Aus: Ausgabe vom 07.12.2018, Seite 10 / Feuilleton

Das Gegenteil von richtig

»Der Sound der Macht«: Astrid Séville enttarnt neoliberales und neurechtes Arschgerede und landet doch bei der Politikberatung

Von Jürgen Roth
Angela_Merkel_59621697.jpg
»Merkel ist ihre eigene Dialogbehörde, die eine Sprache perfektioniert hat, in der am Ende eines Satzes niemand mehr weiß, ob überhaupt eine inhaltliche Position artikuliert wurde.«

Was ist das? Der reine Hohn? Ein neuer Höhepunkt der Speichelleckerei? Die offene Manifestation von Irrsinn?

Lesbar ist die Süddeutsche Zeitung schon länger nicht mehr. Aber was am 21. November nach der Haushaltsdebatte im Bundestag den Weg auf ihre Website fand, musste man sich und muss man sich immer wieder zu Gemüte führen, gar zu grauenhaft seimte und schleimte es da: »Der Abschiedsschmerz wird noch groß sein. Jedenfalls dann, wenn die Kanzlerin in diesem Stil weitermacht. An diesem Mittwoch sah man im Bundestag eine gelöste, emotional aufgeladene und zugleich nüchtern argumentierende Angela Merkel. Die rechte Hand zur Faust geballt, begründete Merkel ihre politischen Überzeugungen zur Digitalisierung und zum Multilateralismus so zwingend, wie Mathematiker eine komplizierte Gleichung mit zehn Unbekannten lösen.« Und am Schluss schwallte die »tränenwarme Abschiedseloge« (Stefan Gärtner über einen analogen Artikel in der FAZ) vollends verrückt: »Inzwischen sieht es so aus, als habe sie sich erst die persönliche Freiheit schaffen müssen, um sich um die Freiheit der anderen kümmern zu können. Je mehr sie das in souveräner Manier und mit der kühlen Argumentation einer Naturwissenschaftlerin tut, desto mehr wird man sie vermissen.«

Also, bei Lichte betrachtet »ist das doch das Gegenteil von richtig« (Merkel, 21. November), genauso wie die Behauptung, das Türkei-Abkommen habe »zu einer geregelten Frage der Migration geführt«, während irgendwelche auf Geheiß des Großkapitals zusammenkloppten Pakte durchaus, da wäre der Kanzlerin fast recht zu geben, bewirken könnten, »dass sich die Bedingungen für Flucht verbessern« – statt der Ausplünderung jener Weltgegenden, in denen die Menschen konsequenterweise wie Dreck behandelt werden, ein Ende zu bereiten.

Dankenswerterweise unterstreicht die Politikwissenschaftlerin Astrid Séville in ihrem Buch »Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft«, es sei »ein Trugschluss, dass ihre Problemlösungen physikalische Meisterleistungen sind, wie der oftmals bemühte Vergleich zwischen ihrem vorherigen Wissenschaftlerdasein und ihrer Politikkarriere nahelegen könnte«. Denn es verhält sich haargenau so: »Merkel ist ihre eigene Dialogbehörde, die eine Sprache perfektioniert hat, in der am Ende eines Satzes niemand mehr weiß, ob überhaupt eine – und wenn ja: welche – inhaltliche Position artikuliert wurde.«

In Ruinen

Das allerdings, so richtig es ist, lässt sich nur sagen, wenn man nicht bezweifelt, dass es sich etwa bei folgenden Sentenzen (die allesamt als O-Töne auf meinem Computer herumliegen) überhaupt um Sätze handelt. Statt dessen böte füglich sich an, von höchstens formal satzähnlichen Ruinen zu sprechen: »Ich find’ nur, dass, wenn ich, darf auch nicht aus meinem, ähm, Denken hier, ähm, einfach etwas verschweigen.« – »Da müssen die dafür notwendigen Voraussetzungen ergriffen werden.« – »Die Verbreitung von nuklearen Quellen wird sich weltweit sehr stark verbreitern.« – »Ich bin für Mitsprache, ich bin aber vor allen Dingen dafür, dass wir vielleicht unsere Planungs- und Entscheidungszweit-, -zeiträume, gerade von Großprojekten, etwas beschleunigen, und ich bin vor allen Dingen auch dafür, dass Kostenanschläge in Zukunft auch etwas präziser sind.« – »Wir ham Freiräume für Unternehmen gestärkt.« – »Es geht nicht um schnelles Strohfeuer, sondern es geht auf na-, um nachhaltigen Erfolg.« – »Lassen Sie sich uns gemeinsam auf eine Prioritätenliste einigen.«

Okay, ich breche hier ab. Astrid Séville ist es ja auch nicht um Merkels »vielverlachte Redekunst« (Gärtner) zu tun, sondern um die Genese der politischen Lexik und der wie naturwüchsig erscheinenden Argumentationsmuster der neoliberalen Konterrevolution, um die postpolitische »technokratische Aushöhlung der parlamentarischen Demokratie«, die in der anmaßend pädagogisch instrumentierten »Glorifizierung der ›schwarzen Null‹« und im bei jeder Gelegenheit hervorgekramten »Mantra der Alternativlosigkeit« ihre sprachlichen Leitbilder gefunden hat.

