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Aus: Ausgabe vom 12.02.2019, Seite 7 / Ausland
Affäre Benalla

Verbindung nach Taschkent

Frankreich: Skandal um Macrons Sicherheitsmann Benalla. Geld vom usbekischen Oligarchen
Von Hansgeorg Hermann, Paris
Treuer Begleiter: Alexandre Benalla (l.) und Frankreichs Präside
Treuer Begleiter: Alexandre Benalla (l.) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 24. Februar 2018 in Paris

Helle Aufregung im Élysée-Palast, Panik am Regierungssitz Hôtel Matignon: Alexandre Benalla, im vergangenen Juli aus den Diensten Emmanuel Macrons entlassener Sicherheitschef des Präsidenten, arbeitete vermutlich auch für den usbekisch-russischen Oligarchen Iskander Kachramonowitsch Machmudow. Der milliardenschwere Minenbesitzer mit Wohnsitz in Taschkent und Dependancen in Frankreich stand in den vergangenen Jahren in verschiedenen europäischen Ländern immer wieder unter dem Verdacht, Geld für russische Mafiaorganisationen zu waschen. Benalla steht in Paris seit Monaten wegen Amtsanmaßung und -missbrauch in Tateinheit mit vorsätzlicher Gewaltanwendung unter Anklage.

Ihren Anfang nahm die Geschichte am 1. Mai vergangenen Jahres. Benalla, damals erster Sicherheitsmann des Präsidenten und seiner Frau Brigitte im amtlichen wie im privaten Alltag, tauchte während einer Gewerkschaftskundgebung auf und schlug, mit Handfeuerwaffe und Polizeihelm ausgerüstet, eine Demonstrantin nieder. Die von Aktivisten gefilmte Szene machte in den Medien die Runde, ungefähr eineinhalb Monate später war Benalla seinen Job los. So lange immerhin hatte ihm der Chef die Treue gehalten, wohl auch, weil der 27jährige Mann Teil seines »intimen« Lebens geworden war.

Der dem »Institut national des hautes études de la Sécurité et de la Justice« – einer Art Universität für Wachleute und Bodyguards – entsprungene Benalla machte in den Monaten danach von sich reden, als er, mit verschiedenen, aus seiner Zeit im Präsidentenpalast stammenden Diplomatenpässen ausgerüstet, in afrikanische Staaten reiste, vornehmlich ehemalige französische Kolonien. Besondere Aufmerksamkeit fand sein Besuch bei Oumar Déby, dem Bruder des tschadischen Autokraten Idriss Déby, nur drei Wochen bevor Macron selbst zum Staatsbesuch in der Hauptstadt N’Djamena eintraf.

Die Pariser Zeitungen Le Monde und Libération sowie das für gewöhnlich bestens informierte Nachrichtenportal Mediapart blieben Benalla in den folgenden Monaten auf der Spur und berichteten über seine Verbindungen, die demnach bis in die wirtschaftlich-kriminellen Grauzonen des politischen Geschäfts reichen. Der ehemalige Vertrauensmann Macrons, der gern mit gegeltem Haar und dunkler Pilotenbrille unterwegs ist, diente – aus der Jugend des Parti Socialiste kommend – bereits unter Macrons Vorgänger François Hollande und stand auch dessen früherem Industrieminister Arnaud Montebourg als Chauffeur zur Verfügung.

Für schwere Unruhe in der politischen Führung des Landes sorgte vor zwei Wochen der Mitschnitt eines Gesprächs zwischen Benalla und dessen Waffenbruder Chokri Wakim, einem ehemaligen Gendarmen und Wachmann in Macrons Parteiorganisation »La République en Marche« (LREM). In der von Mediapart veröffentlichen Aufnahme vom 26. Juli 2018 sorgt sich Benalla um Handygespräche, die als eventuelle Beweise »gelöscht werden müssen«. Für Ministerpräsident Édouard Philippe wohl ein lautes Warnsignal: Wakrims Lebenspartnerin Marie-Elodie Poitout war bis Ende vergangener Woche seine Sicherheitschefin, und als Eigner der privaten Sicherheitsagentur »Mars« hatte Benallas Kollege einen Monat vor dem Telefongespräch eine Banküberweisung in Höhe von 294.000 Euro erhalten – so ermittelt von der Abteilung zur Bekämpfung von Geldwäsche im Finanzministerium. Absender: Machmudow, bei dem Benalla und Wakrim offenbar schon unter Vertrag standen, als sie offiziell noch bei Macron und dessen LREM Wache schoben.

Mediapart verhinderte am Montag vergangener Woche einen Hausbesuch der Pariser Staatsanwaltschaft, die dem Justizministerium und damit auch dem Regierungschef untersteht. Die Beamten in Zivil, die sich bei den Journalisten gerne mit Beweismaterial zu Benallas und Wakrims Taschkent-Connection versorgt hätten, mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Sie hatten das dringend erforderliche Mandat eines zuständigen Richters nicht dabei.

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