Aus: Ausgabe vom 09.11.2018, Seite 11 / Feuilleton

Fiktion? Real? Egal!

Das österreichische Filmfestival Viennale präsentiert Dokumentarfilme nicht mehr in einer eigenen Programmschiene

Von Sabine Fuchs
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Ein Filmstrip von M.I.A. im Film von Steve Loveridge

Die Unterscheidung zwischen Spielfilmen und Dokumentationen sei obsolet geworden, so die Macherinnen und Macher im Vorfeld der Viennale, die am Donnerstag zu Ende gegangen ist. Spiel- und Dokumentarfilme wurden erstmals gemeinsam unter dem Label »Feature« präsentiert.

Die Entscheidung ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Richtig ist zwar: Eine theoretische Definition des Dokumentarischen ist schwierig, und es gibt Filme, die sich nicht so eindeutig zuordnen lassen. Jean-Luc Godard beispielsweise spielt häufig mit den Grenzen der Genres, Essayfilmen ist per definitionem ein hohes Maß an Subjektivität eingeschrieben.

Das hätte Anlass geboten, die Grauzonen und Grenzbereiche zu thematisieren – etwa in einer eigenen Reihe oder in Diskussionsveranstaltungen. Die Einheitskategorie »Feature« hingegen erklärt nichts und ist auch politisch fragwürdig. Denn: Was genau wird hier für obsolet erklärt? Der Spielfilm sicher nicht – der ist etabliert und steht unter keinerlei Rechtfertigungszwang. Die eigenständigen Möglichkeiten und Leistungen dokumentarischer Zugänge hingegen werden unsichtbar gemacht.

So werden auch Rechercheleistungen entwertet. Es macht eben einen Unterschied, ob man über den historischen Mord an einem Gewerkschaftsführer einen Spielfilm dreht, oder ob man akribisch die Zusammenhänge zwischen dem Mord im Jahr 1917, den unangreifbaren kapitalistischen Strukturen in den USA und heutiger Umweltzerstörung nachzeichnet, wie es Travis Wilkerson in dem 2002 bei der Viennale gezeigten »An Injury to One« gemacht hat.

Die Vermeidung jeder Zuordnung auch im Programmheft zeigt an manchen Stellen fast absurde Züge. So hat Steve Loveridges Film über die Politaktivistin und HipHop-Ikone M. I. A. (Fotos) eine eigene Homepage: miadocumentary.com – im Programmheft der Viennale ist jeder Hinweis auf »Documentary« gestrichen. Damit übergehen die Verantwortlichen nicht nur die Filmemacherinnen und -macher, sie erheben sich auch über ihr Publikum – man selbst weiß zwar, um was für Filme es sich handelt, teilt es aber nicht mit.

Das Vorgehen der Viennale erinnert ein bisschen daran, wie konservative Männer begründen, Sprache nicht zu gendern: Die Frauen wären natürlich mitgemeint. Ja, der Dokumentarfilm ist unter dem Begriff Feature mitgemeint, aber ein Festival, das sich nicht mehr selbst zu einer Programmschiene »Dokumentarfilm« verpflichtet, macht diesen prekär und lässt zu, dass er grundsätzlich in Frage gestellt werden kann. Das gilt um so mehr in einer politischen Situation, in der neoliberaler Sparzwang und ideologischer Druck von rechts allen Kultureinrichtungen zusetzt.

Die neue Leitung der Viennale nimmt billigend in Kauf, dass die Existenz von etwas nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch Wichtigem einfach aus dem Blick gerät. Man kann nur hoffen, dass die erst im Januar zur künstlerischen Leiterin bestellte Eva Sangiorgi diese Entscheidung bis zum nächsten Jahr noch einmal überdenkt.


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