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Schuld sind andere

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Der Welthandel nimmt ab. Chinesische Autos der Firma »Geely« werden verschifft (Ningbo-Zhoushan-Hafen, 2.1.2019)

Paul Krugman meint, für die US-Konjunktur bestünden zwei Hauptgefahren: China und die Euro-Zone. Der sehr beredte und in der New York Times eifrig schreibende Träger des von der Schwedischen Reichsbank gestifteten »Nobel«-Preises für Ökonomie führt das im Interview mit Bloomberg aus. China neige nicht wegen der Attacken Donald Trumps auf die Exporte des Landes zur Schwäche, sondern aus internen Gründen, weil immer noch Überhitzungserscheinungen des dortigen Finanzmarktes bekämpft werden müssten. Die Euro-Zone sei ohnehin schwach. Zwar könne Deutschland dank üppiger Überschüsse im Staatshaushalt Gas geben, das sei aber nicht ernsthaft zu erwarten. Die protektionistische Politik Trumps spielt der prominente liberale und rechtskeynesianische Ökonom herunter. Dennoch, der Beginn einer Rezession noch 2019 ist auch seiner Meinung nach nicht unwahrscheinlich. Bei den von der Notenbank organisierten Umfragen schätzen die Unternehmenslenker die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Rezession höher ein als je seit 2008. Bekanntlich war das Land damals schon mittendrin.

Die Mehrheit der deutschen Ökonomen argumentiert ähnlich. Wachstumsabschwächung ja, aber Rezession im eigenen Land doch wohl nur, weil die Ursachen anderswo liegen. (Zu den Ausnahmen zählt wie immer Heiner Flassbeck – siehe jW vom 14.2.) Dass das letzte Quartal 2018 in diesem Land mit 0,0 Prozent Wachstum abgeschlossen wurde, nach minus 0,2 Prozent im dritten Quartal, wird von der Presse sogar gefeiert. Denn erst wenn zwei Quartale hintereinander ein Minuswachstum verzeichnet worden ist, spricht man nach den Sitten und Gebräuchen der professionellen Konjunkturbeobachter von einer Rezession. In Italien natürlich ist das passiert. Aber in Deutschland nicht. Hört man sich das Gerede so an, so kommt einem Herrn Krugmans Warnung vor der Schwäche der Euro-Zone vollends berechtigt vor.

Andererseits wissen die Deutschlandjubler in einem Punkt mehr als die Ökonomenkollegen in den USA. Wenn die USA und China wegen des Handelsstreits ihre Importe verringern und wenn Britannien mit Krach die EU verlässt, ist Deutschlands Ökonomie hart getroffen. Jedenfalls viel stärker als die USA, wenn umgekehrt die Euro-Zone vor sich hinkümmert. Ein Land, bei dem der Export 47 Prozent am Bruttoinlandsprodukt erbringt, ist am härtesten betroffen, wenn anderswo die Konjunktur abrutscht und die Einfuhr zurückgeht. Das vierte Quartal 2018 war übrigens nur deshalb nicht negativ, weil der Export unerwartet gut lief. Das zu wiederholen wird nicht mehr oft möglich sein. Selbst wenn die ganz hohen Zollschranken nicht errichtet werden, so ist doch ziemlich sicher, dass der Welthandel nicht mehr so expandiert wie in den letzten Jahren.

Die deutschen Exporteure kriegen auch so Gegenwind aus den USA. Gegen die Konkurrenz aus China und aus der EU bringt die Trump-Regierung Handelsbeschränkungen und – wie es gerade beliebt – auch Sicherheitsbedenken und Sanktionen in Stellung. Die Rezession auf beiden Seiten des Atlantiks kommt sicher ohnehin. Aber unter diesen Umständen kann sie auch sehr unangenehm werden.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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