Aus: Ausgabe vom 22.11.2018, Seite 1 / Titel

Samos schlägt Alarm

Explosive Situation auf griechischer Insel. 6.000 Flüchtlinge in Lager für 650 Personen zusammengepfercht

Von Hansgeorg Hermann
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Weggesperrt hinter Zäunen und Stacheldraht: Flüchtlinge auf der Insel Samos

Die griechische Insel Samos in der nordöstlichen Ägäis erstickt an der EU-Flüchtlingspolitik. Die Lage sei »unerträglich«, sagte Michalis Angelopoulos, Bürgermeister des Hauptortes Vathi, am Mittwoch im Gespräch mit junge Welt. »Es geht einfach nicht mehr!« In dem einzigen Lager auf der nur zwei Kilometer von der türkischen Küste entfernten Insel, das ursprünglich für nicht mehr als 600 Menschen eingerichtet worden war, werden zur Zeit mehr als 6.000 aus Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien, Algerien, Libyen und dem Sudan geflüchtete oder vertriebene Menschen festgehalten. Samos selbst hat nur 36.000 Einwohner.

Der sogenannte Hot Spot, der mit doppelten Metallzäunen und messerscharfem »NATO-Draht« abgeriegelt ist, steht offiziell unter der Verwaltung des griechischen Verteidigungs- und des Einwanderungsministeriums. Das Lager auf einem früheren Schießplatz des Militärs beherbergt aktuell vor allem junge Männer aus den genannten Ländern, aber auch zahlreiche Familien mit Kleinkindern. Das Hospital in Vathi ist nach Angaben des Bürgermeisters völlig überfordert, weil nicht nur die einheimischen Kranken, sondern auch Hunderte abgezehrte und verzweifelte Flüchtlinge zu versorgen seien. Unter den Ankömmlingen befänden sich schwangere Frauen, die ihr Kind unter schlimmen Umständen zur Welt bringen müssten.

Weil das Lager mit seinen fest installierten Containerpavillons viel zu klein ist, hausen die meisten der aus Krisen- und Kriegsgebieten vertriebenen Familien seit Monaten in rund 600 Zelten, die in den benachbarten Feldern aufgestellt wurden. Nikos Aggelis, der früher als Büroleiter des Bürgermeisters für die »Migrationsfrage« zuständig war, weist darauf hin, dass am Rande der Hauptstadt längst mehr Menschen festsitzen, als in Vathi selbst wohnen. »Das bringt uns auch wirtschaftliche Probleme«, so Aggelis. »Samos lebt vom Tourismus. Seit zwei Jahren legen bei uns keine Kreuzfahrtschiffe mehr an. Wir sind aber keine reichen Leute, sondern kommen aus der Arbeiterklasse.«

Die Winter auf Samos sind hart, das anatolische Festlandklima wird der Insel in den kommenden Monaten Regen, Kälte und Schnee bringen. Katherina Roussou aus Karlovassi im Westen der Insel, die mit 20 anderen Frauen die Hilfsorganisation »Solidarität« gegründet hat, klagt über »untragbare Zustände, vor allem für die schon von Bombenterror und blutigen Kämpfen traumatisierten Kinder« aus Syrien und Afghanistan. »Diese bittere Situation kennen wir Griechen aus unserer Geschichte selbst«, sagt Roussou. »Die Bürokraten in Brüssel kennen sie nicht. Dort wurde entschieden, dass wir Griechen wieder arm zu sein haben und diese Armut mit den Familien aus Syrien auch noch teilen sollen.«

Die Lage sei »explosiv«, erklärte der Präfekt der Region Nördliche Ägäis, Nikos Katrakasos, vor zwei Tagen in einem Brief an Migrationsminister Dimitris Vitsas. Er verlangte die Umsetzung eines Versprechens, das die Regierung von Premierminister Alexis Tsipras zwar gegeben, aber nie eingehalten habe: Die Verzweifelten aus den Lagern auf das Festland zu holen und dort menschenwürdig zu versorgen. Das fordert auch Bürgermeister Angelopoulos: »Das Lager muss weg, es ist menschenunwürdig und kann weder unserer Stadt noch den Flüchtlingen länger zugemutet werden.«


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