Aus: Ausgabe vom 14.01.2019, Seite 10 / Feuilleton

In Ruhe gelassen werden

Der stille Eigensinn: Hans Magnus Enzensbergers autobiographische Anekdoten

Von Jürgen Roth
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»Ich mache keine Regeln für die anderen.« Notwehrpolitiker Enzensberger preist die »Vorzügen der Inkonsequenz« (Kongress »Notstand der Demokratie«, 30.10.1966, Frankfurt am Main)

Wozu denn dieser ganze Müll?

Hans Magnus Enzensberger auf WDR 3

Warum soll ich freiwillig verblöden?

Hans Magnus Enzensberger im ­Gespräch mit Anton Zeilinger

Nicht mehr als drei oder fünf andere zeitgenössische Dichter fallen mir ein, die ein Buch ähnlich unaufdringlich souverän begännen: »Das eigene Geburtsdatum ist schwer loszuwerden. Auch M. schleppt es mit sich herum.«

Das ist, bin ich versucht zu behaupten, der ganze Hans Magnus Enzensberger: dieser Ton – der lächelnde Gestus, der muntere, betörend klare und freundlich-selbstironische Habitus der Wörter. »Es gibt keine Kunst ohne das Vergnügen«, schrieb Enzensberger 1978, und das impliziert umgekehrt, »nicht ölig zu sprechen«, wie er es 2009 in einem glänzend alerten Fernsehgespräch mit Alexander Kluge ausdrückte.

Das Salbadern der Macht (und, komplementär, ihr todbringendes Geschrei und Gebrüll) war Enzensberger von früh an zuwider. In »Eine Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum«, seinen aus biographischen und zeitgeschichtlichen Motiven und Bruchstücken collagierten Kindheits- und Jugenderinnerungen (die er, ein typischer unprätentiöser Enzensbergerscher Erzählkniff, in die dritte Person gesetzt hat), dokumentiert oder vielmehr modelliert er »jede Art von Ausweichmanöver vor falscher Autorität«, sei’s vor jener, die in der Zwangsanstalt Schule, oder vor jener, die im Wahnapparat Militär exekutiert wird.

Schelmischer Anarchismus

Er habe 1933 ff. Glück gehabt, beteuert Enzensberger seit Jahren. Dessenungeachtet macht sein angenehm elegant gearbeitetes autobiographisches Mosaik glauben, dass ihm der schelmische Anarchismus, den ich schätze, seit ich Enzensberger lese (und ich lese ihn seit Mitte der Achtziger), in die Wiege gelegt worden ist und, nebst seiner Herkunft aus recht soliden bürgerlichen Verhältnissen, zu seinem Glück verhalf. Deshalb gedenkt er »der Tage nach der deutschen Niederlage beinahe sehnsüchtig«: »M. (…) ließ die Auflösung der gewohnten Ordnung nicht nur kalt, sie begeisterte ihn. Die Institutionen waren in diesem herrlichen Sommer wie vom Erdboden verschluckt. Die Terroristen des Staates hatten ihre Uniformen abgelegt, verbrannt oder vergraben. Es war niemand da, der einen überwachte. Es gab keine Fahrpläne mehr, keine Schulen, keine Behörden. Zwar herrschte im Land eine Militärregierung, die aber war unsichtbar, fern und ahnungslos. (…) Nie zuvor und nie danach hat es eine solche Freiheit gegeben. Den Preis, den die meisten dafür zu bezahlen hatten, ihre Not, ihre Angst, ihre Verwirrung, vergisst M. oft eigens zu erwähnen, und so finden seine Erzählungen wenig Zustimmung. Wegen seiner moralischen Mängel und wegen seines Leichtsinns ist er oft getadelt worden.«

»Ich mag, wenn Leute anders sind«, sagt Enzensberger in Ralf Zöllers filmischem Porträt »Ich bin keiner von uns« (2000). Und so, wie er von »diesem arischen Schrotthaufen« nichts habe wissen wollen, so habe er Politik, diese »ganze Scheiße«, stets nur »aus Notwehr« (zumal wider Restauration und Renazifizierung) betrieben und, erklärte er 2014 gegenüber dem Spiegel, gezwungenermaßen »eine Komparatistik der Scheiße« entwickelt.

Zweifel an der Wichtigkeit

Man hat ihm seine skeptische Schalkhaftigkeit, seine scheinbar haltlose Neugier, seine gefasste Unberechenbarkeit, seinen fröhlichen Realismus, seinen Willen zum Amüsement, seinen Weltspott, seinen prinzipiellen »Zweifel an der Wichtigkeit« angekreidet. Dazumal galt er in der Linken (wer oder was auch immer die Linke war) als Snob, als Dandy, als Fatzke, als verantwortungsloser Jongleur, als wendiger Kantonist. Dabei war und ist Enzensberger bis heute ein genuiner Aufklärer, der sich durch die Schönheit sprachlicher Präzision, Verschlankung und Sparsamkeit und durch die gewaltlose Kraft des Sarkasmus des allgemeinen Pfaffentums und all der Besserungssüchtigen erwehrt. »Ich mache keine Regeln für die anderen.« Dergleichen hören der Herrenmenschanhänger und der »Alleswisser« und der infantile Nannybedürftige ungern.

