Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 10 / Feuilleton

Techies gegen das Militär

Von Thomas Wagner
RTR3M9OA.jpg
Sie lassen einen Daumen da

In den US-amerikanischen High-Tech- und Internetkonzernen wenden sich immer mehr Beschäftigte gegen Kooperationen mit Sicherheitsbehörden und dem Militär. So wurde der Vorstandsvorsitzende von Microsoft, Satya Nadella, in einem Brief dazu aufgefordert, die Zusammenarbeit mit der Einwanderungspolizei ICE aufzukündigen. Das Unternehmen verdient viel Geld mit Gesichtserkennungssoftware und Cloud-Diensten, die es der Behörde zu Verfügung stellt.

Auch Amazons Chef Jeff Bezos wird derzeit dafür kritisiert, die in seinem Hause entwickelte Gesichtserkennungssoftware an Regierungsbehörden weiterzugeben. Man befürchtet, dass die Trump-Administration diese technischen Mittel zur Durchsetzung ihrer restriktiven Einwanderungspolitik verwendet. Ähnlich motiviert war ein offener Brief von 650 Mitarbeitern des Unternehmens Salesforce. Die Firma solle der Grenzschutzbehörde CBP nicht mehr ihre Cloud-Dienste anbieten.

Die Mitarbeiter der überwiegend an der Westküste der USA angesiedelten Computer- und Internetkonzerne sind überwiegend linksliberal eingestellt und stehen der Politik des gegenwärtigen US-Präsidenten äußerst ablehnend gegenüber. Aber wie ist es um die Wirkungschancen dieser Proteste bestellt? Die Neue Zürcher Zeitung (29.6.2018) kommt zu der folgenden Einschätzung: »Die protestierenden Mitarbeiter mögen in der Minderheit bei den besagten Firmen sein, die eine Belegschaft von jeweils Zehntausenden haben. Doch die Unternehmen müssen befürchten, dass die hausinternen Streitigkeiten so hässlich werden könnten wie unlängst bei Google: Im Protest darüber, dass Google mit dem Pentagon zusammenarbeitet, wurden interne E-Mails an Journalisten weitergereicht, einige Mitarbeiter kündigten, externe Wissenschaftler verstärkten den öffentlichen Druck, bis Google Anfang Juni nachgab.« Knapp 4.000 der 70.000 ­Google-Mitarbeiter hatten einen Brief an den Vorstandschef Sundar Pichai unterzeichnet, in dem verlangt wurde, dass der Konzern heute und in Zukunft auf die Entwicklung und den Bau von Kriegstechnologie verzichtet und die Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium beendet.

Während sich der politisch bewusste Teil der Beschäftigten dieser Unternehmen für eine rein zivile Nutzung von künstlicher Intelligenz ausspricht, arbeiten die Konzernbosse und Spitzenmanager eng mit dem Militär zusammen. Amazon-Chef Jeff Bezos und Eric Schmidt, der frühere Vorstandsvorsitzende von Google, sitzen im Innovationsbeirat des Pentagons. Das Verteidigungsministerium sucht den engen Austausch mit der Branche. »Um auch physisch näher an die Technologie­riesen zu rücken, hat das Pentagon 2015 eine Außenstelle im Silicon Valley eröffnet«, weiß die NZZ (4.6.2018), »gut drei Kilometer von Googles Hauptfirmensitz in Mountain View entfernt.«

Potentiell bergen die Proteste die Chance, zentrale Widersprüche der High-Tech-Ökonomie zu erkennen und entlang diesen Konflikten eine Widerstandsbewegung aufzubauen. Schließlich steht die Entwicklung immer präziserer und tödlicherer Waffensysteme dem Weltverbesserungsmantra des Silicon Valley entgegen. Da die Firmen auf staatliche Aufträge angewiesen sind, könnten sich die Konflikte zuspitzen und den Blick auf Verwertungsinteressen und auf die im Kapitalismus angelegten Widersprüche offenlegen. Ob die Chance auf eine solidarische Organisation gesehen und von der US-Linken genutzt wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton
  • 100 Jahre Novemberrevolution (2/10). Die demokratische Entschärfung
    Leo Schwarz
  • Ein Abend zwischen Rauchschwaden und Poesie: Am Hamburger Thalia-Theater wird Thomas Köcks Drama »Dritte Republik« uraufgeführt
    Erik Zielke
  • Kirill Serebrennikow zeigt in »Leto« das Leningrad der 80er als politisch leeren Ort
    Kai Köhler
  • Reportagen | Di., 20.15 Uhr, Arte
  • Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht
  • Thomas Klupp bereichert das Genre des soften Arschlochromans um eine bayerisch-kleinstädtische Variante
    Frank Willmann