Aus: Ausgabe vom 25.10.2018, Seite 4 / Inland

Kritik an Lückenpresse

Junge Sinti und Roma stören nicht nur Negativschlagzeilen

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Kundgebung gegen antiziganistische Hetze im Oktober 2013 in Berlin vor dem Mahnmal für die während des deutschen Faschismus ermordeten Sinti und Roma

Der Verein Amaro Drom e. V. kritisiert nicht nur Negativschlagzeilen über Roma und Sinti, sondern auch die fehlende Medienberichterstattung über deren Engagement. Zur Bundesjugendkonferenz der Sinti und Roma, die vom 28. September bis zum 1. Oktober in Berlin stattfand, sei die »zahlreich eingeladene Presse« nicht erschienen, erklärte der Verein anlässlich der Fachtagung »Antiziganismus in den Medien« am Mittwoch (siehe jW-Bericht morgen). Schon in den vergangenen Jahren habe sich die Presse schwer damit getan, der größten bundesweiten Veranstaltung junger Roma und Sinti einen Nachrichtenwert abzugewinnen. 2016 hatte die Konferenz in Nideggen-Schmidt bei Köln und 2017 in Freiburg im Breisgau stattgefunden.

Dem Argument, es gebe in den dezentralen Veranstaltungsorten keine Korrespondentinnen oder Korrespondenten, habe 2018 mit dem Veranstaltungsort Berlin jede Grundlage gefehlt, erklärten die Veranstalter. Ihre Vermutung: Wenn in einer Presseeinladung von Sinti und Roma in Deutschland Schlagworte wie »Betteln«, »Kriminalität«, »Obdachlosigkeit«, »Horrorhaus« oder »Diskriminierung« fehlten, scheine es kein Interesse zu geben.

Roma und Sinti seien für deutsche Medien »vor allem dann interessant, wenn sie als passive Opfer präsentiert oder als kriminell dargestellt werden können«. Wollten sie jedoch selbst zu Wort kommen, »um ihre Geschichten und politischen Ziele in die Öffentlichkeit zu tragen, passen sie nicht mehr in die Schablonen, die ihnen die Medien offenbar zuweisen – und werden ignoriert«.

Zentrales Anliegen der Bundesjugendkonferenz 2018 sei »die Schaffung eines Raumes zur persönlichen Entfaltung und politischen Teilhabe der Jugendlichen« gewesen, heißt es in einem Bericht auf der Homepage von Amaro Drom. »Das ist uns gelungen.« Ein solcher Raum sei keine Selbstverständlichkeit. »Das verdeutlichen die Geschehnisse seit August 2018 in Sachsen ebenso, wie die sich verschärfenden rechtspopulistischen Debatten und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft.«

Im Medienworkshop »Breaking the (stereotypical) Image« sei es schwerpunktmäßig um die Selbstrepräsentation in »sozialen Netzwerken« und die Dokumentation der Bundesjugendkonferenz gegangen. (jW)


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  • Rüdiger Benninghaus: Amaro Drom und die Presse Na ja, wenn der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma irgendwelche schlauen oder weniger geistreichen Erklärungen, Aktionen usw. vom Stapel lässt, dann berichtet die Presse durchaus. Wenn allerdings...

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