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Aus: Ausgabe vom 14.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Schuld, dein Name ist Stalin

Bezahlt vom ukrainischen Staat: Agnieszka Hollands Propagandawerk »Mr. Jones« im Wettbewerb
Von Kai Köhler
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Im Schnee des Totalitarismus: der mutige Titelheld (James Norton)

In der Sowjetunion waren die Jahre 1932 und 1933 eine Zeit des industriellen Aufbaus, aber auch einer katastrophalen Hungersnot in weiten Teilen des Landes. Deren Ursachen waren vielfältig: Schlechte Ernten trafen mit dem Widerstand vieler Bauern gegen die Kollektivierung zusammen; lieber schlachteten sie ihr Vieh sofort, als es in Gemeineigentum zu überführen. Das Wenige, was es noch zu essen gab, musste verteilt werden. Die politische Entscheidung, vor allem die industriellen Zentren zu versorgen, ist angesichts der sich bereits abzeichnenden Kriegsgefahr und der notwendigen Vorbereitung nachvollziehbar, forderte jedoch unter der Landbevölkerung Millionen Hungertote.

Ein Reporter wie der Brite Gareth Jones, der die Folgen in der Ukraine sah und in der westlichen Öffentlichkeit 1933 Alarm schlug, konnte über die Erscheinungsebene berichten, nicht über die Ursachen und die mit ihnen verbundenen Konflikte. Doch ist es immerhin eine Form der Wahrheitsliebe, Fakten zu verbreiten. Dies aber wird man Agnieszka Hollands Wettbewerbsbeitrag »Mr. Jones«, der mit Unterstützung des Polish Film Institute und der Ukrainian State Film Academy entstanden ist, kaum bescheinigen können. Für einen Film, dessen Hauptfigur in jeder zweiten Szene seine Überzeugung heraustrompetet, dass nur die Tatsachen zählen, sind die Abweichungen von der historischen Realität gewaltig.

Das hat zuallerletzt dramaturgische Gründe. So berichtete der historische Mister Jones bereits nach einer Reise 1931 über Hunger in der Sowjetunion, den er auf Stalins Politik zurückführte; trotzdem konnte er im März 1933 auf einer weiteren Reise recherchieren. Im Film gibt es nur eine einzige Reise, auf der der mutige Held gegen den Widerstand der Behörden hungernd durch das Katastrophengebiet irrt und brutal von der Geheimpolizei verfolgt wird. Da wird eine Repression behauptet, die es so nicht gab.

Die Handlung ist bis zur Unsinnigkeit ideologisiert. Mal ist der sowjetische Geheimdienst allmächtig (Totalitarismus!); dann wieder muss er, damit Jones überhaupt dazu kommt, etwas zu unternehmen, tölpelhaft tapsig sein. Andere westliche Journalisten, die lieber in Moskau bleiben, dürfen zwar politische Zusammenhänge andeuten; doch gibt ihnen das Drehbuch derart phrasenhafte Sätze, dass ihre Position zu keinem Zeitpunkt ernst genommen werden kann. Lieber fressen sie sich bei Drogen- und Sexorgien voll, statt sich um die Hungernden zu kümmern.

Der Film-Jones weiß natürlich sofort, wer schuld ist: Stalin, der aus nicht weiter interessierenden Gründen einen Teil der sowjetischen Bevölkerung ermorden will. Der Filmabspann geht weiter und behauptet einen »Holodomor« (Tötung durch Hunger) – die Wahnkonstruktion der ukrainischen Rechten, die mindestens so verfolgt gewesen sein wollen wie die Juden und einen Völkermord an ihren Landsleuten behaupten.

Davon, dass es in manchen anderen Teilen der Sowjetunion nicht besser aussah, wollen sie nichts wissen. Lieber machen sie die vergangene Not zu einer Waffe im gegenwärtigen Propagandakrieg gegen Russland. Agnieszka Holland macht dabei bedenkenlos mit. Filmästhetische Gründe, ihren Wettbewerbsbeitrag »Mr. Jones« mit einer Auszeichnung zu bedenken, gibt es nicht: Die Handlung schleppt sich über ausgedehnte fast zweieinhalb Stunden, die wenigen Kameraeffekte bleiben ganz äußerlich, die Figurengestaltung ist eindimensional. Aber all das darf man nicht zu eng sehen. Der RBB jedenfalls formulierte in einer Schnellkritik: »Was im Film historisch korrekt wiedergegeben ist und was nicht, ist nicht entscheidend. Hollands Film ist in seinem Anliegen universell: Die Wahrheit über Unrecht hat eine reinigende Kraft.« Im Klartext: Die Wirklichkeit nervt, wir kennen die Wahrheit. Mal sehen, was die Jury dazu meint.

»Mr. Jones«, Regie: Agnieszka Holland, Polen/Großbritannien/Ukraine 2019, 141 min, 14., 17.2.

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