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Aus: Ausgabe vom 21.01.2019, Seite 8 / Ausland
Expräsident Uruguays mahnt

»Wieder aufstehen und Weg fortsetzen«

Glaube an Widerstand in Zeiten des Rechtsrucks und an die Einheit Lateinamerikas. Gespräch mit José »Pepe« Mujica
Interview: Luca Celada
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Ein Mann mit bewegter Biographie: Der frühere Präsident Uruguays, José »Pepe« Mujica, in seinem Haus bei Montevideo (13.2.2014)

Was denken Sie über die gegenwärtigen Erfolge reaktionärer Politiker auf der Welt?

Das macht mir Sorgen, und ich glaube, es ist der indirekte Preis, den ein Teil der Menschheit für die vom transnationalen Kapital vorangetriebene Globalisierung bezahlt. Die Mittelschichten haben aufgehört zu wachsen, und das hat zu einer großen Frustration derjenigen geführt, die – anstatt die Verantwortlichen oben zu suchen – Sündenböcken die Schuld geben, wie es aktuell bei Afrikanern, Mexikanern oder Syrern getan wird.

Brasilien ist der jüngste Fall eines Landes, das den Weg nach rechts eingeschlagen hat. Welchen Rat würden Sie den Brasilianern für die nächsten vier Jahre geben?

Ich glaube, dass das brasilianische Volk einen Weg finden wird, um Widerstand zu leisten und das Beste von sich zu bewahren. Vielleicht erweisen sich die Vorhersagen als schlimmer als die Wirklichkeit.

Ist es einem Politiker in der Zeit der Trumps und Bolsonaros noch möglich, etwas zu bewirken und zugleich integer und idealistisch zu sein?

Anscheinend lehrt uns die Kultur, in die wir abgeglitten sind – die Kultur des Marketings –, dass alle, die nicht reich werden, Verlierer sind. Wir sollten uns nicht wundern, wenn das Modell des Führers und Tycoons Schule macht. Man muss sich klarmachen, dass man das erntet, was man sät. Es wird immer auch die Träumer und die absolut Ehrlichen geben, die dazu antreiben, die Menschheit zu verbessern. Der Erfolg im Leben besteht darin, wieder aufzustehen, wenn man hinfällt, und seinen Weg fortzusetzen.

Haben Sie den Eindruck, dass es heute ein Land gibt, das Lateinamerika einen könnte?

Ich glaube, dass Lateinamerika eine Gruppe von Nationen ist, der noch die Fähigkeit fehlt, eine gemeinsame Heimat zu verwirklichen. Aber wir werden nicht existieren können, wenn wir nicht die Fähigkeit erwerben, die Differenzen zu überwinden und einen gemeinsamen Körper zu bilden. Wann wird es den Vereinigten Staaten gelingen, zu akzeptieren, dass sie eine mehrsprachige Nation sind, ihre lateinamerikanischen Bürger anzuerkennen und zu begreifen, dass von unserem Identitätsgefühl auch ihres abhängt?

Wie bewerten Sie die Ereignisse an der Grenze, die diese beiden Welten trennt?

Am Ende des Ersten Weltkrieges haben die den besiegten Nationen aufgezwungenen Bedingungen zu einem späteren Desaster geführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man die Lektion gelernt, und die Antwort war der Marshall-Plan. Die Vereinigten Staaten haben heute ein ähnliches Problem. Mittelamerika zu helfen und zu unterstützen, wäre eine große Antwort. Statt dessen wäre das, was derzeit passiert, lächerlich, wenn es nicht so tragisch wäre. Die USA werden an der Grenze einen Haufen Geld ausgeben, um die Leute, die sie brauchen, zurückzuweisen. Wer putzt denn bei den Reichen? Wer arbeitet auf dem Feld? Wer macht als Klempner die Rohre wieder frei?

Wie ist die Situation in Uruguay?

Der aktuelle Präsident (Tabaré Vásquez; jW) ist ein alter Freund und tut, was er kann. Wir besitzen keine Zauberstäbe oder Allheilmittel. Ich glaube fest daran, dass die Herrscher so leben sollten, wie der Großteil ihrer Völker. Sie sollten nicht in feudale Nostalgien verfallen und die Stellung von Monarchen anstreben, die von Höflingen umgeben sind. Man muss zu den Wurzeln des Republikanismus zurückkehren und das ist nicht einfach.

In vielen Ländern steht eine Rückkehr zu diktatorischen Regimen bevor, die dem ähneln, das Sie bekämpften und wegen dem Sie zwölf Jahre im Gefängnis saßen. Wie denken Sie darüber?

Es gibt viele Diktaturen auf dem Planeten. Die, die wir auf unserem Kontinent hatten, haben ihre Geschichte und ihre Ursachen. Wir sollten sie in Erinnerung behalten. Das Leben hat mich gelehrt, dass es immer noch schlimmer kommen kann. Eine Demokratie zu verteidigen, so mangelhaft und ungerecht sie auch sein mag, ist immer die Mühe wert.

José »Pepe« Mujica (83) war in den 60er und 70er Jahren führendes Mitglied der revolutionären Stadtguerilla MLN-Tupamaros. Bis zum Ende der Militärdiktatur 1985 verbrachte er zwölf Jahre im Gefängnis und war von 2010 bis 2015 Staatspräsident von Uruguay.

Eine längere Version dieses Interviews erschien in der linken italienischen Tageszeitung Il manifesto vom 19.12.2018

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