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Aus: Ausgabe vom 04.02.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Marxistische Blätter

Marxistische Blätter: Autowahn und Monopolkapital

Von Arnold Schölzel
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»Gelbwesten«-Protest gegen Erhöhung der Kraftstoffsteuer am 5. Dezember 2018 in Cissac-Médoc

Auslöser für die Bewegung der »Gelbwesten« in Frankreich war die Erhöhung von Kraftstoffsteuern – offensichtlich der Tropfen, der das Fass sozialen Unmuts zum Überlaufen brachte. Denn Grund für die Proteste ist ein umfassenderes Problem: Aus einem nicht zuletzt gegen den Sozialismus gerichteten zentralen Konsumversprechen des Kapitalismus im 20. Jahrhundert – privater Autobesitz und Mobilität für alle – wurden chaotische Zustände auf kaputten Straßen, Zerstörung des Bahnverkehrs, Umweltverschmutzung und -vernichtung, Gesundheitsgefährdung und unbezahlbare Preise für Durchschnittsverdiener. Henry Ford, der 1914 die Fließbandproduktion für Autos startete, folgte noch der Devise »Autos kaufen keine Autos« und sorgte für entsprechende Löhne in seinen Fabriken. Allerdings war er nicht zufällig Faschist, der sogar Ernährung und Freizeit seiner Arbeiter kontrollieren und Gewerkschaften mit bewaffneten Banden, der »Ford-Gestapo«, bekämpfen ließ. Seitdem gehört die Autoindustrie zum Kern imperialistischer Macht- und Eigentumsverhältnisse, nun steckt sie in einer umfassenden Krise.

Was ergibt sich daraus? Äußerst lesenswerte Antworten auf diese Frage enthält das neue Heft der Zweimonatszeitschrift Marxistische Blätter, das unter dem Titel »›Dieselgate‹, Verkehrschaos, Klimakrise – Wege aus der Sackgasse« erschienen ist. Klaus Wagener sieht mit dem Betrug der Autokonzerne und den verheerenden Folgen des Autoverkehrs nicht nur den Industriezweig, sondern »die neoliberale Gegenrefomation« insgesamt »In der Falle«. Es zeige sich: Der Staat könne »seine ausgleichende, teilweise auch fordernd-profiteinschränkende Rolle als ideeller Gesamtkapitalist« nicht mehr ausfüllen. Zudem: »Die deutsche Autoindustrie hat sich verzockt. Die Produktpalette ist von gestern.« Achim Bigus, Vertrauenskörperleiter der IG Metall bei VW Osnabrück, fordert als Konsequenz aus der Lage, den »Gesamtverkehr neu« zu konzipieren und angesichts der Umbrüche in der Autoindustrie, dort Arbeitsplätze durch Abeitszeitverkürzung zu sichern.

Stefan Kühner beschreibt in seinem Beitrag über »Die Automobilindustrie und ihre Zulieferer« detailliert Macht und Ohnmacht der Unternehmen. Trotz gegenseitiger Abhängigkeit blieben die Autokonzerne bei Konflikten in der Regel Sieger, obwohl sich auch unter den Zulieferern (Bosch, Continental, Mahle) Monopole gebildet haben, die eigene Konkurrenten verdrängen. Inzwischen hat sich sogar auf dem Gebiet von Forschung und Entwicklung ein Dienstleistungszweig etabliert. Beate Landefeld (siehe Vorabdruck in jW vom 10. Januar) beleuchtet die »Eigentums- und Machtverhältnisse bei Daimler, BMW und VW« und entwirrt das Geflecht von sogenannten institutionellen Investoren, Familienclans wie Quandt, Porsche, Piëch sowie staatlicher Stellen. Winfried Wolf legt mit »Eckpunkte einer umfassenden Verkehrswende« ein ausgefeiltes Konzept vor. Er fordert vor allem, »die bestehende Verkehrsmarktordnung« zu verändern: Begünstigung der drei »grünen« Verkehrsarten Gehen, Radfahren, öffentlicher Verkehr, Verteuerung der drei »roten« Auto, Schiff und Flugzeug. Das bedeute u. a. Beseitigung der Steuervorteile für Geschäftswagen (gegenwärtig 70 Prozent aller Autozulassungen in Deutschland). Eine neue Struktur- und Steuerpolitik müsse für die Reduktion von Verkehr sorgen: In den 1970er Jahren legte ein Westeuropäer rund 9.000 Kilometer jährlich motorisiert zurück, heute sind es 14.000 Kilometer. Zu den Forderungen gehören niedrige Normalfahrpreise der Bahn und für die Nutzer kostenloser öffentlicher Nahverkehr.

Außerdem u. a. im Heft: Manfred Weißbecker über Parallelen zwischen Weimarer Republik und heute, Jörg Roesler zur Geschichte des Neuen Ökonomischen Systems in der DDR.

Marxistische Blätter, Heft 1/2019, 154 Seiten, 9,50 Euro (Jahresabo: 48 Euro, ermäßigt: 32 Euro). Bezug: Marxistische Blätter, Hoffnungstr. 18, 45127 Essen, Tel.: 0201/236757, E-Mail: redaktion@marxistische-blaetter.de

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Axel Georges: Spielzeuge für Reiche Karl Benz soll selbst einmal gesagt haben, dass das Automobil wohl ein Spielzeug für Reiche bleiben werde. Ganz unrichtig ist das nicht, denn Autos sind bis heute die ineffizienteste, aufwendigste und...

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