Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 11 / Feuilleton

Schunkeln, bis das Christkind kommt

Und alle freuen sich: »Hoffmanns Erzählungen« an der Deutschen Oper Berlin

Von Maximilian Schäffer
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Butterbrezel 3,50? Da legst di nieder …

Alle Jahre wieder karrt sich zur Vorweihnachtszeit das Schunkelpublikum ins Opernhaus. Es sind die bitterkalten Tage und der Nikolaus steht bald wieder vor der Tür, zusammen mit seinem Krampus (in anderen Teilen des deutschen Sprachraums Bartl oder Knecht Ruprecht genannt) die lieben Kleinen zu verschrecken. Wer nicht mehr oder wieder an ihn glaubt, beschenkt sich zur Adventszeit gerne selbst. Doch von Pralinen wird man fett und von Mandarinen auch nicht gesund. Die Straßen sind glatt, die Nasen laufen und in den U-Bahn-Waggons schleicht die Grippewelle in verängstigte Köpfe der hoffentlich geimpften Senioren, Kinder, Diabetiker und Asthmatiker. Im Opernhaus ist es sicher. Dicke Parfumwolken vertreiben jeden Virus, Kultur macht nicht dick, Künstler sind bedürftig – denen kann man was geben, die sind zwar in der Regel auch arm, aber weniger lästig als die ungepflegten Obdachlosen – Glückseligkeit breitet sich aus. Ein gutes Gewissen.

Sehen möchte man in dieser besinnlichen Zeit nur, was zu Lebkuchen und Feuerzangenbowle mit einem Schuss Amaretto passt: »Hänsel und Gretel« von Engelbert Humperdinck, den »Nussknacker« von Pjotr Iljitsch Tschaikowski oder eben »Hoffmanns Erzählungen« (»Les Contes d’Hoffmann«) von Jakob »Jacques« Offenbach. Immer schön Märchen und schunkeln und heile Welt, solange bis das Christkind kommt. Für die Kulturbetriebe ein wahrer Segen. Wer sich einmal im Jahr so eine Veranstaltung leistet, der lässt gut Geld da. Die Karten sind nicht billig, die Butterbrezeln kosten so viel wie ein Berliner Döner (3,50 Euro), die Getränke auch. Aber einmal im Jahr, da geht das natürlich, und erst recht, wenn auf der Bühne so schön spätromantisch geduselt und gedudelt wird.

Klar, dass bei so viel Ereignis die freudige Erwartung ins Unermessliche steigt. Deswegen muss zwischen erster und vierter Vesper vor Christi Geburt bei jeder Opernaufführung auch besonders debil in allen nur kürzesten Musikpausen des Stücks hineingeklatscht werden. Man weiß nicht, ob die Künstler das freut. Einerseits kommt sonst halt das übersättigte Abonnenten- und Kritikerpublikum. Ein Haufen arroganter Dilettanten, der sich stundenlang nicht meldet und am Ende eventuell noch laut seinen Unmut über die angeblich mangelhaften Leistungen kundtut. Anderseits wird man auch nervös, wenn man vor dem Anfang jedes Gesangseinsatzes zittern muss, ob die Herde nicht wieder wie ferngesteuert reinfunkt.

Wenn nicht geklatscht wird, dann wird gelacht. Und zwar wegen jedem Scheißdreck. Besonders gut kommen Slapstick und andere Trotteleien an. Hauptsache irgendjemand rennt dem anderen in die Wampe und fällt um. Ein regelrechtes Grunz- und Grölkonzert folgt auf jeden planmäßigen Schauspielerunfall, auf jede überzogene Grimasse. Wenn nicht geklatscht oder gelacht wird, dann wird geredet. Onkel Hermann kann schließlich die Übertitel nicht mehr so gut lesen und das Operngekreische versteht eh kein Mensch. Erklärungsbedarf besteht ständig, gleichzeitig muss man sich permanent versichern, dass die letzte Grimasse auch wirklich lustig war. Wenn nicht geredet wird, wird gerotzt und gehustet, wenn nicht ausgeworfen wird, dann wird eingeworfen. Wein und Bier sind beliebt, das Opernhaus freut sich, die Leute freuen sich auch. In diesem Sinne: »Les Contes d’Hoffmann« an der Deutschen Oper zu Berlin ist eine neckische Inszenierung, mit tollem Bühnenbild, hübschen Kostümen und gefälliger Musik. Süßer die Glocken nie klingen!

Nächste Aufführungen: Morgen, 15. Dezember, 5., 9. und 12. Januar


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