Aus: Ausgabe vom 14.11.2018, Seite 5 / Inland

Wer’s hat, hat’s gut

»Schuldneratlas«: 4,13 Millionen Menschen in dauerhafter »Überschuldungsspirale«. Generationen über 70 und unter 30 besonders betroffen

Von Ralf Wurzbacher
Schuldner_Beratungsg_53900971.jpg
Wohnen in deutschen Großstädten ist ebenso ein Risikofaktor. Das fällt meist nicht auf, weil Mieten selbst bei knappen finanziellen Ressourcen zuerst beglichen werden

Trotz Hochkonjunktur und vermeintlicher Niedrigerwerbslosigkeit liegt der Anteil der verschuldeten Haushalte in Deutschland weiter auf Rekordniveau. Nach den Befunden des am Dienstag veröffentlichten »Schuldneratlas Deutschland« steckt bundesweit mehr als jeder zehnte Erwachsene in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. Im Jahr 2017 wiesen insgesamt 6,93 Millionen Personen über 18 Jahre »nachhaltige Zahlungsstörungen« auf, heißt es in der von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform vorgelegten Studie. Damit sei die Zahl der Betroffenen seit 2014 zum fünften Mal in Folge gestiegen. Und so dürfte es weitergehen: Angesichts sich verschlechternder Wirtschaftsdaten könne »nicht nur für die nächsten Monate« von einer weiteren Zunahme der Fälle ausgegangen werden.

Verglichen mit 2016 hat die Zahl der überschuldeten Bürger um 19.000 zugelegt. Wegen der durch Zuwanderung gewachsenen Bevölkerung ist die Quote mit 10,04 Prozent gleichgeblieben. Eine leichte Entspannung offenbart die Statistik beim Verhältnis zwischen schweren und leichten Notlagen. Erstmals seit 2006 beruhe der absolute Anstieg »ausschließlich auf einer Zunahme der Fälle mit geringer Überschuldungsintensität« um rund 106.000 oder 3,9 Prozent. Dagegen wurden 87.000 oder 2,1 Prozent weniger Vorgänge gezählt, mit denen die Justiz befasst ist. Allerdings verblieben »weiterhin rund 4,13 Millionen Menschen in einer dauerhaften Überschuldungsspirale«. Seit 2006 entspricht das einer Zunahme um 735.000 Fälle. Dazu kommen 106.000 gefährdete Verbraucher, die sich auf dem Weg von einer »weichen« in eine »harte Überschuldung« befänden.

Laut Definition von Creditreform liegt eine Überschuldung dann vor, wenn ein Schuldner seine fälligen Zahlungsverpflichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum nicht begleichen kann. Dabei bilde ein fester Arbeitsplatz die »wichtigste Grundlage, um das Überschuldungsrisiko bei den meisten Verbrauchern gering zu halten«, heißt es im »Schuldneratlas«. Daraus geht ferner hervor, dass Wohnen in deutschen Großstädten zu einem erheblichen Risikofaktor geworden ist. Dies falle oft deshalb nicht auf, weil Mieten selbst bei knappen finanziellen Ressourcen zuerst beglichen werden. Die eigene Wohnung zu verlieren sei schließlich bedrohlicher als die Folgen davon, wenn andere Rechnungen nicht beglichen werden.

»Deutlich an Bedeutung« zugenommen hat laut Studienautoren die sogenannte Altersüberschuldung. Die Zahl der von Finanznöten geplagten über 70jährigen ist 2017 um 69.000 auf insgesamt rund 263.000 gestiegen, was im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 35 Prozent bedeutet. Zwar ist das Risiko, in die Schuldenfalle zu tappen, in hohem Alter mit einer Quote von etwa zwei Prozent noch vergleichsweise gering. Bei anhaltendem Trend hin zu zerstückelten Erwerbsbiographien und schlecht bezahlter, prekärer Beschäftigung ohne soziale Absicherung könnte künftig der Lebensabend von immer mehr Menschen im Zeichen von Altersarmut und Schuldenkrise stehen.

Sehr anfällig, über ihre Verhältnisse zu leben, bleibt die Generation der unter 30jährigen. Von ihnen waren im Vorjahr knapp 13,5 Prozent oder 1,58 Millionen betroffen, jedoch bei leicht fallender Tendenz. Mit über 18 Prozent am häufigsten hat die Altersriege der 30 bis 39jährigen mit Zahlungsschwierigkeiten zu tun.

Das Phänomen der Überschuldung trifft man in Ostdeutschland häufiger an als im Westen. Die Quote liegt hier mit 10,40 Prozent zum siebten Mal in Folge über dem Vergleichswert (9,98 Prozent). Im Osten deuten die Werte indes auf eine leichte Entspannung hin, während sich die Situation im Westen tendenziell verschlechtert. Mit einer Quote von 12,73 belegt Sachsen-Anhalt vor Bremen (13,94 Prozent) den vorletzten Platz im Ranking der Bundesländer. Dagegen gehören Thüringen, Sachsen und Brandenburg hinter Bayern und Baden-Württemberg zu den Top five der Länder mit den geringsten Verschuldungsraten, Mecklenburg-Vorpommern liegt im Mittelfeld. Unter den Kommunen nimmt der Landkreis Eichstätt in Bayern mit einer Quote von 3,85 Prozent den ersten Rang ein. Gemeinden im Freistaat belegen 19 der ersten 20 Plätze, Rang 16 geht an Jena. Schlusslicht ist Bremerhaven, hier gilt mehr als jeder fünfte als »nachhaltig zahlungsgestört«.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Inland
  • 18. Abschiebeflug nach Afghanistan. In Hauptstadt und vielen Gebieten kämpfen Militär und Polizei gegen Taliban
  • NRW-Innenminister versucht Öffentlichkeit zu täuschen. Weitere Proteste gegen Polizeigesetze in Münster und Köln
    Markus Bernhardt
  • AfD-Fraktionsspitze gibt Schatzmeister Schuld an Spendenaffäre. Unbekannter Hintermann zahlte
    Marc Bebenroth
  • Mehr als jeder vierte muss auf gesetzliche Pause verzichten. Vor allem junge Beschäftigte betroffen
    Bernd Müller