Aus: Ausgabe vom 22.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Hinter den Kulissen

Ein Nachtrag zum deutsch-deutschen »Bilderstreit«

Von Peter Michel
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Bernhard Heisig beim Malen des Exkanzlers Helmut Schmidt im Leipziger Atelier, 1986

Kristina Volke, Stellvertretende Leiterin und Kuratorin in der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, legte kürzlich eine beeindruckende Publikation vor. Ihr Buch trägt den Titel »Heisig malt Schmidt. Eine deutsche Geschichte über Kunst und Politik«. Es hat mich aus zwei Gründen gepackt.

Der erste: Bernhard Heisig war mir und anderen seit den 70er Jahren ein kritischer Freund. Als wir ihn zum letzten Mal in seinem Atelier im havelländischen Strodehne besuchten, saß er im Rollstuhl und malte am großen Geschichtspanorama, das heute in der Präsenzbibliothek des Bundestages hängt (vgl. jW vom 17.6.2011, S. 10/11). Er erwähnte en passant, Helmut Schmidt habe ihn erst kurz zuvor wieder besucht. Die hetzerischen Angriffe wegen seiner Teilnahme an der künstlerischen Ausstattung des Reichstagsgebäudes lagen damals noch vor uns. Unsere Erinnerungen an Heisig wurden durch Kristina Volkes Buch wieder sehr lebendig.

Und der zweite Grund: Wenn die Archive der Stasi-Unterlagenbehörde nicht in denunziatorischer Absicht gegen Einzelpersonen oder als billige Munition gegen den »Unrechtsstaat« verwendet werden, sondern als kritisch zu wertende Quellen zur Erforschung von Zeitgeschichte, wenn zugleich bisher kaum öffentlich genutzte Archivmaterialien des Bundeskanzleramtes oder der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR dokumentiert sind, kann man von einer begrüßenswerten Qualität sprechen. Der im Jahr 2000 erschienene Band »Eingegrenzt – Ausgegrenzt. Bildende Kunst und Parteiherrschaft in der DDR 1961–1989« von Hannelore Offner und Klaus Schroeder hatte noch die medienübliche Sensationshascherei quasi akademisch bedient. Der Kunsthistoriker Wolfgang Hütt führte jedoch schon vier Jahre später in seinem Buch »Gefördert. Überwacht. Reformdruck bildender Künstler der DDR – Das Beispiel Halle« vor, wie man seriös mit Unterlagen des MfS umgeht, und Gisela Schirmer aus Osnabrück setzte mit ihren Büchern »DDR und Documenta. Kunst im deutsch-deutschen Widerspruch« (2005) und »Willi Sitte – Lidice. Historienbild und Kunstpolitik in der DDR« (2011) solches Mühen um Objektivität fort. Kristina Volkes Buch gehört nun ganz selbstverständlich dazu.

Viel Sprengstoff

Sie stammt aus Dresden, nahm nach 1989/90 ihr Studium an der Berliner Humboldt-Universität auf und musste sich zunächst selbst von Vorurteilen gegenüber der Kunstentwicklung in der DDR befreien. Mit sicherem Blick auf relevante Details rekonstruiert sie nun in ihrem Buch einen außergewöhnlichen Vorgang, der sich 1984–1986 zwischen den beiden deutschen Staaten abspielte. Dabei wird scheinbar Nebensächliches beim Lesen für das Ganze wichtig.

Man kann wieder zur Kenntnis nehmen, wie weit die kulturellen Beziehungen zwischen der DDR und der BRD bereits vor dem Kulturabkommen gediehen waren. Schon bei seinem Besuch in Güstrow im Dezember 1981 hatte Helmut Schmidt die Überzeugung geäußert, Deutschland sei eine Kulturnation, die aus eigener Kraft existiere (S. 15). Diese Haltung stieß damals nicht überall in Ost und West auf Gegenliebe. Heute gibt es – nach den beschämenden kunstvandalistischen Vorgängen in den Jahren nach der »Wende« – noch immer Versuche, Kunst aus der DDR aus dem nationalen Kontext auszuschließen.

Kristina Volke notiert, die Geschichte um das von Heisig gemalte Kanzlerporträt Helmut Schmidts habe die Kraft, »an einen wichtigen Aspekt des Kalten Krieges zu erinnern: die Kunst als dessen symbolischem Schauplatz. Der sogenannte deutsch-deutsche Bilderstreit hat nach der Wiedervereinigung gezeigt, wieviel Sprengstoff in diesem Thema steckt« (S. 17). Sie beschreibt die Vorgeschichte der Entstehung dieses Gemäldes: die Bemühungen Schmidts um die Ausstattung des Bundeskanzleramtes in Bonn mit Werken von Künstlern, die unter den Nazis als »entartet« gebrandmarkt waren; das Entstehen von Bildnissen früherer Kanzler und Schmidts Suche nach einem geeigneten Maler für das eigene Porträt. Zunächst waren Oskar Kokoschka und Olga Bontjes van Beek (aus der Künstlerkolonie Fischerhude) im Gespräch; doch beide waren damals wohl schon zu alt für diese Aufgabe. 1984 entstand schließlich, initiiert von der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR, die Idee, Bernhard Heisig darum zu bitten. Helmut Schmidt entschied sich für ihn, vermutlich deshalb, weil ihn »an dessen Werken die künstlerische Nähe zu den deutschen Expressionisten wie Otto Dix und Max Beckmann ebenso faszinierte wie die Tatsache, dass Heisigs Gemälde vor allem einen Schwerpunkt hatten: die deutsche Geschichte mit besonderem Fokus auf den Nationalsozialismus« (S. 63).

