Aus: Ausgabe vom 24.10.2018, Seite 8 / Ansichten

Aufarbeiter des Tages: Ilko-Sascha Kowalczuk

Von Nico Popp
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Ilko-Sascha Kowalczuk im März 2009 auf der Leipziger Buchmesse

Hubertus Knabe ist weg. Das heißt auch: In der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ist ein Posten frei. Das erste Bewerbungsschreiben ist eingegangen und am Dienstag im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht worden. Abgeschickt hat es der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, seit vielen Jahren beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR tätig.

Kowalczuk war nie ein Freund Knabes. Vor ein paar Jahren erlaubte er sich den Hinweis, dass in der DDR eigentlich die SED und nicht das Ministerium für Staatssicherheit das Kommando gehabt habe. Diese Banalität sorgte für Aufregung in dem Milieu professioneller Antikommunisten, das in der Hauptstadt in »Aufarbeitung« macht: Will der Mann die »Stasi« entlasten?

Natürlich nicht. Er verlangt »Grautöne«, was hier meint: Die SED und gerne auch die ganzen »Mitläufer« gehören mit in die Pfanne gehauen. Es sei eine »schreiende Ungerechtigkeit«, schreibt Kowalczuk in der SZ, dass »eine Institution, das Ministerium für Staatssicherheit, zum Beelzebub erklärt wurde«. Die anderen Ossis waren nämlich nicht gerade Prototypen des Freiheitskampfes; noch 1989 habe nur eine Minderheit aufgemuckt. Die »Stasi-Überprüfung«: eine einzige »Beruhigungspille« für die »Mitläufergesellschaft«, die sich der »Ostalgie« zuwenden konnte – dem, na klar, Äquivalent der »Landserschmonzetten in der alten Bundesrepublik«.

Knabe habe das nie begriffen. Die geschichtspädagogische »Überwältigungsstrategie« in Hohenschönhausen erinnert Kowalczuk an die »Mahn- und Gedenkstätten der DDR« – hier wie dort »einstige Häftlinge«, die die Besucher mit »Holzhammerargumenten« traktieren. So konnte das nichts werden mit der »Demokratie im Osten«. Eine Folge: »Chemnitz«. Faschoaufmärsche in Sachsen, weil bisher nicht richtig »aufgearbeitet« wurde? Hier will jemand nach oben.


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