Aus: Ausgabe vom 22.11.2018, Seite 7 / Ausland

Mord an Mapuche

Polizeigewalt im Süden Chiles: Tod eines Indígena rüttelt Bevölkerung auf. Widerstand gegen Landraub und Vertreibung

Von Sophia Boddenberg, Buenos Aires
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Protest gegen den Mord an Camilo Catrillanca am Montag in Santiago de Chile

Der Tod des Mapuche Camilo Catrillanca durch Kugeln der chilenischen Polizei in der vergangenen Woche hat das Land aufgerüttelt. Der 24jährige war ein Weichafe, wie »Kämpfer« in der Sprache der Mapuche, Mapudungun, heißt. Er beteiligte sich aktiv am Widerstand des größten indigenen Volkes Chiles gegen Landraub und Umweltzerstörung. Die Mapuche fordern die Rückgabe der Ländereien, die ihnen vom chilenische Staat einst entrissen wurden.

Catrillanca, Enkel eines Lonko (Anführer), lebte in Temucuicui de Ercilla, etwa 600 Kilometer von Chiles Hauptstadt Santiago entfernt. Die Gemeinde ist für ihren Widerstand gegen Großgrundbesitzer und Forstunternehmen bekannt .

Catrillanca hatte sich bereits als Schüler in Organisationen der Mapuche engagiert. Am Nachmittag des 14. November fuhr er mit einem Traktor von der Feldarbeit nach Hause, als eine Spezialeinheit der chilenischen Polizei, das »Comando Jungla« (Dschungelkommando) mit 200 Einsatzkräften, Kriegswaffen und einem Hubschrauber in die Gemeinde einfiel. »Sie haben erst fünfmal in die Luft geschossen, dann auf den Traktor und auf uns«, sagte ein 15jähriger, der mit Catrillanca in dem Fahrzeug gesessen hatte. Eine der Kugeln traf Catrillanca von hinten in den Kopf. Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Das »Comando Jungla« ist eine Spezialeinheit der chilenischen Polizei, die 2018 von der Regierung des rechtskonservativen Präsidenten Sebastián Piñera gebildet wurde. Die Einsatzkräfte wurden in Kolumbien militärisch ausgebildet, um – wie es offiziell heißt – im Süden Chiles den »Terrorismus« zu bekämpfen. Die Beamten gehen aber hauptsächlich gewaltsam gegen Mapuche vor, die sich gegen Großgrundbesitzer und Forstunternehmen wehren. Immer wieder gibt es Fälle von Polizeigewalt gegenüber Aktivisten, Kindern und Jugendlichen in den Gemeinden der Mapuche.

Der 15jährige Begleiter Catrillancas wurde von der Polizei festgenommen und auf dem Weg zur Polizeiwache verprügelt. Er sagte später aus, dass einer der Polizisten, der Unteroffizier Raúl Ávila Morales, die Speicherkarte aus der Go-Pro-Kamera, die zur Grundausrüstung des »Comando Jungla« gehört, entfernte. Er wollte offenbar Beweise vernichten, denn aus seiner Waffe war der Aussage des Jugendlichen zufolge der Schuss gekommen, der Catrillanca tötete.

Das Nationale Institut für Menschenrechte in Chile stellte Strafantrag. »Der Junge hat den Tod seines Freundes mitangesehen. Dann wurde er in einem Fahrzeug der Polizei verprügelt. Er befand sich unter der Obhut des Staates. Das ist ein schwerwiegendes Trauma«, sagte Consuelo Contreras, die Direktorin des Instituts. Vier Polizisten wurden bereits aufgrund von Falschaussagen und Zerstörung von Beweismaterial ihres Amtes enthoben. Außerdem traten der Sicherheitschef der Araucanía-Region, Mauro Victtoriano, und der Oberst der Spezialeinheit, Iván Contreras, zurück.

Nur wenige Stunden nach Catrillancas Tod hatte der Verwalter der Araucanía-Region, Luis Mayol, erklärt, dass der 24jährige in einen Autodiebstahl verwickelt gewesen sei und die Polizei ihn deshalb verfolgt habe. Diese Aussage stellte sich als falsch heraus. Catrillanca hatte nichts mit einem Diebstahl zu tun und keinerlei Vorstrafen. In Chile wird außerdem gefragt, warum wegen eines Autodiebstahls eine Spezialeinheit zur Terrorbekämpfung mit Hubschrauber und 200 Polizisten eingesetzt wurde. Mayol trat am Dienstag zurück.

Der Tod von Catrillanca hat Mapuche und Chilenen erschüttert, Protestmärsche und Solidaritätsveranstaltungen in verschiedenen Städten und vor chilenischen Botschaften in anderen Ländern lösen sich ab. Tausende Menschen nahmen am Samstag an der Beerdigung Catrillancas teil.


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