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Aus: Ausgabe vom 21.02.2019, Seite 8 / Ansichten

Ende der Bibelstunde

Arbeitsgericht spricht weltliches Urteil
Von Simon Zeise
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Der Herr sieht alles: Kreuz in einem kirchlichen Krankenhaus

Die Gebete wurden nicht erhört: Die Kirche bleibt ein gewöhnliches, weltliches Unternehmen. Zehn Jahre lang musste sich der frühere Chefarzt des katholischen St.-Vinzenz-Krankenhauses in Düsseldorf durch die Instanzen kämpfen, bis er am Mittwoch vor dem Bundesarbeitsgericht (BAG) recht bekam. Ehebruch war ihm zur Last gelegt worden. Nachdem die Liebe in seiner ersten römisch-katholisch bezeugten Ehe erkaltet war, suchte der Mann in den Armen einer anderen neues Glück. Für die Klinikleitung war das Teufelszeug, die Kündigung folgte auf dem Fuße.

Doch in Erfurt glaubt man nicht an höhere Mächte. Das Krankenhaus habe den Verzicht auf eine zweite Ehe nicht verlangen dürfen, entschied das BAG am Mittwoch. Es folgte damit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) in Luxemburg, wonach das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen der Kontrolle durch die weltlichen Gerichte unterliegt – willkommen im 21. Jahrhundert, liebe Christenheit.

Zwar war der Doktor Mitglied der katholischen Kirche und laut Arbeitsvertrag verpflichtet, die Grundsätze der katholischen Glaubens- und Sittenlehre zu beachten. Eine ungleiche Behandlung je nach Religionszugehörigkeit sei aber nur zulässig, wenn dies »eine wesentliche, rechtmäßige und gerechtfertigte berufliche Anforderung darstellt«, urteilten die Richter. Nach den Vorgaben des EuGH sei dies bei einem Chefarzt nicht der Fall. Zuletzt hatte 2008 das BAG betont, die Klinik habe bei evangelischen oder konfessionslosen Ärzten eine zweite Ehe akzeptiert.

Für die Kirche könnte es noch dicker kommen. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft nahm den Ball aus Erfurt auf und forderte von den Kirchen, »die Zeichen der Zeit zu erkennen und endlich auch in ihren Betrieben das allgemeine Arbeitsrecht anzuwenden«. Die Rechte von Beschäftigten müssten Anwendung finden. Dies betreffe insbesondere den Abschluss von Tarifverträgen und die Wirksamkeit des Betriebsverfassungsgesetzes. Große diakonische Einrichtungen agierten wie Sozialkonzerne, kritisiert die Gewerkschaft. Sie weigerten sich aber nach wie vor, mit den Gewerkschaften Tarifverträge abzuschließen, weil dies angeblich gegen die Prinzipien der Dienstgemeinschaft verstoße. Aus Sicht von Verdi geht es den kirchlichen Unternehmern nur darum, sich »mit Hilfe des kirchlichen Arbeitsrechts Wettbewerbsvorteile zu verschaffen«. Ein Aufstand der Beschäftigten in den 50.000 kirchlichen Unternehmen hierzulande wird von Gott und Staat untersagt. Letzterer ließ ein Streikverbot für die Diener des Herrn im September 2015 durch das Bundesverfassungsgericht verbriefen.

Für das Erzbistum Köln ist das Urteil aus Erfurt nur Scholastik. Es kündigte eine Prüfung an. Nach dem Recht der katholischen Kirche ist eine zweite Ehe ungültig. Amen.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • R. R.: Unverträglich Marktwirtschaft und Kirche haben im Gesundheitswesen nichts zu suchen. So einfach ist das. Und so war das auch mal in Erfurt: von 1949–1989!...

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