Dass Séville akribisch die »toxischen Phrasen« und Diskursstrategien der neuen Rechten, die so neu nicht und längst in weiten Teilen der sogenannten Mitte angesiedelt ist, seziert und als unvermeidliche Reaktion auf die jahraus, jahrein heruntergeleierten, »hässlichen und verquasten« »Narrative und Floskeln« der Big-Money-Kasper der Exekutive interpretiert, als umsemantisierendes »Framing« (so heißt das heute), als Kaperung einst linker Herrschafts­kritik (man bedenke die Verwendungs­geschichte des Wortes »Establishment«), ist so schlüssig wie ihre Polemik gegen »liberalen Selbstgefälligkeitstalk«, den sie auch als liberaltotalitäres Arschgerede (von wegen Flexibilität und Selbsteffizienz und so fort) hätte bezeichnen können. Die akademischen Usancen verbieten das selbstverständlich, doch nicht umsonst zitiert sie Hannah Arendt, die all das vorausgesehen hat.

Wo es das hetzerische, neorassistisch-ethnifizierende Gefasel vom angeblich vorgängigen »Volkswillen«, der die Interessen der »Unterprivilegierten« artikuliere, als zum elitengebundenen Technokratismus und zur Expertokratie homologe autoritäre Lüge zu titulieren gilt, bedarf es ebensosehr der Rekonstruktion der Infiltration des öffentlichen Denkens durch die holistisch-ökonomische Metaphorik der »Sachzwänge« und des »Marktwillens«, durch jene pestilenzialische, ausdrucksverzehrende Weltansichtsmodellierung, die Joseph Vogl (»Das Gespenst des Kapitals«) unter dem Rubrum »Ideologie der Ideologielosigkeit« fasst.

Séville leistet das mustergültig, indem sie die remythisierende, apodiktische, zutiefst paternalistisch-zuchtmeisterliche, pseudomoralisch gepimpte Erzählung von der marktförmigen und marktkonformen, verwertbarkeits­fetischistischen Zurichtung des Lebens anhand des Verlautbarungsbreis der bekanntesten Handlungsreisenden des Monopols, Margaret Thatcher und Angela Merkel (und, beinahe hätte ich ihn vergessen, Wolfgang Schäuble, den Premiumdemokraten), skizziert. Allerdings wäre Séville nicht Politikwissenschaftlerin, landete sie nach all ihren kohärenten Befunden am Ende nicht wieder wo? Bei der Politikberatung.

Wenn Wünschen hilft

Was wünscht sie sich, was schwebt ihr vor? Angesichts der »liebgewonnenen Illusion liberaldemokratischer Einhelligkeit«? Angesichts der »Politikverdrossenheit«? Angesichts des allgegenwärtigen Lärmens und Quallens, des »Verfalls der politischen Sprache«, der »verarmten Debattenkultur«?

Kaum hätte man es gedacht: Eine »neue Streitkultur« sehnt sie herbei, »einen neuen Sound der Macht«, einen »offenen, pluralismuskompatiblen Diskurs, in dem ab und zu der Status quo hinterfragt werden muss, damit extreme Kräfte demobilisiert werden«.

Man darf natürlich glauben, dass das Wünschen hilft. Kollege Gärtner hat, vermute ich, für dergleichen wenig übrig. In seinem Essay »Merkel – Eine Bilanz« in der aktuellen Titanic schreibt er: »Wer immer anfangs mit der Phrase ›Physikerin der Macht‹ hausieren ging – und es waren freilich praktisch alle –, der akzeptierte das quasi Naturgesetzliche einer Ordnung, der prinzipiell nicht beizukommen, nach der allerdings zu spielen ist. […] Was aber nun herrschte, war das in letzter begrifflicher Konsequenz Gegebene, nämlich das, was der (kapitalistische) Fall ist.«

Und was der Fall ist, ist lediglich der Fall. Es ist nicht die Welt. Es kann fallen. Na, das ist doch mal sauber formuliert, nicht wahr?

Astrid Séville: Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft. C. H. Beck, München 2018, 192 Seiten, 14,95 Euro


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton