Aus: Ausgabe vom 24.10.2018, Seite 8 / Ansichten

Günstige Gelegenheit

Erdogans Machtpoker

Von Jörg Kronauer
RTX6G4PO.jpg
Despot gegen Kronprinz: Erdogan während seiner Rede im Türkischen Parlament am Dienstag

Erdogan macht ernst. Nicht nur allgemein hat er am Dienstag die Aufklärung des Mordes an Dschamal Chaschukdschi gefordert. Er hat darüber hinaus mehrere konkrete Bedingungen dafür genannt. Ein Gerichtsverfahren in Riad genügt ihm nicht; er verlangt einen Prozess dort, wo der Mord begangen wurde – in Istanbul, wo der saudische Herrscherclan keine Kontrolle ausübt. Darüber hinaus müsse sich eine unabhängige Untersuchungskommission der Sache annehmen, erklärt der türkische Präsident. Vor allem aber gehe es nicht an, das Verbrechen einfach nur »einigen Geheimdienstmitgliedern anzulasten«. Es müssten auch »die Auftraggeber bestraft« werden. Die da wären? Erdogan ließ in seiner gestrigen Rede eine schreiende Leerstelle offen. Er zweifle nicht an der Aufrichtigkeit von König Salman, beteuerte er. Was er aber von Kronprinz Mohammed bin Salman hält, der bekanntlich der wirkliche Machthaber in Riad ist, sagte er explizit nicht.

Weshalb geht Erdogan den saudischen Kronprinzen derartig an? Zum einen kann es natürlich kein Staat der Welt einfach so dulden, dass staatliche Halsabschneider diplomatische Einrichtungen auf seinem Hoheitsgebiet nutzen, um ihr blutiges Handwerk zu verüben. Erschwerend kommt hinzu, dass im konkreten Fall sich Chaschukdschi Erdogan politisch angenähert hatte, dass der Mord also den türkischen Staatspräsidenten in besonderer Weise traf. Das erklärt aber immer noch nicht, weshalb Erdogan nicht genauso reagiert hat, wie er es sonst gewöhnlich tut – laut Krawall schlagen, irgendwelche Maßnahmen gegen Riad ergreifen, vernehmlich grollen und abwarten, was passiert. Diesmal geht’s um mehr.

Die Lage in Syrien, wo die Türkei und Saudi-Arabien Seite an Seite versuchten, die Regierung zu stürzen, hat den Blick auf die Rivalität zwischen den beiden Staaten lange verdeckt. Riad will sich als anerkannte Vormacht der sunnitisch-islamischen Welt etablieren. Ankara strebt nach einer führenden Stellung in einem Gebiet, das das Territorium des früheren Osmanischen Reichs umfasst, zugleich aber auch weitere Teile der islamischen Welt umgreift. Die beiden Herrschaftsansprüche überschneiden sich. Ausgetragen werden sie auch im Medium der Religion. Riad setzt auf eine autoritäre Herrschaft, die die Bevölkerung mit einem vorsichtig modernisierten salafistischen Islam stillstellt. Ankara setzt auf islamistische Massen mit einem islamistischen Regime. Dazu kooperiert es mit der Muslimbruderschaft, der Chaschukdschi nahestand. Genauso tut es das Emirat Katar, das mit der Türkei kooperiert und von Saudi-Arabien erbittert attackiert wird. Beispiele gäbe es mehr. Dumm nur für Ankara, dass die Trump-Administration den Hardlinern in Riad freie Hand lässt. Der Mord an Chaschukdschi bietet die seltene Chance, mit dem Kronprinzen die zentrale Gestalt der saudisch-amerikanischen Hardlinerachse zu beschädigen. Erdogan lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Achim Lippmann: Unterste Schublade Es geht um sehr viel! Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches und eine der größten islamischen Nationen (man hat größere Potentiale als das Königreich Saudi-Arabien, KSA). Das KSA unter ...

Ähnliche:

Mehr aus: Ansichten