Aus: Ausgabe vom 09.11.2018, Seite 15 / Feminismus

Unvollständige Emanzipation

Seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland das mutmaßlich kleinere Übel wählen

Von Claudia Wangerin
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Clara Zetkin (links) und Rosa Luxemburg 1910 in Magdeburg

Im Zuge der Novemberrevolution haben Frauen ein Stück Unschuld verloren: Seit bald 100 Jahren sind deutsche Staatsbürgerinnen nun mitverantwortlich für die Wahlergebnisse in diesem Land. Am 12. November 1918 proklamierte der Rat der Volksbeauftragten im Aufruf »An das deutsche Volk« unter anderem das Frauenwahlrecht: »Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.«

Die Frauenrechtlerin Clara Zetkin, damals Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD), hatte unter anderem genau dieses Recht gefordert – allerdings ohne sich Illusionen darüber zu machen, was es bei gleichbleibenden wirtschaftlichen Macht- und Eigentumsverhältnissen bewirkt. Bereits im Juli 1889 hatte sie in einer Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongress in Paris erklärt: »Wir erwarten unsere volle Emanzipation weder von der Zulassung der Frau zu dem, was man freie Gewerbe nennt, und von einem dem männlichen gleichen Unterricht – obgleich die Forderung dieser beiden Rechte nur natürlich und gerecht ist – noch von der Gewährung politischer Rechte.« Schließlich könne sich die lohnabhängige Mehrheit auch nicht allein durch Wahlen von Ausbeutungsverhältnissen befreien. »Das Stimmrecht ohne ökonomische Freiheit ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wechsel, der keinen Kurs hat«, so Zetkin. »Wenn die soziale Emanzipation von den politischen Rechten abhinge, würde in den Ländern mit allgemeinem Stimmrecht keine soziale Frage existieren. Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeiter in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen.«

Am 30. November 1918 trat in Deutschland das Reichswahlgesetz mit dem allgemeinen aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen in Kraft. Am 19. Januar 1919 konnten sie zum ersten Mal reichsweit von diesem Recht Gebrauch machen, als allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlen zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung stattfanden. Von 300 Frauen, die kandidierten, wurden 37 gewählt. Insgesamt gab es 423 Abgeordnete. Die Wählerinnen hatten mehrheitlich für konservative Parteien gestimmt, während die meisten weiblichen Abgeordneten in der SPD und der USPD zu finden waren. Die damals 61jährige Clara Zetkin war bereits am 12. Januar 1919 als eine von 13 Frauen in die verfassunggebende Landesversammlung Württembergs gewählt worden.

Wie richtig sie mit ihrer 1889 vorgetragenen Analyse lag, zeigt der Fakt, dass eine weitere frauenpolitische Forderung, für die sie damals eintrat, auch heute noch nicht verwirklicht ist: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.


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