nicht gefragt« sind) immer wieder eindringen können, so dass die »Lügen der Authentizität«¹⁹ sichtbar werden. Das führt aber nur selten zur »Ernüchterung« und Verhaltensrevisionen. Vielmehr sind diese (verunsichernden) Widerspruchserfahrungen ein wesentliches Funktions- und Stabilisierungselement des gegenwärtigen Kapitalismus: Sie produzieren jene Angst, von der im neoliberalen Arbeitsregime ein Produktivitätsschub erwartet wird. »Diese dauerhafte Angstproduktion dient dabei nicht nur der Leistungssteigerung, sondern verhindert auch mögliche Solidarisierungen.«²⁰

Die nur brüchige Übereinstimmung der Selbstinszenierungen mit den tatsächlichen Lebensverhältnissen (die immer häufiger den Charakter von Bewährungsverhältnissen haben) schwächt psychische Selbststabilisierungskräfte und kann zu einem Abgleiten in Erschöpfungszustände und Depressionen führen. Die stetig wachsende Zahl psychischer Erkrankungen ist ein Symptom eines entfremdeten Verhältnisses der Subjekte zu sich selbst und gegenüber ihrem sozialen Umfeld. Sie lassen sich also als eine Problematik begreifen, die den Kern der Marxschen Entfremdungstheorie ausmacht und stellen ein weites Feld für entfremdungstheoretische Forschungen dar.

Anmerkungen:

1 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke. Ergänzungsband. Schriften, Manuskripte, Briefe bis 1844. Erster Teil, Berlin 1968, S. 511 (im folgenden: MEW)

2 Vgl. Louis Althusser/u. a.: Das Kapital lesen. Vollständige und ergänzte Ausgabe mit Retraktionen zum »Kapital«, hg. v. Frieder Otto Wolf, Münster 2015

3 Sean Sayers: Marx und Entfremdung. Aufsätze zu Hegelianischen Konzepten, Hamburg 2016, S. 12 f.; siehe auch das Entfremdungskapitel in: Georg Lukács: Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Bd. 2, Neuwied 1984, S. 501 ff.

4 MEW 25, 274

5 MEW 40, 511

6 Elmar Treptow: Die Entfremdungstheorie bei Karl Marx, Kassel 2017

7 MEW 23, 637

8 MEW 25, 828

9 Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus, Frankfurt am Main 1973, S. 54

10 René Arnsberg: Maschinen ohne Menschen? Industrie 4.0: Vom Schein der Revolutionen und der Krise des Kapitalismus, Berlin 2017, S. 106

11 Philipp Staab: Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus, Hamburg 2016, S. 92

12 Es ist ein neuerlicher Tiefpunkt akademischer Soziologie, wenn diese Unterwerfungspraxis als eine neue Form »lebensweltlicher« Autonomie und Ausdruck selbstbestimmter Lebensgestaltung interpretiert wird. Die Selbsttäuschung und der Illusionismus der um ihre soziale Position kämpfenden Subjekte werden für bare Münze genommen und ihnen wird attestiert, dass mit »ihren Konsumpraktiken (…) die spätmodernen Subjekte an ihrem als authentisch empfundenen und inszenierten, je besonderen Lebensstil« arbeiten würden. (Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017, S. 114). Damit diese Verharmlosung der Entfremdungszustände funktioniert, muss dieser Selbsttäuschung Realitätsstatus zugesprochen werden: Was an den Konsumgütern als »wertvoll und besonders erscheint, wirkt affizierend, weil es wertvoll und besonders ist« (ebd. S. 83). Es ist bittere Ironie, dass auf diesen angeblich »neuen Vergesellschaftungstyp« die Charakterisierung Max Webers als »Fachmenschen ohne Geist« und »Genussmenschen ohne Herz« zutrifft, die sich selbst beweihräuchern, aber dieses »Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentum erstiegen zu haben« (Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I, Tübingen 1988, S. 204).

13 Helmut Kuzmics: Das »moderne Selbst« und der langfristige Prozess der Zivilisation. In: Gesellschaftliche Praxis und individuelle Praxis, hg. v. Hermann Korte, Frankfurt am Main 1990, S. 218

14 Reckwitz, a. a. O., S. 65

15 César Rendueles: Soziophobie. Politischer Wandel im Zeitalter der digitalen Ideologe, Berlin 2015, S. 238

16 Götz Eisenberg: Zwischen Amok und Alzheimer. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Frankfurt am Main 2015, S. 13

17 Benjamin R. Barber: Consumed! Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt, München 2007, S. 174

18 Reckwitz, a. a. O., S. 69

19 Bernd Stegemann: Kritik des Theaters, Berlin 2013, S. 89

20 Ebd., S. 157

Werner Seppmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. November 2018 über den Mythos von »1968«. Sein jüngstes Buch »Es geht ein Gespenst um in Europa. Rechte Mobilisierung zwischen Populismus und Neofaschismus. Linke Alternativen« ist im Kasseler Mangroven-Verlag erschienen.

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