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Aus: Ausgabe vom 14.12.2018, Seite 5 / Inland
Armutsbericht 2018

Politik schafft Armenhaus

Soziale Schieflage in Deutschland auf Rekordniveau. Paritätischer Wohlfahrtsverband wirft Bundesregierung Ignoranz vor
Von Susan Bonath
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Bei der Armenspeisung durch die »Tafel«-Vereine werden die Schlangen länger

Die Armut in Deutschland hat einen neuen Rekordwert erreicht. Das konstatiert der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem neuen Armutsbericht 2018. Danach lebt mehr als jeder sechste Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Sie liegt bei 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median). Die Obdachlosigkeit überschreite rasant die Eine-Million-Marke. Fast drei Viertel der Betroffenen seien berufstätig und ausgebildet, keineswegs vor allem »ungebildet«, wie es das von der Politik ständig wiederholte Klischee Glauben machen wolle, erklärte Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider am Donnerstag bei der Präsentation in Berlin. Vielmehr sei Armut in großem Maße abhängig von der nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft der Menschen. Kinder, Alter und Krankheit erhöhten das Risiko dabei immens, nach ganz unten abzurutschen. »Es geht um echte Entbehrungen von Dingen, die zum Alltag in Deutschland gehören, um seelische Belastungen, viele Sorgen und Hoffnungslosigkeit«, mahnte Schneider. Angesichts der guten wirtschaftlichen Lage in der Bundesrepublik könne dies »getrost ein politischer Skandal genannt werden«.

Seit Ende der 1990er Jahre sei die Armutsquote in Deutschland von elf auf 16,8 Prozent gestiegen. Damit betreffe Armut aktuell mindestens 13,7 Millionen Menschen. Doch Schneider betonte: »Dabei sind in den ausgewerteten Statistiken lediglich Menschen erfasst, die über einen eigenen Haushalt verfügen.« Die Daten stammten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Völlig außen vor gelassen würden darin die bis zu eine Million Wohnungslosen sowie rund 800.000 Bewohner in Pflegeheimen, von denen etwa die Hälfte auf Sozialhilfe angewiesen sei. Hinzu kämen rund 200.000 behinderte Menschen in Heimen ohne eigenes Einkommen. Man müsse deshalb von einer hohen Dunkelziffer weit über die erfassten knapp 14 Millionen in Armut Lebenden hinaus ausgehen, resümierte der Verbandsgeschäftsführer. »Die neuesten Ergebnisse lassen es nicht mehr zu, von einer Stabilisierung der Armutsentwicklung zu sprechen, wie es noch der letzte Bericht der Bundesregierung tat«, so Schneider. Tatsächlich gebe es einen Aufwärtstrend, und der sei »politisch hausgemacht«. In den oberen Etagen wisse man seit langem um die Armutsrisiken.

Am stärksten betroffen sind nach wie vor die Erwerbslosen und Hartz-IV-Aufstocker. Fast zwei Drittel von ihnen fallen laut Bericht unter die Armutsgrenze. Die zweitgrößte Gruppe der Armen bilden die Alleinerziehenden. Mehr als 40 Prozent von ihnen leben am Existenzminimum oder darunter. Mit zwei oder mehr Kindern sieht ihre Situation noch drastischer aus. Hier ist mehr als die Hälfte (56,2 Prozent) betroffen.

Der Bericht zeigt außerdem: Menschen mit Migrationshintergrund haben in der Bundesrepublik mit 27,5 Prozent ein mehr als doppelt so hohes Risiko, dauerhaft arm zu bleiben, wie Einheimische ohne ausländische Wurzeln. Das Durchschnittseinkommen von Menschen, die nach 2010 zugewandert sind, liegt insgesamt nur bei 63 Prozent des mittleren Einkommens insgesamt. Besonders ausgeprägt ist die soziale Schieflage in Ostdeutschland. Dort lebt fast jeder Vierte am Minimum, im Westen ist es etwa jeder Sechste.

Das Zahlenwerk bescheinigt noch einen weiteren Trend: Durch den ausufernden Niedriglohnsektor reicht ein Einkommen immer öfter nicht mehr aus, um die Armutsschwelle zu überschreiten. Während etwas mehr als ein Viertel der Alleinlebenden arm ist, betrifft es bei den kinderlosen Paaren gut acht Prozent. Bei Eltern steigt das Risiko der Armutsgefährdung mit der Anzahl des Nachwuchses. Mit einem Kind ist jede elfte Familie betroffen, leben drei Kinder oder mehr im Haushalt, ist es bereits jede dritte. Auch steigende Wohnkosten verschlingen immer größere Anteile des Einkommens. Fast ein Drittel aller Mieter fällt inzwischen abzüglich der Miete unter die Armutsgrenze, bei Haus- oder Wohnungseigentümern sind es rund vier Prozent.

Entgegen den politischen Bekundungen schützt auch Bildung immer seltener vor dem Abstieg. So verfügen mehr als zwei Drittel der ökonomisch Abgehängten mindestens über einen Schulabschluss und eine Ausbildung. Im unteren Qualifikationsniveau leiden knapp 30 Prozent unter materiellen Entbehrungen, im mittleren Bereich sind es 15 Prozent. Betroffen ist aber auch jeder zwölfte Akademiker.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert weitreichende politische Maßnahmen, um die wachsende Armut zu bekämpfen, darunter eine Rückabwicklung der Rentenkürzungen und die Anhebung der Grundsicherung. Der Mindestlohn müsse sofort auf über zwölf Euro steigen, Leiharbeit sei »konsequent einzudämmen«. Sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen müsse außerdem verboten und eine existenzsichernde Kindergrundsicherung eingeführt werden. Die Bundesregierung dürfe »das traurige Rekordhoch« in Sachen Armut nicht länger verschleiern, fordert der Verband.

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