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Aus: Ausgabe vom 14.11.2018, Seite 10 / Feuilleton
Droste

Wahre Tierrechte (35)

Von Wiglaf Droste

Von Wiglaf Droste

»Der wird seine Maske irgendwann bei ›Bares für Rares‹ verscherbeln«, dachte Jochen, wandte sich von Doktor One-Two-Sri ab und dem dritten der vier zu. Er musste mehrfach hinkucken, bis er glaubte, was er sah. Vor ihm stand Pinky, aufrecht auf zwei Beinen wie ein Mensch, und auch seinen Anzug hatte er offenbar beim selben Klamottier eingesackt wie der Provokateur auf Probe, der Jochen einen »Bauerntölpel« genannt hatte. Auch dessen verächtlichen Gesichtsausdruck beherrschte Pinky schon. »Ich lasse mich gerne schlachten und verkaufen, wenn es der Marktwirtschaft dient. Aber geschlachtet werden die anderen; ich bin nämlich ein gutes Schwein, das weiß, was sich gehört – und vor allem, wem es gehört. Das ist mein kleiner bescheidener Beitrag zur Freiheit und für die Demokratie. Ohne Grunzordnung geht es nun mal nicht!« Er lachte leblos über den Witzversuch. »Und dich« – er ließ seinen gehässigen Blick auf Melissa liegen – »sollte man ohne Prozess ins Steakzuchthaus stecken! Oder dir gleich das Fell über die Ohren ziehen.«

»Armes Schwein«, dachte Melissa. »Aber auch arme Schweine sind Schweine.« Wieder hatte sie, wenn auch nur in Gedanken, einen Dichter zitiert. Für alle hörbar zog sie noch einen anderen Klassiker aus dem Fell. »›Leck mich im Arsch!‹ hat Goethe gesagt. Jawohl, Pinky, im, nicht am.« Dann haute sie einen mordsmäßigen Fladen heraus, der ordentlich spritzte und dem Geruch im Raum eine zutiefst ländliche Note gab.

Fortsetzung folgt

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