Wiederholt hat Enzensberger bekräftigt, er werde niemals Memoiren verfassen. Memoiren seien »hochverdächtig«, angeberisch und »eine Furchtbarkeit«, sie seien durchsetzt mit Lügen und Verbrämungen und »Missweisungen« und im Falle von Schriftstellern obendrein entsetzlich langweilig. »Ich mische mich nicht gern in meine Privatangelegenheiten«, notierte Karl Kraus. Gegenüber Alexander Kluge legte Enzensberger dar: »Ich habe einfach keine Lust, mich allzu tief mit meiner eigenen Lebensgeschichte zu beschäftigen. Ich bin auch ein geübter Vergesser«, und das öde ubiquitäre selbsttherapeutische Geplapper auf Papier hasse er sowieso.

Mit Widerwillen geimpft

Trotzdem ist 2014 mit »Tumult« ein erster teilautobiographischer Band, in dem das Berichtete vermöge einer dialogischen und fragmentarischen Konstruktion in die Distanz gerückt und abgekühlt wird, erschienen. Dass Geschichtsschreibung in eigener Sache nur diskontinuierlich verfahren könne, weil »Wirklichkeit nicht total« (Kluge), nicht gefügt und jeder Mensch voller Widersprüche sei, und allein durch das Bekenntnis zur (bewussten wie unbewussten) Auslassung (»Mit seinen Träumen wollte M. nichts zu tun haben«) und durch das kunstvoll-formale Arrangement zu rechtfertigen ist, zeigen auch die »Anekdoten«. Ausschließlich der Moment, das Kontingente ist und bleibt lebendig. Und so sind nicht die Passagen über die filouartigen Gaunereien in der Nachkriegszeit und den lässigen Uz eines Studenten in den fünfziger Jahren, ebensowenig die nüchtern-eindrücklichen Schilderungen der Reichsparteitage, des Drills in der HJ und des Gebarens des Nachbarn der Enzensbergers, eines gewissen Julius Streicher, der Kern dieser Erzählung über die Erziehung der Gefühle und des Geschmacks eines Unangepassten; sondern es sind die dezent liebevollen Abschnitte über die kleinen Augenblicke einer Kindheit, in der man in Ruhe gelassen wurde, über Mutter und Vater, die ohne Aufheben human waren. »Bis heute ist er seinem Vater dankbar, dass er ihn mit seinem Widerwillen geimpft hat«, heißt es einmal, mit dem Widerwillen gegen Aufmärsche, Parteiabzeichen, Versammlungen und Propaganda. Und ein andermal: »Eindrucksvoll und schwer zu verstehen war die Unbestechlichkeit seines Vaters. Die üblichen mit dem Kapitalismus verbundenen Verhaltensformen sind einfach an ihm abgeglitten.«

Enzensbergers Mutter hatte einen »stillen Eigensinn«. In seinem Buch »Politische Brosamen« (1982) handelt der unmodische, der un-haltbare Abweichungskünstler, der »Distanzkünstler« (FAZ) – ein Künstler ist immer ein Distanzkünstler, andernfalls kommt ein Böll oder ein Grass heraus –, von den »Freuden« und »Vorzügen der Inkonsequenz«. »Der Jargon der Eindeutigkeit dröhnt von den Tribünen ganzer Kontinente und verpestet alle Kanäle der öffentlichen Rede«, hebt Enzensberger an und preist anschließend »die Freiheit, sich ungehindert zu bewegen, das Vergnügen an der Phantasie. (…) Hie und da eine Prise Lichtenberg, ein Quentchen Diderot, ein Hauch Heine – und schon röche es nicht mehr so muffig im intellektuellen Psychodrom.«

Noch heute laufen Leute herum – Automechaniker, Maurer, Wasserhäuschenbetreiber, Kassiererinnen, Packerinnen, Kellnerinnen –, die sich der Herrschaft des neurotischen totalkapitalistischen Opportunismus entziehen, weil sie eine Haltung »besitzen« – die Haltung des Eigensinns, die keinerlei Begründungen bedarf. »Durch Meinungsumfragen und Statistiken wird er«, der Eigensinn, so Enzensberger, »kaum zu ›erfassen‹ sein. Er entzieht sich dem logischen Kalkül ebenso wie der politischen Kontrolle, und wie sein Name schon sagt, lässt er sich nicht organisieren.«

»Deutschsein ist kein Beruf«, lautet ein Credo von Hans Magnus Enzensberger, der »ein Gläubigkeitsdefizit« hat und augenscheinlich der Ataraxie frönt. Bei der ganzen Scheiße, der fortlaufenden »Geschichte als Katastrophe« (Enzensberger), mitzumachen ist genausowenig ein Beruf.

Hans Magnus Enzensberger: Eine Handvoll Anekdoten – auch Opus incertum. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018, 239 Seiten, 25 Euro


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