Aus: Ausgabe vom 09.11.2018, Seite 8 / Feuilleton

»Ziel war engste Vermischung von Volk und Kunst«

Agentin der Avantgarde: In Berlin eröffnet Ausstellung zur »Novembergruppe«. Ein Gespräch mit Janina Nentwig

Interview: Anselm Lenz
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Beanspruchten eine tragende Rolle in der Gesellschaft: Mitglieder der Novembergruppe (Berlin, 1928)

Die Künstlervereinigung »Novembergruppe« gründete sich im Zuge der deutschen Novemberrevolution 1918. Sie wurde 1935 von den Faschisten aufgelöst. Wie kommt es zum Titel »Freiheit« für eine Ausstellung zu den Werken dieser Vereinigung?

Wir hatten viele Ideen, wie man diese Ausstellung nennen könnte, denn die Novembergruppe steht ja für die absolute Offenheit aller Avantgardekunst. Ein alternativer Titel wäre »Agentin der Avantgarde« gewesen. Erklärtes Ziel der Novembergruppe war die engste Vermischung von Volk und Kunst. Sie wollte ein wirkliches Verständnis für die neuesten Entwicklungen schaffen. Wir haben den Freiheitsbegriff zum Titel genommen, weil in vielen Regimen die Freiheit der Kunst eingeschränkt wird oder Künstler sogar inhaftiert werden, wenn sie sich regimekritisch äußern.

Dennoch haftet dem Titel »Freiheit« im Jahr 2018 Beliebigkeit an, denn die Novembergruppe agierte erklärtermaßen »radikal und revolutionär«. Welche bekannten Künstler der Novembergruppe waren denn eigentlich keine Kommunisten?

In ihren ersten Jahren war die Novembergruppe für Künstler, die der KPD nahestanden, viel zu bürgerlich. George Grosz oder John Heartfield wollten der Gruppe aus diesem Grund zunächst nicht beitreten. Die Novembergruppe verstand sich als Vorreiter der politischen Revolution und beanspruchte dafür Freiheit, die sie auch einforderten. Ein Künstler wie Paul Klee schrieb: Eigentlich haben wir, die wir mit der Wiedergabe der Natur gebrochen haben, den Blick dafür ermöglicht, dass auch eine andere Welt möglich ist! Grosz und Heartfield kommen erst dazu, als sich für die Gruppe die ewige Suche nach dem Neuen totgelaufen hat. Diese politische Neuausrichtung fand aber erst zehn Jahre nach Gründung statt, im Jahr 1928.

Hatte nicht der Kommunist Herwarth Walden Dutzende Redakteure der Zeitschrift Der Sturm und Künstler aus der gleichnamigen Galerie von Beginn an in die Novembergruppe geholt?

Herwarth Walden hatte bereits vor 1914 die Avantgarde vertreten, den Expressionismus, den Kubismus und den Futurismus propagiert. Viele Künstler sind 1919 zur Novembergruppe gewechselt oder parallel beim »Sturm« geblieben. Herwarth Walden fand es gar nicht so toll, dass so viele Künstler abwanderten. Die Künstler selbst traten zunächst nur für die Freiheit der Kunst ein, sie waren aber nicht daran interessiert, das vielleicht in Gemeinschaft mit den Arbeitern zu tun. Sie beanspruchten eine tragende Rolle in der Gesellschaft. Das, was das Volk in ihren Augen brauchte, haben sie in ihren Ausstellungen präsentiert.

Nach dieser Lesart war die »engste Vermischung« mit den Leuten nur die Aufforderung, sich die Kunst als Kunst reinzupfeifen?

Wenn man das so zuspitzen will, ja. Aber ich denke, man muss auch den Versuch wertschätzen, denn der ist in der damaligen Zeit gar nicht selbstverständlich. Die Novembergruppe hat mit dem Ansatz von den neuen Strukturen in der ersten parlamentarischen Demokratie profitiert und diese Freiheit auch eingefordert. In den Zeitschriften der Novembergruppe fanden dann Rede- und Gegenrede statt, etwa in den Diskussionen der abstrakten Künstler mit den Künstlern der Neuen Sachlichkeit, denen sie vorwarfen, in eine gegenständliche Kunst zurückzufallen. Die antworteten, nein, seht doch, wir wollen eine Kunst, die aufstört, die berührt, darum müssen wir gegenständlich sein. Die Novembergruppe war auch ein Diskussionsforum.

Der Direktor der Berlinischen Galerie, wo Sie am 9. November die Ausstellung für das Publikum eröffnen, sagte beim Pressetermin, die Finanzierung der Ausstellung sei schwierig gewesen. Das verwundert bei einer staatlichen Galerie. Wieviel Zeit ging während Ihrer zweijährigen Vorbereitung fürs Klinkenputzen drauf?

Viel. Es wird turnusmäßig entschieden und man muss erst mal abwarten, bei welchen Förderern man ein Ja oder Nein bekommt, bevor man weitersuchen kann. Für uns Kunsthistoriker ist es eine lange Phase ohne Planungssicherheit. Meine eigene Forschung konnte glücklicherweise von der Gerda-Henkel-Stiftung finanziert werden.

Janina Nentwig ist Kuratorin der Ausstellung der Novembergruppe in der Berlinischen Galerie, Kunsthistorikerin und Forschungsstipendiatin der Gerda-Henkel-Stiftung

Freiheit – Die Kunst der Novembergruppe 1918 bis 1935: 9. November 2018 bis 11. März 2019, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin


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