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Aus: Ausgabe vom 16.02.2019, Seite 2 / Inland
Tarifrunde Berliner Nahverkehr

BVG hat’s verbockt

Beschäftigte der Berliner Verkehrsbetriebe im Streik für höhere Löhne
Von Susanne Knütter
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Protest der streikenden Beschäftigten des Berliner Nahverkehrs nach der ergebnislosen zweiten Tarifrunde am Freitag

Am wichtigsten sei ihnen die Verkürzung der Arbeitszeit, sagten zwei Angestellte der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) am Freitagmorgen auf der Kundgebung vor der BVG-Hauptzentrale in Berlin. BVG-Beschäftigte, die vor 2006 eingestellt wurden, arbeiten 36,5 Stunden die Woche. Angestellte der Tochtergesellschaft Berlin-Transport GmbH (BT) und BVG-Fahrer, die nach 2006 eingestellt wurden, müssen 39 Stunden arbeiten. Diesen Unterschied zu beseitigen ist eines der Ziele, die Verdi in der laufenden Tarifrunde erreichen will und wofür sie die Angestellten der Berliner U-Bahnen, Busse und Straßenbahnen am gestrigen Freitag zum Warnstreik aufgerufen hatte. Doch über Arbeitszeit wolle der Vorstand erst reden, wenn die betriebliche Stabilität wieder hergestellt sei, erklärte der Betriebsratsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe den 3.500 Kollegen, die sich zur Streikkundgebung eingefunden hatten.

Seit 1990 sei sukzessive Personal eingespart worden, sagte L. Riegel, der seit 40 Jahren bei der BVG beschäftigt ist, gegenüber jW vor Ort. 1999 wurde die BT gegründet, wo die Angestellten schlechtere Arbeitsverträge erhielten. Mit der Überleitung der Beschäftigten aus den Tarifverträgen BAT und BMT-G in den Tarifvertrag-Nahverkehr (TV-N) im Jahr 2005 hätten die Kollegen bis zu 20 Prozent Lohneinbußen hinnehmen müssen. »Jetzt haben die BVGer die Schnauze voll«.

Die Berliner Verkehrsbetriebe, so der Betriebsratsvorsitzende in seiner Rede, seien inzwischen das Unternehmen, das seine Beschäftigten bundesweit am schlechtesten bezahlt. Laut Verdi kämen die Angestellten mit den diversen Schichtzuschlägen auf ein Bruttogrundgehalt von maximal 2.600 Euro im Monat. Angesichts der steigenden Mieten müssten auch immer mehr BVG- und BT-Beschäftigte Anfahrtszeiten von bis zu zwei Stunden in Kauf nehmen. Unzumutbar, wenn der Dienst 3.30 Uhr beginnt.

Über Jahre hinweg wurde gekürzt. Nun mangelt es an allen Ecken und Enden. Busse und U-Bahnen kommen zu spät und die Fahrgäste regen sich auf. »Wir tragen das aus, was die da oben verbocken«, machte eine Busfahrerin deutlich, die vor drei Jahren zur BVG kam, weil sie sich davon eine Verbesserung ihrer beruflichen Situation versprach.

Auch Busfahrer Peter Röntgen findet die Forderungen nach einer Arbeitszeitverkürzung und Lohnerhöhung wichtig. Aber eigentlich, so Röntgen im Gespräch mit jW, sei die Forderung von 36,5 Wochenstunden ein Riesenrückschritt im Vergleich zu den 1980er Jahren, als die IG Metall die 35-Stunden-Woche forderte.

Von den Beschäftigten der Berliner Stadtreinigung übermittelte Rolf Wiegand eine Solidaritätsbotschaft. Bessere Arbeitsbedingungen, das machte er klar, müssen erkämpft werden. »Sie müssen unseren Atem in ihrem Nacken spüren«, ansonsten würde es bei leeren Versprechen seitens des Vorstandes bleiben. Die S-Bahnen waren am Freitag morgen allerdings nicht außergewöhnlich überfüllt. Das könnte daran gelegen haben, dass die Gewerkschaft den Warnstreik bereits zwei Tage vorher angekündigt hatte.

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