Aus: Ausgabe vom 05.11.2018, Seite 8 / Inland

»Das Leben auf der Straße macht Menschen kaputt«

Hamburger Obdachlosenzeitung Hinz & Kunzt wird 25 Jahre alt. Ein Gespräch mit Stephan Karrenbauer

Interview: Kristian Stemmler
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Der ehemals obdachlose Jörg Petersen ist einer von 530 Verkäufern (Hamburg, 1.2.2018)

Hinz & Kunzt feiert am Dienstag mit einem großen Fest in der Hamburger Markthalle sein 25jähriges Bestehen. 1993 initiierte der damalige Chef der Hamburger Diakonie, Stephan Reimers, die Gründung des Straßenmagazins nach dem Vorbild der Londoner Zeitung The Big Issue. Eine Erfolgsgeschichte?

Absolut. Wir sind nicht nur eines der ältesten Straßenmagazine, sondern mit einer Auflage von knapp 60.000 Exemplaren hierzulande das auflagenstärkste. In 25 Jahren haben rund 6.700 obdachlose Menschen Hinz & Kunzt verkauft, derzeit haben wir 530 Verkäufer. Sie kaufen es bei uns für 1,10 Euro pro Exem­plar und verkaufen es für 2,20 Euro. Ihr Verdienst ist also 1,10 Euro.

Aber es geht nicht allein ums Geld.

Wichtig ist auch der feste Verkaufsplatz, etwa vor einem Discounter oder auf einem Wochenmarkt. Das bedeutet, einen festen Kundenstamm zu haben. Die Leute kennen den Verkäufer oder die Verkäuferin dann schon. Obdachlose nehmen so wieder am gesellschaftlichen Leben teil, werden angesprochen, manche Passanten spendieren einen Kaffee. Und wenn er oder sie nicht an seinem Platz ist, machen sich die Leute Sorgen. Einem Wohnungslosen zu sagen: »Du wurdest vermisst« bedeutet auch, wahrgenommen zu werden.

Wie viele Leute arbeiten an Hinz & Kunzt?

Wir haben heute 38 angestellte Mitarbeiter. Über 50 Prozent waren obdachlos. Wir haben Arbeitsprojekte entwickelt wie »Spende dein Pfand!« am Hamburger Flughafen, wo wir dreieinhalb Stellen eingerichtet haben für ehemals obdachlose Menschen, die Pfandflaschen sortieren und sich darüber finanzieren. Bei einem Projekt namens »Brotretter« im Stadtteil Lohbrügge wird das Brot vom Vortag verkauft, dort sind drei ehemals Obdachlose halbtags beschäftigt.

Zuletzt sind in Hamburg vermehrt Osteuropäer, etwa Rumänen und Bulgarien, zugewandert, um Arbeit zu suchen, stranden aber hier. Wie hat sich die Obdachlosigkeit entwickelt?

Es ist jedenfalls nicht weniger dramatisch als in den Vorjahren. In Hamburg gibt es nach wie vor mindestens 2.000 obdachlose Menschen. Wir haben zwar ein großes städtisches Winternotprogramm mit rund 1.000 zusätzlichen Schlafplätzen, das am Donnerstag gestartet wurde. Aber es ist nach wie vor ein Armutszeugnis, dass wir von Jahr zu Jahr ein so großes Winternotprogramm benötigen und es Osteuropäern immer schwerer gemacht wird, dort einen Platz zu kriegen. Wenn sie eine Adresse im Heimatland haben, heißt es, sie seien »freiwillig obdachlos« und sollen nach Hause fahren. Völlig grotesk! Wir wollen zeigen, dass diese Menschen nicht hier sind, um »unsere Sozialkassen zu plündern«, wie es oft heißt. Sie sind aus Verzweiflung darüber hier, dass es in ihrer Heimat weder Arbeit noch Sicherheit gibt.

Was macht Obdachlosigkeit mit einem Menschen?

Wir sehen in unserer täglichen Arbeit, dass der körperliche Verfall in einem wahnsinnigen Tempo voranschreitet. In der ersten kalten Nacht ist eine unserer Verkäuferinnen, eine Polin, in Niendorf verstorben. Sie wurde gerade einmal 43 Jahre alt. Natürlich kann man sagen, sie hat viel Alkohol getrunken und war krank – aber ich hab’ sie noch vor Augen, als sie zu uns kam: eine sehr attraktive Frau. Und innerhalb von sechs Jahren hat sie so abgebaut. Das Leben auf der Straße macht die Menschen kaputt. Man trinkt, um zu vergessen, man verliert jede Hoffnung.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 25 Jahren Hinz & Kunzt?

Auch durch unser Magazin ist das Bild von Obdachlosen ein anderes als zu Beginn. Das Blatt wird von einer Redaktion auf sehr professionelle Art und Weise gemacht, die über alle möglichen sozialen und kulturellen Probleme berichtet. Dabei wird die Würde der Menschen geachtet. Diese Arbeit braucht große Sensibilität und das haben wir in den 25 Jahren gut hinbekommen, vor allem auch dank unserer Chefredakteurin und Mitbegründerin Birgit Müller, die genau dafür eine besondere Begabung hat.

Stephan Karrenbauer kam 1994, ein Jahr nach Gründung, als Sozialarbeiter zum Straßenmagazin Hinz & Kunzt


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