Aus: Ausgabe vom 08.12.2018, Seite 4 / Inland

Besetzung gegen »Cyber Valley«

In Tübingen protestieren Studierende gegen Ausverkauf der Wissenschaft an Industrie und Militarisierung der Forschung

Von Matthias Rude
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Schluss mit Forschung für Rüstungsinteressen: Der Tübinger Kupferbau ist besetzt

Seit gut einer Woche ist der Kupferbau, ein Tübinger Universitätsgebäude, besetzt. Die Aktion fand im Anschluss an eine Demonstration am 29. November statt, etwa 50 Protestierende hatten sich Zugang zum Hörsaal verschafft. Ihr Ziel ist es, eine kritische Öffentlichkeit gegenüber dem »Cyber Valley« zu schaffen. Unter diesem Namen entsteht derzeit in Baden-Württemberg ein großer Forschungskomplex zur Erforschung Künstlicher Intelligenz (KI): Deutschlands Antwort auf das US-amerikanische Silicon Valley.

Im Dezember 2016 war das Neckartal zwischen Stuttgart und Tübingen – ohne jede öffentliche Diskussion, wie Kritiker monieren – zum Cyber Valley erklärt worden. Auf der eigens eingerichteten Homepage heißt es, dort sollten »die Forschungsaktivitäten von internationalen Key-Playern aus Wissenschaft und Industrie auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz« gebündelt werden. Neben der Max-Planck-Gesellschaft und den Universitäten der beiden Städte waren auch Firmen wie Bosch, Daimler, BMW und Porsche an der Gründung beteiligt, außerdem ZF Friedrichshafen – der weltweit zweitgrößte Automobilzulieferer ist auch in der Rüstung tätig.

Für die in Tübingen ansässige Informationsstelle Militarisierung (IMI) war bereits im Juli dieses Jahres absehbar, »dass sich die Region zu einem neuen Rüstungsstandort entwickeln wird«. Im Oktober 2017 war Amazon eingestiegen, im März gab die Universität Tübingen zudem bekannt, künftig gemeinsam mit der Kreditauskunft Schufa über KI forschen zu wollen. Nach Bekanntwerden der Pläne regte sich im Sommer Widerspruch: In Tübingen formierte sich ein Protestbündnis aus verschiedenen Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen, das vor einer »gekauften Wissenschaft« warnte.

Die Demonstration des Bündnisses Ende November, nach der die Besetzung des Hörsaals begann, stand unter dem Motto: »Wissenschaft für die Menschen – nicht für Industrie, Überwachung und Krieg«. Bereits vor zehn Jahren war der Tübinger Kupferbau über einen Zeitraum von sechs Wochen besetzt, damals ging es vor allem um die Bologna-Reform. Jetzt nutzen die Aktivisten diese öffentliche Plattform vor allem, um mit Vorträgen zu Themen wie »Drohnenkrieg und KI« oder »Künstliche Intelligenz als Machtinstrument« über die Problematik des Cyber Valleys zu informieren. »Wir wünschen uns eine emanzipatorische Wissenschaft, die an Lösungen für wirkliche Probleme der Menschheit arbeitet: Klimazerstörung, globale Ungerechtigkeit oder Energieversorgung sollten im Zentrum der Forschung stehen, nicht aber Konsumbedürfnisse, Rüstung oder Machtinteressen«, heißt es in einem von den Besetzern veröffentlichten Statement. Sie fordern unter anderem eine Zivilklausel, die Forschung für militärische Zwecke ausschließen soll. Das Cyber Valley wird durch Steuergelder mit hohen zweistelligen Millionenbeträgen gefördert. »Wir fordern nichts weiter, als dass, was mit unserem Geld finanziert wird, auch von uns mit entschieden wird«, so einer der Besetzer.


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