Aus: Ausgabe vom 14.11.2018, Seite 1 / Titel

Eskalation in Nahost

Kriegsgefahr in Palästina: Israel greift Gaza an. Rund 150 Ziele in dem abgeriegelten Küstenstreifen beschossen

Von Wiebke Diehl
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Zerstörter Fernsehsender: Ruine des Gebäudes von Al-Aksa TV in Gaza-Stadt (13.11.2018)

Auch am Dienstag hat Israel unvermindert den Gazastreifen angegriffen. Tel Aviv schickte weitere Truppen in Richtung des abgeriegelten Küstengebiets. Sowohl dort als auch in israelischen Grenzstädten blieben Schulen und Behörden geschlossen. Bereits am Montag waren bei der schwersten Eskalation seit dem Gaza-Krieg 2014 mindestens sechs Palästinenser und ein Israeli getötet worden. Nach Angaben der israelischen Armee feuerten bewaffnete Gruppen aus Gaza bis Dienstag morgen rund 400 Raketen und Mörsergranaten ab, mehr als 100 der Geschosse habe das Abwehrsystem »Iron Dome« (Eisenkuppel) abgefangen.

Die israelische Armee beschoss ihrerseits rund 150 Ziele in Gaza. Dabei wurden neben dem der Hamas nahestehenden Fernsehsender Al-Aksa TV und Einrichtungen des Militärgeheimdienstes und der Sicherheitskräfte vor allem dichtbesiedelte Wohngebiete getroffen. Während die Bilder von zerstörten Familienhäusern um die Welt gingen, behauptete der israelische Armeesprecher Jonathan Conricus am Dienstag, man habe Waffenlager der Hamas und des Islamischen Dschihad beschossen.

Auslöser für die seit langem erwartete Eskalation war der missglückte Einsatz einer israelischen Spezialeinheit am Sonntag abend. Die Soldaten waren nach Angaben der Hamas mit einem zivilen Fahrzeug drei Kilometer weit in den südlichen Gazastreifen vorgedrungen, um den hochrangigen Hamas-Kommandeur Nur Baraka zu entführen. Sie seien aber nahe Khan Junis entdeckt worden. Bei einem Schusswechsel wurden sieben palästinensische Kämpfer, darunter Baraka, und ein israelischer Offizier getötet. Zeitgleich flog die israelische Armee Luftangriffe auf das Gebiet, um dem Einsatzkommando den Rückzug zu erleichtern.

Die aktuellen Auseinandersetzungen zeigen, dass die Hamas und andere bewaffnete Gruppen im Gazastreifen ihre militärischen Fähigkeiten deutlich ausgebaut haben. Dass eine von der Hamas abgefeuerte Rakete einen auf israelischem Gebiet befindlichen Bus traf und den Fahrer schwer verletzte, nur kurz nachdem zahlreiche israelische Soldaten diesen verlassen hatten, ist als deutliches Zeichen in Richtung Tel Aviv zu verstehen: Militärisch wäre man in der Lage gewesen, die Soldaten zu töten, statt dessen habe man aber gewartet, bis sie ausgestiegen waren.

Am Dienstag kam das israelische Sicherheitskabinett zusammen. Medienberichten zufolge habe die Regierung die in der vergangenen Woche begonnenen und unter Vermittlung Ägyptens, Katars und der UNO geführten Verhandlungen über eine Waffenruhe mit der Hamas abgebrochen.

UN-Generalsekretär António Guterres rief alle Seiten zu »äußerster Zurückhaltung« auf. Das Auswärtige Amt (AA) bezeichnete die Lage als »höchst alarmierend«, beschränkte sich aber im folgenden darauf, die Raketenangriffe der Hamas zu verurteilen. Israel habe das »Recht, seine Sicherheit zu verteidigen und auf Angriffe angemessen zu reagieren«. Ob für Berlin unter Verteidigung auch die Erschießung von mehr als 220 demonstrierenden Palästinensern am Grenzzaun zu Gaza seit März dieses Jahres zählen, blieb unklar. Genausowenig finden deren legitime Forderungen nach Aufhebung der Blockade und faktischen Besetzung des Gazastreifens, der laut den Vereinten Nationen spätestens 2020 nicht mehr bewohnbar sein wird, in der AA-Erklärung Erwähnung.


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