Vier Fassungen

Im Zentrum des Buches steht zunächst eine sehr genaue Analyse der künstlerischen Entwicklung Heisigs, seine Konfrontation mit den Formalistenjägern, das Mühen um die eigene Ikonographie, das Meiden von Pathosformeln in der Bildsprache. Diese Analyse ist differenzierter, als man sie andernorts nachlesen kann. Sie spürt der Dialektik von Lebensweg und subjektivem Kunstwollen nach.

Misstrauen gegen das, was sich zwischen Helmut Schmidt und Bernhard Heisig entwickelte, gab es in beiden deutschen Staaten. Sicherheitsleute der BRD und der DDR saßen aber manchmal im Atelier und an anderen Orten an einem Tisch. Die Atmosphäre beim Malen im Leipziger Atelier Heisigs, wo vier Fassungen des Porträts entstanden, wird in Kristina Volkes Buch detailliert beschrieben. Wenn die Berichte von inoffiziellen Mitarbeitern des MfS nicht genutzt worden wären, hätte man heute von vielem, was sich hinter den Kulissen abspielte, keine Kenntnis. Jede Fassung des Schmidt-Porträts wird durch die Autorin genau analysiert. Einen Grund für das Gelingen dieser Werke sieht sie auch in der Wesensverwandtschaft zwischen Porträtiertem und Porträtierendem: »Beide kommen aus derselben Zeit, beide hatten bei der Wehrmacht gedient und sind von denselben Zweifeln und Dämonen getrieben, beide haben ihr Leben der Verantwortung gewidmet, die aus eigener Mitschuld erwächst.« (S. 170) Heisigs Antikriegsbilder und z. B. sein lithographierter Zyklus zu Ludwig Renns Roman »Krieg« demonstrieren unübersehbar seine Haltung.

Am 24. Oktober 1986 fiel dann die endgültige Entscheidung. Das nun offizielle Kanzlerbildnis, das man heute in Berlin in der Galerie des neuen Kanzleramts sehen kann, kam damals ins Bonner Kanzleramt, wo es offiziell am 11. November 1986 eingeweiht wurde; eine weitere Fassung kam ins Haus der Geschichte in Bonn, die dritte in die Kunsthalle Emden und die vierte als Geschenk Heisigs in das Wohnhaus Helmut Schmidts in Hamburg-Langenhorn. Das Kulturabkommen war kurz zuvor, am 6. Mai 1986, unterzeichnet worden. Willi Sitte stand dem Ganzen kritisch gegenüber, da Schmidt der Kanzler des NATO-Doppelbeschlusses war.

Zum Speien

Wir erinnern uns beim Lesen des Buches an jene, die verhindern wollten, dass sich Bernhard Heisig an der künstlerischen Ausgestaltung des Reichstagsgebäudes beteiligte, also an Lutz Rathenow, Christoph Tannert, Freya Klier u. a. – und an die abfällige Bemerkung Rathenows, er kenne niemanden, der sich für das Werk Heisigs interessiere. Ob er noch dazu steht? Im Buch von Kristina Volke wird ein Satz Helmut Schmidts zitiert, der bis heute gilt: »Die moralische Besserwisserei mancher Westdeutscher ist mir zum Speien.« (S. 184) Rathenow stammt zwar nicht aus der Alt-Bundesrepublik, sondern aus Jena, ist aber seit 2011 Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seinen Beitrag zur wirklichen deutschen Einheit wird die Geschichte beurteilen.

»Heisig malt Schmidt« – dieses Buch zeigt, wie im Verlagstext formuliert, die Kraft der Kunst in politisch schwierigen Zeiten. Allen, denen das wirkliche, gleichberechtigte Zusammenwachsen der Deutschen am Herzen liegt – von dem wir noch weit entfernt sind –, sei es dringend empfohlen.

Kristina Volke: Heisig malt Schmidt. Eine deutsch-deutsche Geschichte über Kunst und Politik. Ch.-Links-Verlag, Berlin 2018, 224 Seiten, 30 Euro

Buchvorstellung und Gespräch mit der Autorin am 23. Oktober, 18.30 Uhr, Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstraße 10, 04109 Leipzig


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