Aus: Ausgabe vom 16.11.2018, Seite 15 / Feminismus

Kollektive Reaktion

Über 300 Aktivistinnen planten am Wochenende in Göttingen nächsten bundesweiten Frauenstreik

Von Edna Bonhomme
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Zuletzt wurde am diesjährigen Internationalen Frauentag in Spanien gestreikt (Madrid, 8.3.2018)

Mehr als 300 Aktivistinnen haben sich am Wochenende in Göttingen getroffen, um einen bundesweiten Frauenstreik am 8. März 2019 zu organisieren – verbunden mit dem Internationalen Frauenstreik, zu dem seit mehreren Jahren weltweit mobilisiert wird, um gegen Sexismus und Benachteiligung in der Arbeitswelt zu protestieren. Aktivistinnen aus Deutschland trafen in diesem Rahmen auf die Organisatorinnen des Frauenstreiks aus dem Spanischen Staat, wo in diesem Jahr am 8. März Millionen die Erwerbs- und Sorgearbeit niedergelegt hatten, auf Frauen aus der kurdischen Befreiungsbewegung sowie selbstorganisierte Sexarbeiterinnen aus Thailand und linke Gewerkschafterinnen. Die Teilnehmerinnen des Eröffnungspodiums skizzierten, wie die Arbeit von Frauen – ob bezahlt oder nicht – den überwiegenden Teil der Fürsorge und Pflege im Haushalt oder in der Gemeinschaft ausmacht. Die jüdische US-amerikanische Feministin Selma James sprach über Erfahrungen der Frauenstreiks von Island bis Kenia. James und andere Aktivistinnen bezogen sich dabei zustimmend auf Karl Marx und seine Analyse der sozialen Reproduktion als Notwendigkeit für die Gesamtheit der kapitalistischen Produktionsweise. Sie zeigten somit auf, dass die Produktion aller Waren und Dienstleistungen im öffentlichen Bereich sowie deren Zirkulation von der Reproduktion in der »privaten« Sphäre abhängt.

Junge Marxistinnen beziehen sich bei der Organisation dieses Frauenstreiks auf historische Einsichten: In den 1960er Jahren bestand ein enger Zusammenhang zwischen dem Kampf für den Sozialismus und dem Kampf gegen die spezifische Unterdrückung der Frauen in der bundesdeutschen Frauenbewegung. Dieser praktisch-politische Ansatz führte zu wichtigen theoretischen Arbeiten, in denen die Wurzeln der spezifischen Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen im Kapitalismus mit Werkzeugen des Marxismus feministisch analysiert wurden.

Frauen sind nämlich auch oft mit nicht anerkannten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt konfrontiert. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Welle feministischer Mobilisierungen in den vergangenen anderthalb Jahren und der »#MeToo«-Kampagne. Von Indien bis Chile haben sich Frauen gegen sexualisierte Gewalt und Belästigung organisiert zur Wehr gesetzt. Sei es am Arbeitsplatz, zu Hause oder auf der Straße. Viele Teilnehmerinnen des Göttinger Vernetzungstreffens betonten, dass die Gewalt gegen Frauen eine kollektive Reaktion erfordert, bei der es um die Befreiung aller geht. So könne der Frauenstreik eine wirksame Antwort auf die Isolation sein, die sexuelle Übergriffe erzeugt.

Da in ganz Deutschland und Europa Migration zu einem zentralen Thema geworden ist und Menschen hier vor Kriegen Zuflucht suchen, sprachen während der Streikkonferenz auch Frauen aus Afghanistan, Syrien, aus Côte d’Ivoíre und aus dem Iran über die besondere Ausgrenzung asylsuchender und zugewanderter Frauen in Deutschland – sowie über den Bedarf an sozialen Reformen. Die dezentrale und selbstbestimmte Unterbringung in Wohnungen war ein wichtiges Thema; auch eine kostenlose Kinderbetreuung während der Deutschkurse wurde gefordert. Diese Perspektiven von Menschen zu hören, die von der Einwanderungspolitik der Europäischen Union direkt betroffen sind, war insofern nützlich, als sie dazu beigetragen hat, die Diskussion in den Workshops so zu gestalten, dass nicht nur deutsche, aufenthaltsgesicherte Frauen im Zentrum standen.

Ein konkretes Ergebnis der Konferenz war die Verabschiedung eines gemeinsamen Aufrufs zum Streik am 8. März 2019. Das Treffen in Göttingen zeigt, dass Politik ein dynamischer Prozess ist, in dem Menschen zusammenfinden können, um die Geschichte sozialer Bewegungen kennenzulernen, sich aktiv einzubringen, zu debattieren und Unmögliches zu fordern, um die Stimme der Unterdrückten zu verstärken und einen kollektiven Ort des Widerstands zu schaffen.


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