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Aus: Ausgabe vom 10.01.2019, Seite 16 / Sport
Handball

Es wäre ein Drama

Handball-WM: Heute treffen die Deutschen im Auftaktspiel auf das sportlich vereinigte Korea
Von Oliver Rast
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»Maximaler Wille zur Zusammenarbeit«: Bob Hanning (Mitte) unter DHB-Chefs

Das Haus ist ausverkauft, das Parkett poliert, der Spot an: heute startet die Weltmeisterschaft der Internationalen Handballföderation (IHF) in der Arena am Berliner Ostbahnhof mit der Paarung Deutschland gegen Gesamtkorea. Kommentatoren bemühten im Vorfeld historische Quervergleiche: von der Teilung und Einheit eines Landes war da die Rede, gar von einer Friedensmission der pankoreanischen Handballer.

Das Turnier findet bis 27. Januar in Deutschland und Dänemark statt. Es ist die erste Handball-WM mit zwei Gastgebern. Die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) spielt in der Vorrundengruppe A gegen Titelfavorit Frankreich, außerdem gegen Russland, Serbien, Brasilien und eben Korea.

Bob Hanning, DHB-Vize und Geschäftsführer der Füchse Berlin, hält Leistungssteigerungen von Trainerstab, Management und Kader für unerlässlich, die Voraussetzungen für gegeben. »Wir haben alle hart gearbeitet«, sagt er gegenüber jW. »Man verspürt den maximalen Willen zur Zusammenarbeit.«

Bei den vergangenen zwei Turnieren enttäuschten die Deutschen die Erwartungen: jeweils nur Platz neun bei der WM 2017 in Frankreich und der EM 2018 in Kroatien. 2016 wurde die DHB-Auswahl noch Europameister, 2007 zuletzt Weltmeister. Diesmal ist der Halbfinaleinzug das Minimalziel für den DHB unter Trainer Christian Prokop. »Wir haben bis dahin acht Heimspiele«, sagt Hanning. Die Aufgaben der Vor- und Hauptrunde müssten »gewissenhaft erledigt werden«.

Prokop ist ein Cheftrainer auf Bewährung – allerdings mit einem Fünfjahresvertrag ohne Ausstiegsklausel. Nach der EM-Pleite steht der 40jährige, der Anfang 2017 für 500.000 Euro Ablöse vom SC DHfK Leipzig geholt worden war, den er seit 2013 trainiert hatte, unter immensem Erfolgsdruck. Und wenn die Heim-WM in die Hose geht, was dann? »Damit beschäftige ich mich nicht«, sagte Prokop im WM-Sonderheft des Magazins Handball inside trotzig.

Die Nervosität vor dem Eröffnungsspiel ist groß, eine Auftaktpleite aber deshalb nicht unbedingt wahrscheinlich. Überhaupt nur einmal verlor ein deutsches Team (BRD und DDR) ein WM-Auftaktspiel: 1974 die BRD gegen Dänemark in der DDR.

Die beiden Testspiele, die die DHB-Auswahl unmittelbar vor dem WM-Anwurf gewann – 32:24 gegen Tschechien und 28:13 gegen Argentinien –, waren Muster ohne größeren Wert. Haupterkenntnis: Die Abwehr mit Andreas Wolff im Kasten und dem 110-Kilo-Massiv Patrick Wiencek am Kreis ist stabil. Keeper Wolff strotzt eh vor Selbstvertrauen: »Mein Ziel ist es, der beste Torhüter der Welt zu sein. Und die WM ist die Plattform, dies zu beweisen«, röhrte er im Interview mit der Handballwoche (2.1.19).

Was ist über Korea bekannt? Nicht viel. Klein, wendig, unorthodox seien die Spieler, meinte Kokommentator Markus Baur im ZDF-Livestream des Testspiels gegen Argentinien. Mehr Klischee als Expertise.

Zu den Fakten: Rang acht bei der WM 1997 in Japan war bislang die beste Platzierung eines Teams von der koreanischen Halbinsel. Das trat ohne Nordkoreaner an. 2013 rangierten die Südkoreaner im Endklassement in Spanien auf Platz 21. 2015 und 2017 konnten sie sich nicht für die WM qualifizieren. Mit einem dritten Rang bei der Asienmeisterschaft Ende Januar 2018 im heimischen Suwon ergatterte Südkorea hinter Katar und Bahrain das WM-Ticket.

Pankoreanische Teams gab es schon, bei der Tischtennis-WM 2018 in Panmunjom in der demilitarisierten Zone Koreas und im Fraueneishockey bei den letztjährigen Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang zum Beispiel.

Eine Sonderregel der IHF erleichterte die Integration der vier Spieler aus der Demokratischen Volksrepu­blik Korea (DVRK) im Norden. Korea durfte 20 statt üblicherweise 16 Spieler für die WM nominieren. Die Nordkoreaner sind allesamt Armeehandballer – und Rückraumspieler: zwei links, einer rechts und einer in der Mitte. Ihre Namen: Kyong-Song Ri, Jong-Gon Pak, Yong-Myong Ri und Song-Jin Ri. Cho Young-shin, der südkoreanische Trainer der vereinigten Auswahl, lernte die Schützlinge aus der DVRK spät kennen. Eine gemeinsame Vorbereitung gab es nicht. Die nordkoreanischen Spieler stießen mit drei Offiziellen erst kurz vor Weihnachten in Berlin zum Team.

Der englischsprachigen Tageszeitung Korea Joongang Daily sagte Trainer Cho vor dem Abflug zur WM: »Ich gehe davon aus, dass sie (die Akteure aus der DVRK) im Vergleich zu unseren Spielern Fähigkeiten auf einem Nachwuchslevel haben.« Ihr Leistungsstärke lasse sich erst im Training und bei Spielen feststellen.

Christian Pahl, Trainer des Drittligisten Oranienburger HC, hat Bundes­coach Prokop den Praxistest gegen Korea voraus. Am Montag abend unterlag der OHC dem WM-Teilnehmer bei dessen Generalprobe mit 29:34. Auf jW-Nachfrage sagte Pahl: »Wir haben die Partie völlig unnötig verloren.« Die Koreaner hätten maximal gehobenes Drittliganiveau. »Eine deutsche Niederlage wäre ein Drama.«

Ohne Aussagekraft waren die Vorbereitungsspiele der Koreaner für Hanning. Ein WM-Auftaktspiel sei immer schwierig, sagt er, und erinnert an den »Zittersieg gegen Brasilien 2007« – dem Jahr des letzten deutschen WM-Titels.

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