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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 16 / Sport
Boxen

»Hinters Licht geführt«

Aus für den Chemiepokal: Der Deutsche Boxverband zieht das Traditionsturnier aus Halle ab und will nach Köln
Von Oliver Rast
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Rutscht bloß aus: Andreas Schink, 1980 im Boxkampf um den Chemiepokal gegen Jo Jong Gu

Tradition allein reicht nicht. Anfang April hätte die 46. Auflage des Chemiepokals in Halle/S. im Seilquadrat stattfinden sollen. Daraus wird nun nichts. Der Deutsche Boxverband (DBV) sagte das renommierte Turnier des olympischen Boxsports am 22. Januar des Jahres in einer Pressemitteilung ab – jedenfalls in der Saalestadt. Die Gründe: fehlende finanzielle Zusagen des Landes Sachsen-Anhalt und bürokratische Hemmnisse bei der Bewilligung von Mitteln.

Es gibt einen Verdacht: Der neue Austragungsort in Köln könnte nach der Absage des Chemiepokals in Halle vor der Veröffentlichung der Pressemitteilung längst beschlossene Sache gewesen sein. Zur selben Zeit kursierte bereits eine Einladung an Präsidenten und Generalsekretäre nationaler Boxverbände für die Ersatzveranstaltung vom 9. bis 14. Ap ril in der Sporthalle Süd der Domstadt. Einen neuen Namen hat das Event auch schon: »Chemistry Colonia Worldcup of Olympic Boxing«.

Das Einladungsschreiben, das jW vorliegt, trägt den Stempel des DBV und die Unterschrift ihres Präsidenten Jürgen Kyas. Der ist in Personalunion Vizepräsident des europäischen Amateurboxverbands EUBC und Mitglied des Exekutivkomitees des Weltverbands AIBA. Kyas war am Sonntag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Ein Funktionär des deutschen Amateurboxens, der anonym bleiben will, sagt auf jW-Nachfrage: »Der DBV hätte schon bei der Bekanntgabe des Rückzugs aus Halle Ross und Reiter nennen müssen.«

Hatte die Stadt überhaupt eine Chan ce? DBV-Sportdirektor Michael Müller betonte am Sonntag im jW-Gespräch: »Die Einladung für Köln ist eine Standardeinladung.« Noch sei nichts definitiv entschieden. Müller vermutet seinerseits hinter der »Causa Chemiepokal« einen alten Ost-West-Konflikt und verweist auf eine Pressemitteilung, die der DBV am 16. Februar veröffentlichen will.

Ein Topturnier auf Weltniveau koste eben, argumentiert der DBV, und brauche Planungssicherheit. Das wirtschaftliche Risiko wollte er nicht mehr tragen. Deshalb der Rückzug. Und die Landespolitik wusste Bescheid. Am 4. Januar seien laut Müller Entscheider aus der Landespolitik über die Lücke im Mindestetat von 230.000 Euro für den Chemiepokal informiert worden. Eine Antwort habe der DBV nie erhalten. »Seit 2011 versucht der DBV, das Turnier auf solide finanzielle Beine zu stellen und zu retten«, sagt Müller.

Warum Köln? Motiv: Nordrhein-Westfalen will sich für die Olympischen Spiele 2032 bewerben, Köln soll Olympiadorf werden. Fördertöpfe für prestigeträchtige Sportevents sind hier wesentlich leichter anzuzapfen als in einem struktur- und finanzschwachen Bundesland wie Sachsen-Anhalt.

Hendrik Lange (Die Linke), MdL und Stadtratsvorsitzender von Halle, zeigt sich gegenüber jW enttäuscht: »Die Stadt Halle hat nach der Absage dem DBV ein Gesprächsangebot unterbreitet, das jedoch nicht angenommen wurde.« Weiter sagt er: »Sollte sich bewahrheiten, dass das Event in Köln unter leicht geändertem Namen stattfindet, muss analysiert werden, welche Interessen noch eine Rolle spielen.« Denn es sei schwer zu glauben, dass der DBV diesen Plan nicht schon länger hatte.

Wolfgang Aldag (Grüne), MdL, sagt auf jW-Nachfrage: »Es scheint so, als hätten der DBV und allen voran Herr Kyas das Land Sachsen-Anhalt, die Förderer und Sponsoren des Chemiepokals in Halle mächtig hinters Licht geführt.« Er spricht von einem »immensen Vertrauensverlust für den DBV« und hält die angeblichen Verzögerungen bei der Fördermittelvergabe für vorgeschoben, »um den Deal mit Köln zu vertuschen«. Müller vom DBV: »Traurig, eine typische Politikerreaktion.«

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