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Aus: Ausgabe vom 12.12.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Ölpreis

Von Reinhard Lauterbach
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Ein Arbeiter von Royal Dutch Shell in der russischen Stadt Twer (7.11.2014)

Formal ist der Ölpreis ein Preis wie andere auch: Eine gewisse Menge Ware, hier Rohöl – historisch hat sich ein »Fass« (Barrel) mit 158 Litern Inhalt als Referenzgröße für die Preisbestimmung durchgesetzt – wird gegen eine gewisse Menge Geld getauscht; das Nähere regeln Angebot und Nachfrage.

Oder eben nicht. Denn der Ölpreis war in seiner Geschichte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die kommerzielle Ölförderung begann, nur ausnahmsweise dem Spiel der Marktfaktoren ausgesetzt. Aus zwei Gründen wies die Preisentwicklung zunächst eine Tendenz nach unten auf: erstens, weil die zunehmende Nachfrage nach Öl und Ölprodukten die Suche nach neuen Lagerstätten anheizte, und zweitens, weil ein Großteil dieser neuen Lagerstätten in Ländern lag, die in kolonialen oder halbkolonialen Abhängigkeitsverhältnissen zu den wichtigsten Konsumentenländern standen und deshalb auf dem Markt in einer abhängigen Position waren.

Politische und durch Lobbyismus verursachte Entscheidungen trugen dazu bei, dass Öl zum zentralen Rohstoff der industriellen Gesellschaften wurde. So war es der US-Ölmogul John Davison Rockefeller (1839–1937), der kurz vor dem erzwungenen Ende der von ihm geleiteten Standard Oil Company durchsetzte, dass Benzin der Treibstoff für die mit dem »Ford T« beginnende Massenmotorisierung wurde. Henry Ford, der das Auto auf den Markt brachte, hatte zunächst auf Äthanol, also Alkohol, gesetzt.

Das Ende der Standard Oil Company folgte aus einem kartellrechtlichen Urteil eines US-Gerichts im Jahre 1911. Schon sieben Jahre nach der Entflechtung vereinten sich die sieben größten Ölgesellschaften der kapitalistischen Welt zu einem neuen Kartell, dem der »Sieben Schwestern«. Sie teilten sich den Markt nach geographischen Kriterien sowie nach Ölsorten auf und diktierten für weitere Jahrzehnte den Preis – mit nachteiligen Wirkungen für die Volkswirtschaften der inzwischen überwiegend politisch unabhängig gewordenen Förderländer. Als 1953 der demokratisch gewählte Präsident des Iran, Mohammed Mossadegh, die Förder- und Verarbeitungsanlagen der Anglo-Iranian Oil Company nationalisierte, war das den USA und Großbritannien einen Putsch und die Einsetzung der Marionette Reza Pahlevi als »Schah« wert.

Als die »Sieben Schwestern« 1958 wegen der Entdeckung neuer Ölquellen den Ölpreis – faktisch die Rente an die Förderstaaten – einseitig um zehn Prozent kürzten, regte sich erstmals Gegenwehr. 1960 gründeten zunächst fünf Ölförderstaaten die »Organisation der Erdöl exportierenden Staaten« (OPEC). Innerhalb weniger Jahre schlossen sich acht weitere Staaten dem Kartell an. Heute kontrollieren die OPEC-Mitglieder etwa 44 Prozent der weltweiten Ölreserven; etliche große Ölförderstaaten wie Russland sind formal keine Mitglieder der Organisation, arbeiten aber mit ihr zusammen und halten sich im großen und ganzen an deren Vorgaben.

1973 erzielten die »Ölscheichs« ihren größten politischen Erfolg: Als Reaktion auf die westliche Unterstützung Israels kürzten sie kurzfristig die Förderung und sorgten so für eine Vervierfachung des Ölpreises innerhalb eines Jahres. Der Vorgang ging als »Ölkrise« in die Wirtschaftsgeschichte ein und soll – wegen der Verteuerung eines zentralen Produktionsmittels – der Auslöser für die Abkehr der kapitalistischen Staaten von keynesianischer Wirtschaftspolitik und Sozialstaat gewesen sein. Wahrscheinlicher ist, dass dies nur der propagandistische Anlass war, eine Politik des Klassenkompromisses aufzukündigen, die den Protagonisten des Kapitals seit langem und grundsätzlich lästig war. Der steigende Ölpreis sollte die These illustrieren, »wir alle« hätten uns die »Großzügigkeit« des Sozialstaats nicht mehr leisten können.

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