Aus: Ausgabe vom 07.11.2018, Seite 10 / Feuilleton

Ihr Kajak war eine Vagina

»#Female Pleasure« ist ein Dokumentarfilm über fünf Frauen im Kampf gegen die Unterdrückung

Von Maxi Wunder
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Leben wir nicht alle in einem knallgelben Kanu?

Wer bei sich schon Abstumpfungsprozesse gegenüber Medienberichten über Vergewaltigungen in Indien feststellt, der lasse sich von diesem Dokumentarfilm kurieren: Barbara Miller, Filmemacherin aus der Schweiz, zeigt in »#Female Pleasure« die Schicksale fünf starker Frauen und filmt dabei u. a. eine indische Theatergruppe, die die unsäglichen Qualen der Opfer eines »Gangbangs« so drastisch zeigt, dass einem der Kaffee im Becher gefriert.

Die erste in der Reihe der Frauen aber ist Leyla Hussein, Britin mit somalischen Wurzeln. Sie kämpft gegen die vor allem in Afrika und trotz Verbots auch in Europa immer noch praktizierte Genitalverstümmelung, einen afrikanischen »Brauch«, dem die Aktivistin mit sieben Jahren selbst zum Opfer fiel. Eindrücklich schildert sie die Grausamkeit der meist mit primitivsten Mitteln an kleinen Mädchen vorgenommenen Klitoris- und Schamlippenentfernung, die Täterinnen sind fast immer enge Familienangehörige. Muslimische Frauen machen sich so zum Werkzeug eines männlichen Willens, der in der weiblichen Lust eine Gefahr sieht. Das Thema ist bekannt, die Wucht der Anfeindungen, denen sich Hussein aufgrund ihres Eintretens für das Recht auf körperliche Unversehrtheit ausgesetzt sieht, war mir neu: Sie reichen von offenen Diffamierungen als Verräterin und »Schande für den Islam« bis hin zu tätlichen Angriffen auf der Straße und Morddrohungen.

Deborah Feldman, gebürtige New Yorkerin aus einer ultraorthodoxen Familie im Stadtteil Williamsburg, schildert ihre Abkehr vom chassidischen Judentum, dessen Frauenfeindlichkeit sie schon in ihrem Bestseller »Unorthodox« beschrieb: keine sexuelle Aufklärung bis zur arrangierten Hochzeit, die Frau gilt als unrein während der Periode und wird nur nach einer rituellen Waschung (»Mikva«) sieben Tage nach der letzten Blutung und nur nach entsprechendem Beweisantritt beim Rabbi zum Geschlechtsverkehr mit dem Ehemann zugelassen ... Nach ihrem »Verrat« durch das Buch forderte ihre Gemeinde in Brooklyn Feldman auf, Selbstmord zu begehen, damit man endlich auf ihrem Grab tanzen könne. Die erfolgreiche Buchautorin zog es vor, mit ihrem inzwischen zwölfjährigen Sohn nach Berlin zu ziehen. Seither gilt sie in Williamsburg als Nazi.

Doris Wagner war Nonne in einem erzkatholischen gemischten Kloster und wurde dort einen Sommer lang von einem Pater vergewaltigt. Vor Angst gelähmt, konnte sie sich nicht wehren und trug keine körperlichen Verletzungen davon. Die psychische Entmündigung, der sich Novizinnen beim Eintritt in einen Orden aussetzen, und die daraus resultierende innere Abhängigkeit von der Gemeinschaft, tiefe Schamgefühle sowie das Verbot ihrer Vorgesetzten, den Täter anzuzeigen, erschwerten es der jungen Frau zusätzlich, den Bruder zur Rechenschaft zu ziehen. Schließlich schaffte sie den Ausstieg aus dem Kloster und schrieb »Nicht mehr ich«. Ihr Buch trug dazu bei, dass in heutigen Strafprozessen bei der Frage, ob der Geschlechtsverkehr erzwungen oder im gegenseitigen Einverständnis stattfand, psychische Abhängigkeiten und die vergewaltigungstypische Schockstarre stärker berücksichtigt werden.

Von der indischen Aktivistin Vithika Yadav lernen wir, dass es auf Hindi kein Wort für »Liebe« gibt, erstaunlich für das Land der Bollywoodfilme. Die traditionell hinduistisch aufgewachsene Yadav wurde als Teenager mehrfach sexuell missbraucht und hasste sich in der Folge dafür, ein Mädchen zu sein. Erst mit 20 lernte sie, ihren weiblichen Körper zu akzeptieren. Heute ist sie Mitbegründerin des preisgekrönten Sexualaufklärungsprojekts »Love matters«, eine Internetplattform, mit der sie allen Diffamierungen als Hure und allen Vergewaltigungs- und Morddrohungen zum Trotz die Diskussion über Sexualität, Liebe und Gleichberechtigung in der indischen Öffentlichkeit voranbringt. Denn ausgerechnet im Land des Kamasutra ist Sexualität ein Tabuthema und die Liebesheirat verpönt.

Die japanische Manga-Künstlerin Rokudenashiko wurde während einer Kajakfahrt verhaftet, weil ihr Kajak, das sie mithilfe eines 3-D-Druckers fertigte, einer Vagina nachempfunden war. Der Vorwurf lautete: »Erregung öffentlichen Ärgernisses«, sie musste in Untersuchungshaft. Doch wir sehen auch Szenen eines Festivals in Japan, in dessen Verlauf in öffentlichen Prozessionen gigantische Penisse durch die Straßen getragen und gesegnet werden und Minderjährige beiderlei Geschlechts an penisförmigen Eiscremes schlecken – japanischer Alltag, genau wie Internetporno-Werbung in der Metro. Der verherrlichte Penis und die für obszön erklärte Vagina – symbolischer als im buddhistischen Japan kann sich Patriarchat nicht outen. Internationale Proteste beendeten vorerst Rokudena­shikos U-Haft, aber es droht noch eine zweijährige Haftstrafe.

»#Female pleasure« prangert das Patriarchat als globale Religion an und konzentriert sich dabei auf atavistisch geprägte Gesellschaften. Was in dem Film leider zu kurz kommt: Der Kampf um den Respekt vor dem weiblichen Körper ist auch im säkularen Westen lange nicht gewonnen. Eine steigende Nachfrage »aufgeklärter« Frauen nach schmerzhaften Brustvergrößerungen, Schamlippenstraffungen, Fettabsaugungen, Oberlippenaufplusterungen und sogar Rippenentfernungen beweist das.

»#Female Pleasure«. Von Barbara Miller, D/CH 2018, 97 Minuten, Filmstart 8.11.


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  • Reinold Ophüls-Kashima: Etwas komplizierter Was Japan angeht, so ginge es etwas genauer. Die entsprechende Gesetzgebung in Bezug auf Obszönität und das Zeigen von Geschlechtsteilen unterscheidet nicht zwischen Vulva und Penis. Was die Tradition...

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